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Neues von den Germanen (8) : Eine Kontinuität ist schon erkennbar

Bild: Picture-Alliance

Die Frage nach den Vorfahren der Germanen ist durch die NS-Ideologie kontaminiert worden. Sie bleibt aber spannend. Führt eine Spur von der Himmelsscheibe in Nebra zu den Germanen? Ein Gespräch mit Harald Meller.

          11 Min.

          Sie sind oberster Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Was gibt es in Ihrem Bundesland Neues von den Germanen? Was ist das Neueste?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Harald Meller: Das Neueste sind kleine Figuren aus Bronze, die wir gefunden haben, bei denen es sich offenbar um Götterdarstellungen handelt. Bronze ist ein Werkstoff, mit dem die Germanen normalerweise nicht arbeiten. Sie haben phantastische Gegenstände aus Silber, Eisen oder Holz hergestellt, mit Bronze haben sie kaum agiert. Diese seltenen Bronzefiguren sind von archaischer Anmutung, auch sehr klein und möglicherweise ein Reflex auf die Götterbilder, die die Germanen im Römischen Reich kennenlernten.

          Wurden diese Figuren neu erforscht oder neu gefunden?

          Beides. Manchmal liegt etwas im Museumsdepot, das man von seiner Bedeutung her noch nicht einschätzen kann. Kommt nun ein passender Neufund hinzu, regt er immer auch eine neue Forschung an. Zum Beispiel haben Sondengänger in unserem Auftrag in letzter Zeit sehr viele römische Schuhnägel gefunden, die beim Marsch der Soldaten vor Jahrhunderten verloren gingen. Die Soldaten hinterlassen eine Spur wie Hänsel und Gretel im Märchen. Wenn man die Nägel dann später findet, kann man den Weg der römischen Soldaten durch Mitteldeutschland nachvollziehen. Wir wissen ja, dass Drusus 9 vor Christus an die Elbe kommt, um Germanien zu erobern. Drusus und Tiberius, die Kaisersöhne, haben das heutige Süddeutschland eingenommen und wollen jetzt auch Germanien unterwerfen. Doch das geht schief. Drusus wird beim Versuch, die Elbe zu überqueren, zurückgeschlagen, muss sich zurückziehen und fällt dabei vom Pferd, er bricht sich den Oberschenkel und stirbt. Tiberius wird dann später Kaiser. Wo diese Schlachten stattfanden, welchen Verlauf die Züge nahmen, versuchen wir mittels Bodenfunden zu analysieren – und da kommen wir jedes Jahr ein Stück weiter.

          Römische Vorstöße an Elbe und Saale, markiert anhand von Münz- und Schuhnägelfunden (nach Vorlage M. Barkowski)

          Wir haben gerade von den ungelenken bronzenen Götterfigürchen aus germanischer Zeit gesprochen. In Halles Landesmuseum befindet sich auch die weltberühmte bronzene Himmelsscheibe von Nebra. Dazu eine nicht unproblematische Frage: Sehen Sie Kontinuitäten zwischen der Bronzezeit und den Germanen, zwischen all den Funden, die in Ihrem Museum versammelt sind?

          Archäologen haben in früherer Zeit immer wieder Kontinuitäten konstruiert. Sie haben von Kelten zurückgeschlossen auf die Bronzezeit, von den Germanen ausgehend taten sie dasselbe. Aber als Archäologen können wir methodologisch so nicht vorgehen. Von Germanen können wir als Archäologen erst sprechen – und ihre Völker so bezeichnen – wenn tatsächlich von „Germanen“ die Rede ist. Letztlich seit Caesar oder beginnend mit dem Auftreten der Kimbern und Teutonen. Wir können aber nicht die Zeit von 2000 oder auch 1600 vor Christus mit den Germanen verbinden. Doch inzwischen kann die Genetik helfen. Sie zeigt uns, dass die von uns im Fundmaterial gesehenen gesellschaftlichen Brüche, wenn sie ganz gravierend sind, tatsächlich mit Einwanderungen und Änderungen in der genetischen Zusammensetzung der damaligen Menschen übereinstimmen.

          Es gibt mehrere Brüche: Die Jäger und Sammler Mitteleuropas werden im Zuge einer Einwanderung aus dem Vorderen Orient um 5500 vor Christus ersetzt. Die Menschen in unserer Gegend werden um 3500 vor Christus verdrängt, und zwar von solchen, die aus dem Norden kommen. Und diese Menschen wiederum werden um 2800 vor Christus abermals verdrängt durch Menschen, die aus der eurasischen Steppe stammen. 2500 vor Christus kommen erneut Menschen aus der Steppe. Es kommt zu einer Vermischung; durch sie entsteht das, was wir die Frühbronzezeit nennen.

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