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Globalisierungskritiker : Attac und die „Tyrannei der Strukturlosigkeit“

  • -Aktualisiert am

Attac: Der Konsens bleibt heilig Bild: dpa

„Attac“, das Netzwerk der Globalisierungskritiker, hat um eine neue Struktur gerungen. Die Basisdemokraten bleiben skeptisch gegenüber „Gremienprofis“.

          Buh-Rufe und Pfiffe, wenn Nato oder Bundeskanzler Schröder auch nur erwähnt werden. Aber dann, Applaus unter den Hunderten junger Frauen und Männer, als Präsident Bush als Protagonist des verhassten Neoliberalismus geschmäht wird: angeblich rücksichtslos, nur der eigenen Macht und den Kapitalinteressen globaler Konzerne verpflichtet. Bei Attac, dem Netzwerk der Globalisierungskritiker, geht es nicht um ein bisschen mehr links. Attac fordert eine grundlegend andere Politik.

          An diesem Wochenende hat Attac um eine neue Grundsatzerklärung und Organisationsstruktur gerungen. Beim sechsten Bundeskongress, dem so genannten „Ratschlag“, stritten in Frankfurt am Main Hunderte Freundinnen und Freunde, diskutierten Mitstreiterinnen und Mitstreiter, erhitzten sich Sympathisantinnen und Sympathisanten. Es waren so viele wie noch nie bei einem Arbeitstreffen.

          Ungebremster Zulauf

          Der bisher lose Zusammenschluss aus Einzelpersonen und Organisationen hat ungebremsten Zulauf. Seit im Sommer 2001 der G-8 Gipfel von Genua wegen der gewalttätigen Proteste und der gnadenlosen Härte der italienischen Polizei für Aufsehen sorgte, nahm die Zahl der Attac-Mitglieder allein in Deutschland von 2000 auf heute 6500 zu - Tendenz: rapide steigend.

          Zeit also, für die wachsende Schar der Friedens-, Frauen- und Öko-Bewegten, die bunte Reihe der gewerkschaftlichen, kirchlichen und entwicklungspolitischen Mitgliedsorganisationen festere Strukturen zu entwerfen. Aber wie, wenn Basisdemokratinnen und Basisdemokraten störrisch ihr Misstrauen gegen jede Form der Repräsentation, gegen „Gremienprofis“ pflegen?

          Macht- oder Vertrauensposition?

          Haben gewählte Repräsentanten, wie die im geschäftsführenden Koordinierungskreis von Attac, eine Macht- oder eine Vertrauensposition? Wirklich einig waren sich die Versammelten darüber nicht. „Macht ist immer schlecht“, argwöhnten die einen, „Schluss mit der Misstrauenskultur“, forderten die anderen. Immer schwingt dann mit, dass Attac nur nicht so werden soll wie eine politische Partei.

          Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen, ein heiliger Grundsatz bei Attac. Es gibt keine Abstimmungen, es wird ein „Meinungsbild“ erstellt. Widersprechen mehr als zehn Prozent der Abstimmenden, bildet sich sofort eine Arbeitsgruppe, die diszipliniert einen Kompromiss herbeidiskutiert oder - wenn es partout nicht gelingen mag - ein Thema bis zum nächsten Ratschlag vertagt.

          „Wir sind doch nicht auf einem Parteitag“

          Der Ton der Auseinandersetzung ist friedlich, quasi gewaltfrei. Niemand soll zu kurz kommen. Greifen die Moderatoren auf dem Podium ausnahmsweise stärker in eine Debatte ein als für alle akzeptabel, ernten sie offenen Widerspruch: „So nicht, wir sind doch nicht auf einem Parteitag.“

          Bisher bezieht Attac seine Kraft aus den regionalen Gruppen, den Kämpfern an der Basis, die sich als Hände des Netzwerks verstehen, aber eben auch darauf bestehen, Teil des Kopfes der Organisation zu sein. Nun haben sie den Initiatoren aus dem Koordinierungskreis nach quälenden Diskussionen ein Zugeständnis gemacht. Als die Reform schon fast zu scheitern drohte, hatte ein junger Mann das Eis gebrochen: „Sollen wir uns hier blockieren, während gleichzeitig Hunderte Millionen US-Dollar nach Anlagemöglichkeiten suchen und die Welt kaputtmachen?“ Das saß.

          Neu: Attac-Rat

          Nun soll es ein Jahr auf Probe - man weiß ja nie - ein neuer Attac-Rat richten: etwa die Arbeit aus dem geschäftsführenden Koordinierungskreis auf mehr Schultern verteilen; das Potenzial neuer Gruppen für alle nutzbar machen; die Kommunikation der Mitglieder verbessern; die Organisation von Kampagnen erleichtern - aber um Himmels willen nicht „strategischer Kern“ sein. Diese Formulierung ging nicht nur dem Redner zu weit, der sich schmunzelnd als „Graswurzel-Anarchist aus Überzeugung“ beschrieb.

          Delegierte wird es auf den Versammlungen nicht geben. Diesen Schritt weiter mochten die Frauen und Männer nicht gehen. Auch künftig soll stets der „Ratschlag“ entscheiden. Bloß keine Klüngel. Dabei hatte Attac-Sprecher Felix Kolb geschickt amerikanische Feministinnen ins Spiel gebracht. Selbst die hätten schon über die „Tyrannei der Strukturlosigkeit“ geschrieben.

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