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Neuausgabe der Bibel : Luther aufs Maul geschaut

Bei dieser Bibelproduktion kamen Schafe zu Schaden:Das Arbeitszimmer in der Wartburg, in dem Martin Luther 1521 das Neue Testament übersetzte. Bild: Wolfgang Eilmes

Eigentlich wollte die evangelische Kirche die Lutherbibel nur auf Fehler durchsehen lassen. Stattdessen kehrt sie an unzähligen Stellen zum Deutsch Martin Luthers zurück.

          9 Min.

          „Jetzt kommt diese Hackfleischgeschichte“, sagt Christoph Levin. Bei Kapitel 21, Vers 6 angelangt, stehen die in einem Leipziger Tagungsraum versammelten Doktoren, Professoren und Altbischöfe vor einer schwierigen Entscheidung. Was soll mit den sieben Männern geschehen, die König David den Gibeonitern ausliefert? Martin Luther ließ sie im Jahr 1545 „auffhengen“. Die Lutherbibeln der Jahre 1912 und 1984 folgten dem Reformator und ließen die bedauernswerten Männer mit kleiner orthographischer Anpassung „aufhängen“. Welchen Tod werden die Männer also in der Lutherbibel des Jahres 2017 sterben?

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die exegetische Fachkommission für das 2. Buch Samuel schlägt vor, ihnen die „Glieder zu brechen“. Luthers alte Übersetzung „aufhängen“ entspricht nicht mehr dem Stand der Forschung. Ihnen stattdessen die „Glieder zu brechen“, so ließe sich vermuten, müsste doch eine Alternative ganz nach dem Geschmack Luthers sein. Der Leser würde so förmlich das Splittern der Knochen hören. Luther liebte solche knackscharfen Formulierungen.

          Doch Christoph Levin, Professor für das Alte Testament an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bevorzugt das schlichte „hinrichten“. Im Wörterbuch steht diese Bedeutung an erster Stelle. Auch die katholische Einheitsübersetzung hat sich für „hinrichten“ entschieden. Und woher soll man auch genau wissen, ob die Männer im Text nun durch Aufhängen oder Knochenbrechen sterben? Levins Kollegen nicken. Die Fachkommission ist damit vom Lenkungsausschuss überstimmt worden: Die Gibeoniter werden ihre Opfer in der Lutherbibel künftig „hinrichten“.

          Bibel wird neu übersetzt

          Zum Projektbeginn im Jahr 2010 war davon die Rede, die Lutherbibel werde anlässlich des großen Reformationsjubiläums 2017 bloß einer „Durchsicht“ unterzogen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) suggerierte damit, dass es an der Lutherbibel nur minimale Änderungen geben werde. Antasten werde man die Übersetzung nur dort, wo Luther oder seinen Nachfolgern nicht der korrekte hebräische oder griechische Urtext vorlag oder die exegetische Forschung Änderungen zwingend nötig erscheinen lässt.

          Mit dem Begriff „Durchsicht“ stapelte der Rat der EKD, der über das Kulturgut als Herausgeber wacht, so tief wie möglich. Seither hat sich die „Durchsicht“ abseits der Öffentlichkeit und entgegen der ursprünglichen Absicht zu etwas Größerem ausgewachsen: Die überarbeitete Lutherbibel wird in den meisten Teilen eine Vielzahl von Änderungen, teils an markanten Stellen, aufweisen und in wenigen Teilen sogar eine Neuübersetzung sein.

          Ende Oktober soll der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm das fertige Gesamtwerk feierlich aus den Händen vom Projektleiter, Altbischof Christoph Kähler, entgegennehmen. Als Ort der Übergabe ist die Wartburg über Eisenach vorgesehen. Also jener Ort, an dem Martin Luther 1521 mit der Bibelübersetzung begann. Das Neue Testament ging Luther auch recht flott von der Hand. Rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse legte Luther 1522 sein „Septembertestament“ vor. Auf die auratische Einsamkeit über deutschen Buchenwäldern ist die Sprachgewalt der Lutherbibel jedoch nicht zurückzuführen.

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