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Globalisierungsgegner : „Wir wollen den Gipfel verhindern“

  • -Aktualisiert am

Computer, Handys und 6.000.000.000 - die Stärken der Gipfel-Gegner Bild: dpa

In der Via Cesare Battisti in Genua ist ein Hauptquartier der Globalisierungsgegner. Ihr Ziel: Den Gipfel verhindern. Gewalt ist für einige Demonstranten ein legitimes Mittel.

          Infos für Straßenaktionen, vegetarische Esstipps, kommunistische Aufrufe, Rechtshilfe im Umgang mit der Polizei („das könnt ihr kopieren“, „geht zusammen, nicht alleine“), Linux-Tipps für die zahlreichen Computer, Plakate gegen Weltbank und Weltwährungsfonds. So bunt und vielscheckig wie die Pinwand in der Grundschule Amando Diaz ist auch das politische Patchwork der Demonstranten aus ganz Europa, die sich in der Via Cesare Battisti auf ihre Aktionen gegen den G8-Gipfel der führenden Industriestaaten vorbereiten.

          Das fünfstöckige gelbe Gebäude, nur wenige hundert Meter vom Hafen entfernt, ist eines der Hauptquartiere der G8-Gegner. Im dritten Stock ist die Kommunikationszentrale. Von hier aus werden die Webseiten von Indymedia.org bestückt. Unter dieser Internetadresse können sich Sympathisanten ständig mit neuesten News über die Lage an den Grenzen und in Genua versorgen („Die Spannungen steigen. Kommt. Wir brauchen Euch alle.“).

          „Ihr seid G8, wir sind 6.000.000.000“

          „Ihr seid G8, wir sind 6.000.000.000“ heißt das Motto der Proteste des Genoa Social Forum gegen Globalisierung. Höhepunkt der Aktionen soll die Demonstration am Samstag werden, zu der nach Schätzungen zwischen 100.000 und 200.000 Globalisierungsgegner erwartet werden.

          Im Erdgeschoss der Grundschule Amando Diaz beißt der Geruch von frischer Farbe. Anhänger der Aktion „No border - no nation“ legen mit Farbsprühdosen letzte Hand an ihre zum Teil aberwitzigen Skulpturen aus Badewannen, Einkaufswagen, Rollcontainern und Gummireifen. Mit ihnen soll am Donnerstagnachmittag in Genua bei einer ersten Protestaktion, dem Migrantinnen-Marsch, gegen die Ausgrenzung von Ausländern demonstriert werden.

          Wema, so will der Streetworker aus Wien genannt werden, zieht schon seit drei Wochen mit der freien politischen Theatertruppe „No border - no nation“ durch Europa. „Wir haben auch an den Protesten gegen das Wirtschaftsforum in Salzburg teilgenommen“, erzählt der junge Mann mit dem Irokesen-Haarschnitt und Tätowierungen am ganzen Körper, während er aus allerhand Wohlstandsmüll einen Alien, einen Außerirdischen mit Ufo, für den Migrantinnen-Marsch bastelt.

          Wema ist nicht gundsätzlich für Gewalt. „Die Frage ist nur, von wem die Gewalt denn ausgeht, in Göteborg war es die Exekutive“, kommentiert er die Straßenschlachten beim EU-Gipfel im Juni. Sein politisches Ziel: „Wir sind für mehr Menschlichkeit“, heißt es diffus und gleichzeitig überzeugt. „Wir leben für anarchistische Ideen.“ Der Sozialarbeiter möchte gern Staaten und Grenzen aufheben. Wie? Das weiß er auch nicht so genau.

          „Ich unterstütze gewaltsame Aktionen“

          Den großen politischen Gegenentwurf hat kaum einer der in der Via Cesare Battisti versammelten Demonstranten, und das beunruhigt niemanden. Ihre Ziele setzen sich zunächst aus ganz praktischen Aktionen, aus der Ablehnung, aus der Dekonstruktion, aus dem Kampf gegen etwas zusammen. „Wenn bei McDonalds durch Steinwürfe Scheiben kaputtgehen, ist das nichts im Vergleich zur Gewalt, die McDonalds jeden Tag weltweit ausübt“, meint ein Zivildienstleistender aus Frankfurt. Seinen Namen will er nicht nennen. Seine wichtigsten politischen Überzeugungen: „Ich bin Anarchist und Veganer, und ich will mich nicht ausbeuten lassen.“ Politische Vorbilder sucht er in der Räterepublik des Spanischen Bürgerkriegs.

          Ein deutscher Freund, der Hinweise auf seine Identität nicht preisgeben mag, arbeitet bei der Website DestroyIMF.org. gegen den Weltwährungsfonds mit. „Außerdem engagiere ich mich bei den Protesten gegen die Castortransporte im Wendland. Die werden im Herbst bestimmt wieder ganz ordentlich“, sagt der untersetzte Blondschopf. Er spricht ständig von „der Bewegung“. „Aber nennen Sie uns bloß nicht Globalisierungsgegner. Wir sind Anti-Kapitalisten, und wir sind global. Wir sind gegen die Diktatur der Ökonomie.“

          Eigentlich müsste es Reparationszahlungen für die Dritte Welt geben, meint ein anderer. „Klar, die sollen dann damit keine Waffen kaufen.“ Egal, wie unausgegoren eine Meinung auch sein mag, in der neuen Unübersichtlichkeit der so genannten Globalisierungsgegner hat jede ihren Platz.

          Und auf Äußerungen von Politikern, die Demonstranten repräsentierten keine breitere Öffentlichkeit, reagieren die beiden Deutschen mit einem selbstgewissen Grinsen. „Wir werden immer mehr sein als die paar tausend Polizisten“, erklären sie zu der am Samstag bevorstehenden Großdemonstration. Ihr Ziel: „Wir wollen den Gipfel verhindern“, so der Castorgegner. „Ich persönlich unterstütze auch gewaltsame Aktionen.“

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