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Türkischer Außenminister : „Wir müssen die faulen Äpfel aussortieren“

Ausgefallene Behauptung

In diesem Zusammenhang kommt Cavusoglu auf „den engsten Verbündeten“ und „Blutsbruder“ der Gülen-Organisation zu sprechen: die PKK. Gülens Befehlsempfänger, so der Minister, hätten der PKK „jegliche Unterstützung zukommen lassen, auch Geheimdienstinformationen“. Auch einige Militärs und Polizisten, die in Südostanatolien im Kampf gegen die PKK eingesetzt waren, hätten „mit Pennsylvania“ in Verbindung gestanden. „Ihre Entfernung wird das Militär und die Polizei daher nur stärken. Wir müssen die faulen Äpfel aussortieren.“

Mutmaßlicher Drahtzieher: Die Regierung in Ankara beschuldigt Fethulla Gülen hinter dem Putschversuch zu stehen.
Mutmaßlicher Drahtzieher: Die Regierung in Ankara beschuldigt Fethulla Gülen hinter dem Putschversuch zu stehen. : Bild: dpa

Die PKK und Gülen sollen kooperiert haben? Für jeden, der die Geschehnisse in der Türkei verfolgt, ist das eine ausgefallene Behauptung. Gülen hat seine Wurzeln im Islam, aber auch, was seine Anhänger gern verschweigen, im türkischen Nationalismus. Nach dem Militärputsch von 1980, als Tausende verhaftet und viele getötet wurden, unterstützte Gülen die Generäle. Er schimpfte auf „Kreuzfahrer“, „Jesuiten“ und „das Gift der Wollust, des Alkohols sowie der westlichen Philosophien und Ideologien“ und pries die Morde an Oppositionellen auch nach Jahren noch: „Viele Anführer der Linken fanden damals ihre wohlverdiente Strafe.“

Gespräche mit der PKK

Gülen offenbarte sich in seinen frühen Schriften als Gegner linker und kurdischer Aktivisten und insbesondere des linksradikal-nationalistischen Terrors der PKK. Ist es angesichts dieser Vorgeschichte plausibel, dass die Gülen-Bewegung, die die längst wieder eingestellten Gespräche mit der PKK auch in ihren Medien verdammen ließ, mit kurdischen Freischärlern gemeinsame Sache macht? Waren es nicht im Gegenteil die geheimen Gespräche mit der PKK, die Gülen-treue Elemente in der Justiz dazu veranlassten, gegen Erdogan loszuschlagen? „Natürlich war das so“, bestätigt Cavusoglu. „Das Ziel dieser Verhandlungen war, den Terror der PKK zu beenden. Und die Gülenisten haben die Gespräche aufgezeichnet und an die Öffentlichkeit gegeben. Sie hofften, über eine Anklage gegen unseren Geheimdienstchef Hakan Fidan auch an unseren damaligen Regierungschef und jetzigen Staatspräsidenten Erdogan zu gelangen. Die Anklageschriften waren schon verfasst. Sie wollten Chaos in der Türkei stiften, die Fortsetzung des Terrors sicherstellen, den Staat und das System schwächen, um dann Fethullah Gülen als neues Oberhaupt des Staates aus dem Ausland zu bringen. Sie hatten seinen Palast in Ankara schon vorbereitet.“

Kein Vernünftiger bezweifelt das Recht der Türkei, gegen Putschisten vorzugehen. Aber es ist schwer zu glauben, dass nun Verhaftete wie etwa der Menschenrechtsanwalt Orhan Kemal Cengiz oder der Publizist Sahin Alpay Terroristen oder Putschisten sein könnten. „Auch einige meiner Bekannten wurden dieser Tage in Gewahrsam genommen“, erwidert Cavusoglu. Aber er sei da „ganz entspannt“. „Diese Leute werden einfach nur von der Polizei befragt. Wenn dabei herauskommt, dass sie tatsächlich Kontakt zu den Putschisten hatten, wird ein Verfahren eingeleitet. Wenn nicht, werden sie freigelassen.“ Auch bei Kabinettssitzungen, so Cavusoglu, würden die Minister sich das immer wieder sagen: „Die Putschteilnehmer müssen angeklagt werden, aber wir müssen aufpassen, nicht auf Verleumder hereinzufallen, die die Gunst der Stunde nutzen wollen, um Unschuldige anzuschwärzen. Deshalb prüfen wir alle Vorwürfe genau.“ Das Gegenteil unterstellt der türkische Außenminister den Medien in Europa: Die berichteten „sehr voreingenommen“ über die Geschehnisse. „Das ist eine regelrechte Kampagne gegen die Türkei“, sagt Cavusoglu und fügt hinzu: „Insgesamt haben mich die Massenmedien in Europa sehr enttäuscht. Dort gibt es Kommentare, der Putsch sei eine Inszenierung. Voreingenommener und parteiischer geht es nicht mehr.“

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