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Stadtmuseum Butzbach : 2000 Jahre regionale Geschichte

  • -Aktualisiert am

Mehr als ein Heimatmuseum: Das Städtische Museum in Butzbach Bild: Rainer Wohlfahrt

Wer das Stadtmuseum in Butzbach besucht, der erfährt allerhand vom Römer-Kastell bis zu einer berühmten Flöte. Und dann geht noch ein langgehegter Wunsch in Erfüllung.

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          Es fehlt nicht viel, und wir drücken uns die Nase an dem Schaufenster platt. Zu sehen sind klassische Herren-Lederschuhe, mit einer edlen Schließe verfeinert. Daneben ein dunkler Damenschuh, dezentes Design, halbhoher Absatz, topaktuell. Nein, wir stehen nicht vor den Modellen der kommenden Frühjahrskollektion. Die Schuhe, die hier zu Dutzenden zu bestaunen sind, stehen in einem Museum. „Wir haben die Restbestände der Schuhfabrik Joutz aufgekauft“, sagt Christine Borchers-Fanslau, Kunsthistorikerin im Museum der Stadt Butzbach. Das Schuhhandwerk hat in der Stadt eine lange Tradition. Dass dort allerdings schon vor dem 2. Weltkrieg, neben den zahlreichen Handwerksbetrieben, auch industriell gefertigt wurde, überrascht dann doch.

          Butzbach hat schon immer von seiner verkehrsgünstigen Lage profitiert. Heute von der Nähe zur A 5, zu Zeiten der Römer von der Nähe zum Limes. Die Römer waren es auch, die auf der heutigen Butzbacher Gemarkung einst das Kastell Hunneburg bauten. Dieses sei durchaus größer und bedeutender gewesen als das allseits bekannte Römerkastell Saalburg in Bad Homburg. „Es gab hier nach dem Krieg ausgiebige Grabungen“, sagt Borchers-Fanslau. Doch die Stadt habe nicht das nötige Geld gehabt, um die Funde so aufzuarbeiten wie der wohlhabende Nachbar im Taunus.

          Deshalb blieb es bei einem kleinen Modell im Untergeschoss des Museums. Es zeigt sauber angeordnete längliche Behausungen, die Tieren wie auch Menschen gedient haben. Nur der Kommandant nebst Gemahlin lebte in einem eigenen Haus, das etwas komfortabler ausgestattet gewesen sein mag. Sehr verkehrsgünstig, direkt am Limes gelegen, habe das Kastell Hunneburg quasi einen Status wie der Checkpoint Charlie gehabt. Heute zeugen neben dem Modell noch einige Tongefäße oder Alltagsgegenstände von der Vergangenheit.

          Auch nicht weiter verwunderlich

          Das Butzbacher Museum, das demnächst eine neue Leitung bekommen soll, versteht sich eher als Regional- denn als Heimatmuseum. Gleichwohl liegt der Kunsthistorikerin auch die örtliche Geschichte am Herzen. „Seit dem Hessentag sind die Butzbacher selbstbewusster geworden“, findet Borchers-Fanslau. Im nächsten Jahr feiert der Ort 700 Jahre Stadtrechte. Angesichts dieses Alters sei der relativ große Marktplatz mit mitteltalterlicher Anmutung auch nicht weiter verwunderlich.

          Verdreht: ein Kopf aus beweglichen Bronzescheiben von Rudolf Lindenthal
          Verdreht: ein Kopf aus beweglichen Bronzescheiben von Rudolf Lindenthal : Bild: Rüdiger Fanslau

          „Stadtrechte seit 1321, das ist schon etwas“, sagt Borchers-Fanslau. „Vor allem wenn man bedenkt, dass etwa Bad Nauheim erst im 19. Jahrhundert Stadtrechte bekommen hat“, fügt die Kunsthistorikerin mit einem feinen Lächeln hinzu. So kämen gerade im Sommer Gäste aus Frankreich und Italien sowie aus ganz Deutschland nach Butzbach – „und aus Hessen sowieso“.

          Die Gäste staunen dann mitunter nicht schlecht, wenn sie im Museum auf ein berühmtes Musikinstrument treffen, die Scherer-Flöte. Das gute Stück stammt vom 1664 geborenen Butzbacher Instrumentenbauer Johannes Scherer. Dessen Künste waren im 18. Jahrhundert berühmt. Die Nähe zur Frankfurter Messe half ihm, die hochwertigen Produkte zu vertreiben. Selbst Friedrich der Große spielte auf einer Scherer-Flöte aus Butzbach.

          Damit einem mit der ganzen mittelalterlichen Heimeligkeit nicht allzu wohl wird, deutet Borchers-Fanslau auf ein kleines helles Teilchen, das in einer Ecke im Obergeschoss ausgestellt ist: eine Flohfalle. Regelmäßiges Waschen war damals nicht üblich, die Menschen hatten Angst, sich durch das Wasser mit der Pest zu infizieren. Dass nicht das Wasser, sondern die Flöhe die Pest übertragen, wusste man damals noch nicht. Entsprechend verbreitet waren die Tierchen. Die Menschen trugen daher bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kleine Röhrchen oder kunstvoll ausgestanzte Gebilde, die mit Pergamentpapier oder mit Tierblut getränkten Tüchern gefüllt waren. Mit Harz gemischt, waren sie eine veritable Falle für Flöhe. Wohlgenährt entkamen diese nicht mehr aus den dünnen Einkerbungen. Abends wurden die Röhrchen entleert und der lebende Inhalt verbrannt.

          Borchers-Fanslau hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die vielfältige Geschichte des Ortes bekannt zu machen. Auch wollen sie und ihr Team immer wieder sehr diesseitige, aktuelle Werke zeigen, die eher museumsfernen Menschen den Zugang zur Geschichte und zur Kunst erleichtern. Daher ist die Kunsthistorikerin stolz auf die Ausstellung „Rudolf Lindenthal, Kunst aus Metall – ein heißes Abenteuer“, die das Museum dieser Tage zeigt.

          Schon seit mehr als 20 Jahren habe es Initiativen gegeben, den sehr zurückgezogen lebenden Künstler Lindenthal zu einer Ausstellung zu bewegen. Doch das sei erst jetzt geglückt. Lindenthal arbeitet mit Eisen, Bronze und Stahl. Er verwendet aber auch Holz und Stein oder einfach Fundstücke. Und dann nimmt er sich Zeit, um eine Idee zu einem Kunstwerk zu entwickeln. So wie die Büste aus Messing. Um mit dem Gewicht umgehen zu können, hat Lindenthal das Werk quasi in Scheiben geschnitten. Die einzelnen Teile können jetzt gegeneinander verschoben werden. Eine Ausstellung zum Entdecken und Nachvollziehen. Und ein weiterer Grund, mal wieder nach Butzbach zu fahren.

          Die Ausstellung Rudolf Lindenthal ist voraussichtlich bis zum 21. Februar 2021 im Butzbacher Museum, Färbgasse 16, zu sehen. Nach dem derzeitigen Lockdown öffnet es wieder von freitags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr.

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