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Gewalt in Kiew : Opposition: Mehr als 60 Demonstranten getötet

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Ärzten zufolge wurden mehr als 60 Demonstranten in Kiew getötet. Die ukrainischen Sicherheitskräfte haben nach Aussage des Innenministers unterdessen Schusswaffen für den „Antiterroreinsatz“ erhalten.

          Bei den Unruhen in Kiew sind nach Angaben der Opposition am Donnerstag mehr als 60 Personen durch Schüsse getötet worden. Das sagte der Leiter der medizinischen Dienste der Opposition, Swjatoslaw Chanenko. Allein auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz (Majdan) in Kiew verloren nach Aussage des Arztes Dmitrij Kaschin mindestens 13 Menschen das Leben. „Jeder wurde mit einer einzigen Kugel erschossen“, sagte Kaschin. „Niemand hat zwei oder drei Wunden.“

          Offizielle Bestätigungen zur Anzahl der getöteten Demonstranten lagen zunächst nicht vor. Augenzeugen berichteten von Scharfschützen, die auf der Jagd nach Regierungsgegnern seien. Das Innenministerium sprach von mindestens einem getöteten und 29 verletzten Polizisten. Die ukrainischen Sicherheitskräfte wurden unterdessen nach Angaben von Innenminister Vitali Sachartschenko für den „Antiterroreinsatz“ bewaffnet. Die Schusswaffen dürften mit scharfer Munition eingesetzt werden, sagte Sachartschenko einer Mitteilung zufolge.

          Bei der Erstürmung des Oktoberpalastes in Kiew nahmen Regierungsgegner am Donnerstagvormittag eine ganze Einheit des Innenministeriums fest. Es handelt sich dabei um etwa 60 junge ukrainische Wehrpflichtige zwischen 18 und 20 Jahren. „Wir sind heilfroh, dass wir uns kampflos ergeben konnten“, sagte ein Wehrpflichtiger. Die jungen Leute wurden vom Majdan durch ein Spalier von Demonstranten weggebracht. Einige schlugen sie, andere versuchten, sie zu schützen; viele der Wehrpflichtigen trugen blutende Wunden am Kopf davon.

          Scharfschützen schießen in die Menge

          Ein Reporter der „Berliner Zeitung“ berichtete, er habe vom Fenster seines Hotels aus beobachtet, wie eine Gruppe von 20 bis 30 Demonstranten langsam auf einen Lieferwagen vorgerückt sei, auf dessen Dach drei Scharfschützen lagen. Die drei Männer hätten in die Menge geschossen; dabei habe es viele Tote gegeben. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AP berichtete, er habe hinter einer Barrikade gestanden, als er einen Schuss und dann hinter sich einen Schrei gehört habe. Ein Mann hinter ihm sei getroffen zusammengebrochen; ob er überlebte, ist nicht bekannt. Auf einer anderen Barrikade wurde ein Kameramann von einer Kugel getroffen.

          Ein Verletzter wird in Sicherheit gebracht. Bilderstrecke

          Im Hotel Ukraina wurde unterdessen ein provisorisches Lazarett eingerichtet; in der Säulenhalle werden jetzt die Verletzten versorgt und Tote aufgebahrt. Dort liegen derzeit 15 Todesopfer mit Schussverletzungen. Im Augenblick ist die Situation ruhig; die Demonstranten hätten die Einsatzkräfte zurückgedrängt und errichteten nun neue Barrikaden an den Stellen, wo sie vor einer Woche gestanden hätten. Fernsehbilder zeigten, wie die Regierungsgegner auf Gebiete vorrückten, die am Tag zuvor in der Hand der Polizei gewesen waren. Sie werfen Autos um und schrauben die Räder ab, um sie als brennende Hindernisse in den Weg zu werfen. Der Majdan ist nicht mehr weiß von Schnee, sondern bedeckt von einer schwarzen Schicht aus Schlamm und Ruß, alles ist schwarz, das Pflaster aufgerissen, Schlammbäche rinnen über die Straßen.

          Innenministerium: Einwohner sollen zu Hause bleiben

          Das ukrainische Innenministerium forderte die Einwohner von Kiew auf, zu Hause zu bleiben und vor allem nicht ins Stadtzentrum zu gehen. Auf den Straßen stünden „bewaffnete und aggressive Menschen“, hieß es aus dem Ministerium  zur Begründung. Es sei daher das Beste, „die Nutzung von Fahrzeugen einzuschränken oder einfach im Haus zu bleiben“. Dem Ministerium untersteht die ukrainische Polizei.

          In einer dramatischen Ansprache forderte der Vorsitzende der Kiewer Stadtverwaltung, Wladimir Makejenko, von Präsident Viktor Janukowitsch ein Ende des Blutvergießens in der ukrainischen Hauptstadt. „Menschliches Leben muss der höchste Wert im Staat sein“, sagte Makejenko. Dabei verkündete er seinen Austritt aus der regierenden Partei der Regionen. Die  Parlamentsabgeordneten forderte er auf, sich als lebende Schutzschilde zwischen die Fronten zu stellen.

          „Keine Macht ist das Leben von Menschen wert, kein Oligarch ist gestorben, nicht ein Politiker“, sagte Makejenko. Er war erst am 25. Januar von Janukowitsch eingesetzt worden. Das  Amt des Bürgermeisters ist seit Juli 2012 unbesetzt.

          Zu Zusammenstößen kam es nicht nur auf dem Majdan, sondern auch direkt vor dem Präsidentenpalast, wo Außenminister Frank-Walter Steinmeier und seine Kollegen aus Frankreich und Polen, Laurent Fabius und Radoslaw Sikorski, mit Staatschef Janukowitsch vier Stunden lang verhandelten. Janukowitsch telefoniert mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihn scharf kritisierte. Öffentlich meldete sich Janukowitsch nicht zu Wort.

          Noch immer Tausende auf dem Majdan

          Die Konfliktparteien hatten erst am Mittwochabend eine Waffenruhe vereinbart. Seit der Nacht zum Mittwoch wurden bei den Straßenschlachten mindestens 26 Personen getötet, darunter auch mehrere Polizisten. Wohl mehr als 1000 Personen wurden verletzt.

          Über dem Majdan stieg schwarzer Rauch auf. In Kiewer Geschäften gab es Hamsterkäufe, an Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Viele Einwohner verließen die Stadt, viele Straßen waren verstopft. Nach wie vor stand die U-Bahn still. Tausende Menschen harren weiterhin auf dem Unabhängigkeitsplatz aus.

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