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Getöteter palästinensischer Botschafter : Sprengstoff im Safe

  • -Aktualisiert am

Das palästinensiche Botschaftsgebäude im siebenten Prager Stadtbezirk Bild: AFP

Wurde der palästinensische Botschafter in Prag ermordet? Der Tod Dschamal al-Dschamals gibt noch immer Rätsel auf. Eine Autopsie soll Aufklärung bringen.

          3 Min.

          Der Tod des palästinensischen Botschafters in der Tschechischen Republik, Dschamal al-Dschamal, der am Neujahrstag bei einer Explosion ums Leben kam, gibt Rätsel auf. Die bisherigen Angaben der tschechischen Polizei, des palästinensischen Außenministers Riad al-Malki und des Sprechers der palästinensischen Botschaft widersprechen einander. Fest steht lediglich, dass es zu der Explosion kam, als Dschamal einen Safe öffnete, der aus dem alten Botschaftsgebäude im siebenten Prager Stadtbezirk in das neue Gebäude im sechsten Bezirk gebracht worden war. Der 56 Jahre alte Botschafter erlag wenig später im Prager Militärspital an den Folgen seiner schweren Kopf-, Brust und Bauchverletzungen. Eine Autopsie wurde gerichtlich angeordnet, die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Frau und Sohn des Diplomaten blieben unverletzt.

          Wie es zu dieser Explosion kommen konnte, ist unklar. Hatte der Tresor ein Sicherheitssystem, das im Falle einer nicht sachgerechten Öffnung die Zerstörung seines Inhaltes bewirken sollte? Diese Vermutungen äußerte der tschechische Polizeipräsident Martin Červíček bereits am Mittwoch. Der Botschafter soll am Tresor hantiert und damit die Explosion ausgelöst haben. Sicherheitseinrichtungen dieser Art sind in der Tschechischen Republik nicht zugelassen. Das kriminologische Institut untersucht, ob der Tresor tatsächlich mit einem solchen Mechanismus abgesichert war und welcher Sprengstoff verwendet wurde. Nach den Angaben der Nachrichtenagentur CTK dürften die Ergebnisse der Untersuchung erst in einigen Tagen vorliegen.

          Tödlich verletzt: Dschamal al-Dschamal

          In tschechischen Medien wurde die Vermutung angestellt, es könnte sich um Semtex gehandelt haben, einen bereits in der Tschechoslowakei hergestellten und häufig bei Terroranschlägen verwendeten Sprengstoff, der heute noch in der Tschechischen Republik produziert wird. Die Frage stellt sich, warum der Tresor, wenn überhaupt, mit einer so wirkungsvollen Sprengladung versehen war. Einige Experten bezweifeln, dass die Explosion auf so ein Sicherheitssystem zurückzuführen sei. Seit dem Zweiten Weltkrieg sei es nicht mehr üblich gewesen, Tresore mit Sprengladungen abzusichern, sagte einer von ihnen der tschechischen Nachrichtenagentur. Er halte es für weit wahrscheinlicher, dass der Sprengstoff im Tresor aufbewahrt worden sei, die Explosion könnte als Folge eines unsachgemäßen Transports ausgelöst worden sein. Sie zerstörte den Tresor und war so stark, dass die Polizei aus Sicherheitsgründen die der Botschaft benachbarten Häuser evakuierte. Erst Stunden später durften die Bewohner in ihre Wohnungen zurückkehren.

          Nach ersten Angaben fand die Polizei, die vom tschechischen Nachrichtendienst BIS und von palästinensischen Sicherheitsexperten in ihren Ermittlungen unterstützt wird, in der Botschaft keine gefährlichen Waffen oder Substanzen. Am Donnerstag teilte Polizeichef Martin Vondrasek mit, es seien doch nicht registrierte Waffen gefunden worden.

          Stiller Karrierediplomat

          Der palästinensische Außenminister Malki behauptete in einer ersten Reaktion, der Tresor sei seit 20 Jahren nicht mehr geöffnet worden. Von wem er diese Information hatte, ist unklar. Nabil el-Fahel, der Sprecher der palästinensischen Botschaft in Prag, sagte jedenfalls in einem Rundfunkinterview, der Tresor wurde vom Botschafter regelmäßig verwendet, um Dokumente der Botschaft sowie Geld aufzubewahren, die für die Gehälter der Angestellten und für die laufenden Ausgaben verwendet wurden. Der Sprecher bestritt, dass der Tresor mit Sprengstoff gesichert war. Er habe keine Erklärung für die Explosion, sagte er, und er könne nicht ausschließen, dass es sich um einen Anschlag gehandelt habe. Nabil el-Fahel bestätigte allerdings, dass es noch einen zweiten Tresor gebe, der tatsächlich seit 20 Jahren nicht mehr benutzt worden sei. Die Polizei habe ihn unterdessen geöffnet und ihn leer vorgefunden, verdächtige Spuren habe sie nicht festgestellt.

          Ein Attentat auf den Botschafter kann zwar nicht zur Gänze ausgeschlossen werden, gilt aber als höchst unwahrscheinlich. Dschamal trat sein Amt als Botschafter erst im Oktober 2013 an, war aber seit Mitte der achtziger Jahre immer wieder als Diplomat in Prag tätig. Zuletzt war er palästinensischer Generalkonsul in Alexandrien gewesen, wo er unter anderem dafür sorgte, Palästinenser aus den Krisengebieten Libyens und Ägyptens in Sicherheit zu bringen. Er stand einst Jassir Arafat nahe und gehörte El-Fatah an, beteiligte sich aber nicht den Machtkämpfen innerhalb der palästinensischen Führung.

          Dschamal galt als ein Karrierediplomat, der seine Aufgabe still und zurückhaltend erfüllte. Angesichts der laufenden israelisch-palästinensischen Verhandlungen unter der Aufsicht der Vereinigten Staaten gilt auch ein Anschlag des israelischen Geheimdienstes als unwahrscheinlich. Brigadegeneral Andor Šándor, ehemals Chef der tschechischen militärischen Abwehr, verwies in einem Beitrag für die Zeitung „Právo“ darauf, dass die Aufbewahrung von Sprengstoff durch einen Diplomaten eine Bruch der Wiener Konvention darstelle und von der Immunität nicht gedeckt sei.

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