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Gesellschaftsstudie : „Prekariat“ statt „Unterschicht“

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Bild: dpa

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht die Verlierer der Gesellschaft. Die derzeit debattierte „Unterschicht“ oder auch das „Prekariat“ ist demnach eine Entwicklung der vergangenen 20 Jahre. „Wir haben nur nicht hingeschaut“, sagt der Autor.

          Lange Zeit war der Begriff „Unterschicht“ verpönt, gerade unter Sozialdemokraten - nun hat sich der SPD-Vorsitzende Kurt Beck getraut, ihn wieder in den Mund zu nehmen. „Es gibt viel zu viele Menschen in Deutschland, die keinerlei Hoffnung mehr haben, den Aufstieg zu schaffen. Sie finden sich mit ihrer Situation ab. Sie haben sich materiell oft arrangiert und ebenso auch kulturell“, hatte er jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt. „Deutschland hat hier ein zunehmendes Problem. Manche nennen es 'Unterschichten-Problem'.“

          Sicher hat er nicht beabsichtigt, daß die SPD-Linke um Ottmar Schreiner diese Diagnose dazu nutzen würde, um die von der rot-grünen Bundesregierung unter Schröder beschlossenen Hartz-Gesetze als Ursache dafür zu geißeln. Vielmehr bezog sich Beck auf eine noch unveröffentlichte Studie der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), nach der acht Prozent der Menschen in Deutschland jegliches Streben nach sozialem Aufstieg verloren hätten, und zwar vier Prozent im Westen und 20 Prozent in den neuen Bundesländern.

          „Gesellschaft im Reformprozeß“

          Frank Karl, Leiter der Abteilung gesellschaftspolitische Information der FES in Bonn und Autor der Studie, hatte gar nicht vor, grundlegende Gesellschaftskritik zu betreiben - sein Ziel war, die Arbeit der Stiftung zu optimieren und deren Zielgruppen genauer zu definieren. Das Wort „Unterschicht“ kommt in dem 800 Seiten starken Werk, das in acht Wochen im Dietz Verlag veröffentlicht wird, gar nicht vor. „Gesellschaft im Reformprozeß“ lautet der Titel der Untersuchung, für die das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest von Februar bis April dieses Jahres 3021 Personen befragte.

          Die Forscher versuchten, Gruppen zu definieren, die sich nicht nur aufgrund des Einkommens voneinander unterscheiden, sondern vor allem anhand von Einstellungen, Werten, Bildung und dem Interesse an politischen Prozessen. Die Gruppe, die in der Debatte nun als „Unterschicht“ bezeichnet wird, nennt Karl das „Prekariat“ - Menschen, deren sämtliche Lebensumstände unbefriedigend sind: arbeitslos, schlechte formale Bildung, eventuell alleinerziehend oder chronisch krank, mit schlechten Zukunftsaussichten.

          Aufteilung nach Arbeitssituation

          Am anderen Ende der Skala stehen die „Leistungsindividualisten“, etwa elf Prozent der Bevölkerung. Sie sind hoch gebildet und optimistisch, haben gute Jobs und großes Zutrauen in die eigene Kompetenz. Oftmals sind sie Aufsteiger. Dadurch unterscheiden sie sich von den „etablierten Bildungsträgern“, die Karl auch als „klassisches Bürgertum“ bezeichnet (15 Prozent). Sie führen die Tradition ihrer Familien fort. Etwa neun Prozent der Bevölkerung sieht Karl als „kritische Bildungseliten“, die oftmals in Lehre, Forschung, Publizistik oder Sozialarbeit tätig seien und manchmal unfreiwillig zwischen angestellter und freiberuflicher Tätigkeit wechselten. Das „engagierte Bürgertum“ (zehn Prozent) arbeite häufig im öffentlichen Dienst und vereine eine bürgerliche Herkunft mit einer starken rot-grünen Orientierung und großem gesellschaftlichen Engagement.

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