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Ghanim al Bassu : Gewählt

Ghanim al Bassu (2003) Bild: F.A.Z.-Foto Helmut Fricke

Ghanim al Bassu ist in der Ära nach Saddam Hussein der erste irakische Politiker, der mit der Legitimation einer Wahl ein öffentliches Amt bekleidet. Am 5. Mai hatte eine Gruppe von 242 Notabeln aus Mossul und Umgebung einen interimistischen Stadtrat gewählt.

          Ghanim al Bassu ist in der Ära nach Saddam Hussein der erste irakische Politiker, der mit der Legitimation einer Wahl ein öffentliches Amt bekleidet. Am 5. Mai hatte eine Gruppe von 242 Notabeln aus Mossul und Umgebung einen interimistischen Stadtrat gewählt. Der kürte noch am selben Tag unter mehreren Kandidaten al Bassu zum Bürgermeister. Dessen Machtbefugnisse reichen weit über die Grenzen der drittgrößten Stadt des Iraks hinaus. Als interimistischer Bürgermeister ist er auch für die gesamte Provinz Mossul zuständig. Erwartet wird von ihm, daß er die Lebensbedingungen rasch normalisiert. Seine erste Aufgabe sei es, an jedem Ort die Sicherheit wiederherzustellen, sagt Bassu. Jede Stunde werde sie besser. Daneben will er die akute Knappheit von Benzin und Gas überwinden. Mit einer Entspannung rechnet er, wenn in wenigen Tagen Kraftstoffimporte aus der Türkei, Syrien und Kuweit eintreffen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Zwei Bedingungen hatten die Wahl Bassus eingeschränkt, aber auch erleichtert. Die erste war, daß nur ein unabhängiger Kandidat Bürgermeister werden durfte. Bassu gehört keiner der Parteien an, die in Bagdad um die Bildung einer Übergangsregierung feilschen. Er werde auch unabhängig bleiben, versichert er. In der Stadt wird indes gemunkelt, daß er dem "Irakischen Nationalkongreß" von Ahmad Tschalabi und der "Vaterlandspartei" von Mishal Dschabburi nahestehe. Eine zweite Bedingung war, daß der interimistische Bürgermeister bei der ersten Wahl durch das Volk nicht mehr kandidieren dürfe. Die Frage, ob er einen Posten in der Zentralregierung in Bagdad anstrebe, beantwortet Bassu nur indirekt. Natürlich hoffe er, seine Erfahrungen in Bagdad für die Zentralregierung und für die Provinzen nutzbar zu machen.

          Mit Bassu ist die Wahl auf einen Vertreter aus einer traditionsreichen und angesehen Familie der Stadt gefallen. 1944 wurde er dort geboren, 1964 trat er in die irakische Armee ein. Während er die Offizierskarriere durchlief, studierte er an den Kriegsakademien des Iraks und Jordaniens. An der militärischen Hochschule al Bakr wurde er mit einer Arbeit über Strategie promoviert. Er stieg bis zum Kommandanten des 3. Heereskorps auf. Dann wurde er 1993 aus der Armee entlassen. Man warf ihm vor, in ein Komplott zum Sturz Saddam Husseins verwickelt gewesen zu sein. Für ein Todesurteil reichten die Beweise nicht. Exekutiert wurden hingegen sein Bruder und sein Onkel, die ebenfalls hohe Offiziere in der irakischen Armee gewesen waren.

          Grundsätzlich freuen sich die Bürger Mossuls, daß die erste Wahl in ihrer Stadt stattgefunden hat. Man hört aber auch Kritik. So sollen die Amerikaner nach ihrer Ankunft in Mossul zu sehr dem "Irakischen Nationalkongreß" und der "Vaterlandspartei" vertraut haben. Beide hätten eine Vorauswahl der Personen getroffen, mit denen die Amerikaner zusammenarbeiten sollten, sagen Kritiker. Viele unbescholtene und geeignete Kandidaten seien dadurch ausgeschaltet worden. Kritik gibt es auch an Bassu selbst. Den einen ist er zu weich, um mit harter Hand durchzugreifen; den anderen ist er zu sehr eine Fortsetzung des alten Regimes. Denn als Offizier mußte er Mitglied der Baath-Partei sein. Nicht wenige haben sich bereits in der Übergangszeit einen radikalen Neubeginn gewünscht. Diese Kritiker müssen sich bis zur ersten allgemeinen Wahl durch das Volk gedulden.

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