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Gewaltbereite Jugendliche : Auf der Suche nach dem Ich

Ideologische Ideale von Gleichheit, Reinheit und Einheit sind mit Gewalt verquickt Bild: dpa

Rechtsradikale Gesinnungen sind unter ostdeutschen Jugendlichen nicht verbreiteter als unter westdeutschen. Der Unterschied liegt vielmehr in der Gewaltbereitschaft. Das misslungene Lösen von Bezugspersonen ist dabei häufig ein großes Problem.

          Rechtsradikale Gesinnungen sind unter ostdeutschen Jugendlichen nicht verbreiteter als unter westdeutschen. Das belegen soziologische Studien der jüngsten Vergangenheit; sie korrigieren damit ein spezifisch westdeutsches Vorurteil. Der entscheidende Unterschied zwischen Ost und West liegt vielmehr in der Gewaltbereitschaft. Jedenfalls verweist darauf die vor drei Jahren erschienene Studie Klaus Schroeders sowie die 1997 vorgelegte Arbeit von Gerhard Schmidtchen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der Züricher Soziologe Schmidtchen, der die Gewaltbereitschaft in den neuen Bundesländern mit 34 Prozent gegenüber 19 Prozent im Westen angab, verwies auch darauf, dass sie nicht etwa durch gestörte Familienbeziehungen oder eine Krippenvergangenheit verursacht wird. Vielmehr lasse sich zeigen, dass das emotionale Einverständnis mit den Eltern und die Familienbeziehungen bei diesen Jugendlichen in der Tendenz besser funktionierten als bei anderen.

          Politische Analphabetentum äußerst weit verbreitet

          Dass das Bildungsniveau bei der Entstehung von Rechtsradikalismus eine erhebliche Rolle spielt und er unter Haupt- und Gesamtschülern sowie Berufsschülern stärker verbreitet ist als unter Gymnasiasten, bestätigen alle Studien. Doch verweisen neuere Untersuchungen auch darauf, dass das politische Analphabetentum selbst unter ostdeutschen Gymnasiasten erschreckend verbreitet ist. Desinteresse, Politikfeindlichkeit und Ablehnung der westlichen Demokratie verbinden sich gerade bei ostdeutschen Schülern mit dem Bewusstsein, einer Moralelite anzugehören.

          Selbst Jugendliche mit bürgerlich-akademischem Hintergrund sagen, sie hätten sich vom Osten verabschiedet, seien aber im Westen noch nicht angekommen - es fehlten ihnen jegliche „Bindungen“ zu diesem Land und zu seinem politischen System. Häufig ersetzt die Gesinnungsethik gerade bei diesen Jugendlichen den rationalen Zugang, der am ehesten noch im früheren Bürgerrechtlermilieu zu finden zu sein scheint. Ähnlich irrational sind auch die Befürchtungen vor Überfremdung, vor dem Fremden, mit dem keine Verständigung möglich ist. Der Ausländeranteil wird von der Bevölkerung in Ost wie West erheblich überschätzt.

          Woher kommt die viel höhere Gewaltbereitschaft?

          Richard Schröder hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass es schon zu DDR-Zeiten eine gewalttätige Skinhead-Szene gab und selbst Offiziere der Volksarmee an Hitlers Geburtstag Nazi-Parolen grölten. Diese Skinhead-Szene habe sich nach der Wende regelrecht befreit gefühlt und die neuen Freiheiten zu nutzen gewusst, indem sie permissive Toleranz und Meinungsfreiheit für sich in Anspruch nahm. In der DDR, so schreibt Schröder, gab es keine Erfahrungen mit Ausländern, weil sie in eigenen Brigaden und Wohnheimen gettoisiert waren.

          Selbst wenn es Unterschiede in der politischen Sozialisation im Osten und im Westen geben sollte, erklärt das noch nicht die wesentlich höhere Gewaltbereitschaft ostdeutscher Jugendlicher, die sich weder mit politischem Aktionismus noch mit einem „Kampf gegen rechts“ bewältigen lässt. Auch die häufig überwiegend kleinbürgerliche Herkunft und die niedrige Bildung der Täter, eine höhere Jugendarbeitslosigkeit, geringes Einkommen, männlich dominierte Gruppen und die Beobachtung, dass rechtsradikale Gewalt sich meist in ländlichen Gebieten ereignet, führen nicht wesentlich weiter.

          Adoleszenter Entwicklungsprozess ist ein Balanceakt

          Plausibler erscheinen Erklärungsmodelle, die Schwierigkeiten adoleszenter Ablösung von Eltern und alten Autoritäten in Verbindung bringen mit Sündenbocktheorien. Gerade weil viele ostdeutsche Jugendliche über stabile familiäre Bindungen verfügen, verschonen sie Eltern aus kindlicher Loyalität und richten ihre Gewalt gegen Fremde.

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