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Geiselnahme von Mekka : Wie die Salafisten vor 40 Jahren begannen, die Weltherrschaft anzustreben

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Die angeblichen Besetzer der Großen Moschee von Mekka 1979 nach Beendigung der Kämpfe Bild: Picture-Alliance

Vor 40 Jahren besetzten militante Islamisten die große Moschee in Mekka und nahmen hunderte Geiseln. Der islamistische Terror war geboren. Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Patrick Franke über die Folgen für Saudi-Arabien und die Welt.

          5 Min.

          Am 20. November 1979 stürmten islamistische Terroristen beim Morgengebet die große Moschee in Mekka und nahmen hunderte Menschen als Geiseln. Was passierte damals an einer der heiligsten Stätten des Islam?

          Das Datum war speziell: Es war der erste Tag des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung, ein neues Jahrhundert brach also an. An diesen Tag knüpften sich gewisse Erwartungen, welche die Rebellengruppe ausnutzte. Angeführt wurde sie von dem fundamentalistischen sunnitischen Prediger Dschuhaiman al Utaibi. Während Hunderte seiner Anhänger die Moschee unter ihre Kontrolle brachten, ergriff er das Mikrofon und hielt eine Ansprache. Darin verkündete er, dass der Mahdi – eine Art Messias – in Form des Studenten Muhammad al Qahtani gekommen sei und die Welt in Gerechtigkeit führen werde. Gleichzeitig kritisierte er das saudische Königshaus für die Einführung bestimmter Neuerungen wie Fernsehen, Fußball, Arbeit von Frauen, königliche Auslandsreisen und die Präsenz von Ausländern in Saudi-Arabien. Dschuhaiman sah darin einen „Abfall vom Islam“ und forderte das Ende der königlichen Herrschaft.

          Die saudische Regierung befand sich damals in einem Dilemma, weil der Koran den Waffengebrauch in Moscheen verbietet. Abhilfe schaffen konnte nur eine Fatwa der obersten Religionsgelehrten, die einen Gegenangriff möglich machte. Was war der Preis dafür?

          Patrick Franke ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg.

          Das Verbot, im heiligen Bezirk von Mekka zu kämpfen, war in der Vergangenheit zwar immer wieder übertreten worden, aber dennoch brauchte es eine Rechtfertigung für diese Normverletzung. Die Gelehrten zogen eine Koransure heran, die besagt: „Jedoch kämpft nicht bei der heiligen Moschee gegen sie, solange sie dort nicht gegen euch kämpfen.“ Dschuhaimans Anhänger nutzten Waffen, also konnte man den Gebrauch von Waffen gegen sie rechtfertigen. Es gibt Berichte, wonach diese Fatwa erkauft wurde: Da die Religionsgelehrten selbst mit al Utaibis Ideologie sympathisierten, versprachen ihnen die saudischen Herrscher, die gesellschaftliche Liberalisierung zurückzudrängen. Ich kenne für einen solchen Deal keine belastbaren Belege. Tatsache ist aber, dass durch den Vorfall die religiöse Legitimität des saudischen Königshauses herausgefordert wurde und die Herrscher darauf reagieren mussten.

          Wie reagierten sie also?

          Zum einen half Saudi-Arabien bei der Finanzierung des afghanischen Dschihad gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan. Dieses Dschihad-Projekt bot die Möglichkeit, das angeschlagene religiöse Prestige wiederherzustellen, und lenkte zudem viele saudische Islamisten, die nach Afghanistan gingen, von dem Kampf gegen das saudische Herrscherhaus ab. Zum anderen wurde die salafistische Ideologie gefördert. Die Terroristengruppe hatte den Begriff „salafiyya“ benutzt, der eigentlich nach den 1930er Jahren stark an Bedeutung verloren hatte. Plötzlich tauchte er wieder auf. Man kann daher von der Geburtsstunde der zweiten Salafismus-Welle sprechen. Der neue saudisch inspirierte Salafismus hatte ganz andere Prinzipien als jener aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Er hielt nun Einzug in den saudischen Universitäten, fortan wurde Bezug genommen auf die neuen salafistischen Lehren.

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