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Volker Bouffier zum Kriegsende : Nach 75 Jahren wieder eine Stunde Null

  • -Aktualisiert am

Wieder alles auf Anfang: Volker Bouffier am 14. April im Uniklinikum Gießen Bild: dpa

Nach der Befreiung vom NS-Terror erhielt Deutschland die Chance zum Neuanfang. Heute schlägt nach dem Corona-Stillstand wieder eine „Stunde Null“. Aber diesmal kann Europa seinen Wiederaufstieg selbst befeuern. Ein Gastbeitrag.

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          Rauchende Ruinen, ausgebombte Häuserfronten und auf den Straßen heimatlose Menschen, deren leerer Blick von unvorstellbarem Leid zeugte: Der Nationalsozialismus hatte mit seiner Vernichtungswut die Welt in Flammen gesetzt und nun auch sein Mutterland in Schutt und Asche gelegt. Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete diese Schreckensherrschaft mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Kampfverbände.

          Auch wenn das schiere Ausmaß der Zerstörung in dieser „Stunde Null“ alles stillstehen ließ, war doch eines klar: Deutschland war vom NS-Terror befreit. Und in dieser Befreiung lag auch die Chance zum Neuanfang.

          Mit Unterstützung der späteren Verbündeten konnte sich ein Großteil der Deutschen ein Grundgesetz geben, das Halt und Sicherheit gab für den bald in Fahrt kommenden Wiederaufstieg. Und was konnten Demokratie, Freiheit und europäische Zusammenarbeit nicht alles bewirken! Die Aussöhnung nach jahrhundertelangen Feindschaften, den Wiederaufbau eines zerstörten Landes und den Aufstieg der jungen Bundesrepublik zu einer weltweit geschätzten Größe für Frieden, Verständigung und beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung.

          Die Initialzündung für diesen rasanten Aufstieg Deutschlands und Europas ging vom Marshall-Plan der Vereinigten Staaten von Europa aus, der den europäischen Staaten mit seinerzeit gewaltigen Subventionen und Krediten überhaupt erst die Möglichkeit gab, aus den Ruinen des Weltkriegs wirtschaftliche prosperierende Demokratien zu bauen. Auch wenn historische Vergleiche hinken mögen, so ist doch unbestreitbar, dass der Wiederaufstieg unseres Landes ohne diese Maßnahmen nicht möglich gewesen wäre. *

          Jetzt ein „Aufbauplan Europa“!

          Nachdem die Covid-19-Pandemie dabei ist, Deutschland, Europa und die Welt in die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg zu stürzen, benötigen wir deshalb für ganz Europa einen neuen Marshall-Plan, der mindestens ebenso groß denkt.

          Wir brauchen einen „Aufbauplan Europa“, der den europäischen Nationen im Wettbewerb mit China und den Vereinigten Staaten einen tiefgreifenden wirtschaftlichen Wiederaufstieg ermöglicht, so wie er nach 1945 schon einmal gelang. Als Exportland dürfen wir Deutschen nicht nur das Wiederanlaufen unserer eigenen Wirtschaft in den Blick nehmen. Jetzt wäre auch die richtige Zeit, notwendige Strukturveränderungen in unserer Industrie voranzutreiben, um insbesondere für die Zeit nach der Corona-Krise im weltweiten Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein.  

          Uns muss auch an einer schnellen wirtschaftlichen Erholung unserer europäischen Nachbarn gelegen sein, in deren Länder der mit Abstand größte Teil unserer Exporte fließt. Deutschland braucht einen starken europäischen Binnenmarkt. Die Folgen für unser Land wären unabsehbar, wenn in den einzelnen Mitgliedstaaten der EU nur die spitzen Bleistifte der Buchhalter regierten und die Gemeinschaft am Virus zugrunde ginge.

          Diesmal kann Europa den Neuanfang selbst befeuern

          Wirtschaftliche Hilfen über nationale Grenzen hinaus auf den Weg zu bringen, ist deshalb viel mehr als ein Akt der Humanität. Es ist ein Akt der Vernunft. Das war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs so, und es wird nach der Corona-Pandemie genauso sein. Deutsche und europäische Interessen sind deshalb keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille.

          Nach der „Stunde Null“ von 1945 befinden wir uns derzeit wieder in einer „Stunde Null“. Um Menschenleben zu retten, musste das gesamte öffentliche Leben pausieren, musste die Wirtschaft vorübergehend stillstehen und unser ganzes Land für einen Moment innehalten. Aber wie 1945 kann auch in dieser „Stunde Null“ ein chancenreicher Neuanfang liegen. Vor 75 Jahren kam die Initialzündung dazu mit dem Marshall-Plan aus den Vereinigten Staaten.

          Heute hat Europa die Chance, den Neuanfang selbst zu befeuern. Wir sollten nicht zögern, genau dies zu tun. Das hilft Europa. Das hilft Deutschland. Und das hilft uns in Hessen.
           

          * Dieser Satz war in einer früheren Textversion um den jetzt kursiv hervorgehobenen Halbsatz gekürzt veröffentlicht worden. Wir bedauern etwaige Missverständnisse.

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