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Griechenlands Präsident : Sehnsucht nach der Mauer

Präsident Prokopis Pavlopoulos pflegt einen essayistischen Salon-Anti-Germanismus. Bild: dpa

Griechenlands Präsident Pavlopoulos weiß, wo die Wurzel aller griechischen Übel liegt: in Deutschlands Wiedervereinigung. Kanzlerin Merkel macht er persönlich für die Misere seines Landes verantwortlich - wegen ihrer „traumatischen ostdeutschen Herkunft“.

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          Es mag sich manch einer gewundert haben, warum Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras im Februar ausgerechnet einen Konservativen von seinem „Bündnis der radikalen Linken“ (Syriza) zum neuen Staatspräsidenten wählen ließ. Der Grund ist einfach: Prokopis Pavlopoulos lässt sich in seiner Neigung, Deutschland für alle Übel Griechenlands und Europas verantwortlich zu machen, von keinem Angehörigen des politischen Personals in Athen übertreffen. Das macht ihn, Konservativer hin oder her, auch für Syriza annehmbar. Bisher fiel Pavlopoulos’ Haltung kaum auf, denn erstens gehörte er zuletzt nicht mehr zur ersten Garnitur der Athener Politik, und zweitens kleidet der Politiker noch die maliziösesten Behauptungen in den Mantel kühler Intellektualität, weshalb sie sich nicht für fetzige Schlagzeilen eignen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Während der rechtspopulistische Verteidigungsminister Panos Kammenos den billigen Jakob des Deutschenprügelns gibt, pflegt Pavlopoulos einen essayistischen Salon-Anti-Germanismus in akademischen Zeitschriften. Als Paradebeispiel kann sein in der Wochenzeitung „Epikaira“ („Die Aktualitäten“) erschienener Aufsatz zur Euro-Krise gelten, der scheinbar feiner daherkommt als die groben Karikaturen von Wolfgang Schäuble oder Angela Merkel in SS-Uniformen, sich aber aus derselben Schublade bedient.

          Das eigene Land an die Wand gefahren

          Pavlopoulos war Innenminister von 2004 bis 2009, als der Beamtenapparat in selbst für griechische Verhältnisse herausragendem Umfang durch politische Gefälligkeitseinstellungen aufgebläht wurde. Er ist ein Vertreter jener Elite, die erst das eigene Land an die Wand gefahren hat und seither andere bezichtigt, schuld daran zu sein. Pavlopoulos, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Essays noch Abgeordneter der damaligen Regierungspartei Nea Dimokratia, konstatiert in dem Text einleitend eine „tiefe Kluft“ zwischen Deutschland und Europas Süden, resultierend aus „der löwenhaften Überlegenheit“ deutscher Exportüberschüsse. Zwar gebe es keine eindeutige Erklärung für die Frage, wie es so weit kommen konnte, eines aber sei sicher: Im Mittelpunkt der Krise stünden „brutale strukturelle und finanzielle Verzerrungen, die wiederum ausschließlich deutscher Herkunft sind“.

          Pavlopoulos weiß auch, wo die Wurzel allen Übels liegt: In der Wiedervereinigung Deutschlands, die er „das Hemmnis für das europäische Zusammenwachsen“ nennt. „Solange es geteilt war, hat Deutschland sich durch die Berliner Mauer an sein Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert ... Deutschland war gefangen im Rettungsring der EU“, konstatiert Pavlopoulos. Nach der Wiedervereinigung habe das Land aus einem europäischen Deutschland ein deutsches Europa machen wollen und systematisch die wirtschaftlichen Kosten der Wiedervereinigung - laut Pavlopoulos mindestens zwei Billionen Euro - auf Europa abgewälzt.

          Bemerkenswert ist Pavlopoulos’ Begründung für die hohen Kosten der Wiedervereinigung. Vor allem sei es falsch gewesen, den Wechselkurs der beiden deutschen Währungen wider jede ökonomische Vernunft bis zu bestimmten Summen auf 1:1 festzulegen, denn dies habe zu einer stark steigenden Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern geführt. Auch das Streben nach einer Angleichung der Löhne und Gehälter sei falsch gewesen. Denn „diese Entwicklung vernichtete die Wettbewerbsfähigkeit Ostdeutschlands und erforderte in der Folge ihre elementare Restaurierung durch das Fließen riesiger Summen aus Westdeutschland“. Offenbar ohne sich dessen bewusst zu sein, führt Pavlopoulos damit dieselben Argumente gegen eine deutsch-deutsche Währungsunion an, die Befürworter eines „Grexits“ für den Ausschuss Griechenlands aus der Eurozone vortragen.

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