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Jubiläumsfeier in Berlin : Der Mauerfall kam nicht von allein

Der damalige ungarische Außenminister Gyula Horn (r) und sein österreichisches Gegenüber Alois Mock (l) durchtrennen am 27. Juni 1989 in einem symbolischer Akt ein Stück des "Eisernen Vorhangs" zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach. Bild: dpa

In Berlin wird das 30. Jubiläum des Mauerfalls begangen. Dass Bundespräsident Steinmeier dazu die Präsidenten Polens, Ungarns, der Tschechischen Republik und der Slowakei eingeladen hat, unterstreicht die Bedeutung ihrer Länder für den Umbruch.

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          Es hat einen besonderen Grund, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel heute mit den Präsidenten von vier ostmitteleuropäischen Nachbarstaaten des Mauerfalls vor 30 Jahren gedenken. Denn die Öffnung der Mauer war zwar der Beginn der deutschen Wiedervereinigung, aber sie ist untrennbar verbunden mit den Freiheitsbewegungen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Der Mauerfall sei nur die „Beglaubigung“ dessen gewesen, was schon vorher und anderswo entschieden worden war, hat der Historiker Karl Schlögel dazu geschrieben. Dabei bereiteten die „verhandelten Revolutionen“ in Polen und Ungarn, wo die Kommunisten ihre Führung nach und nach abgaben, auch den schnellen Umschwung und Machtwechsel in der DDR und in der Tschechoslowakei vor. 

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Polen war der größte Vorreiter für die Freiheitsbewegungen im Ostblock. Schon 1980 hatten Vertreter von 300 Streikkomitees den Dachverband der freien Gewerkschaft Solidarnosc gegründet. Der Arbeiter Lech Walesa war zu ihrem Vorsitzenden gewählt worden, zehn Millionen Anhänger schlossen sich ihr an. Doch mit der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 wurde die Gewerkschaft wieder verboten. Neue landesweite Streiks sorgten dann 1988 dafür, dass die Regierung ihre Wiederzulassung zusagen musste. Vom Februar bis zum April 1989 fanden Gespräche am Runden Tisch statt, sie leiteten einen schrittweisen Übergang zu demokratischen Verhältnissen ein. Im April wurde Solidarnosc zugelassen, im Juni fanden erste halbfreie Parlamentswahlen statt, dabei gingen 160 der 161 freien Abgeordnetenmandate an Solidarnosc. Am 12. September wurde Tadeusz Mazowiecki der erste nichtkommunistische Regierungschef in den Ländern des Warschauer Pakts.

          Eine ganz besondere Rolle für die Entwicklung in der DDR spielte Ungarn. Dort hatte die kommunistische Führung den Bürgern schon seit 1988 Reisen in die gesamte Welt gestattet, im Sommer 1989 begannen Gespräche der Regierung mit der Opposition, der Runde Tisch übernahm die Führung des Landes. Schon ab Anfang Mai hatte Ungarn begonnen, Grenzanlagen am Eisernen Vorhang abzubauen. Am 27. Juni durschnitten dann die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, in einem symbolischen Akt den Grenzzaun, der West und Ost trennte.

          Im Sommer und Herbst kam es daraufhin  zu einer Fluchtwelle von tausenden DDR-Bürgern nach Ungarn. Schon beim sogenannten Paneuropäischen Frühstück, am 19. August, einer Art Testlauf, konnten 600 DDR-Bürger in den Westen fliehen, als die Grenze kurzzeitig geöffnet worden war. Daraufhin reisten noch mehr DDR-Bürger nach Ungarn, die SED-Führung traute sich nicht, die Grenze komplett abzuriegeln. Am 11. September öffnete Ungarn die Grenze nach Österreich dann offiziell, 12.000 Ostdeutsche konnten ausreisen.

          Die „Urlaubsrevolution“ der Bürger im Ausland verschärfte die Lage für das SED-Regime ebenso wie die „Feierabendrevolution“ durch die Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten. Und die anderen Staaten zeigten zugleich, dass der Machtwechsel möglich war. Am 23. Oktober – am Jahrestag des ungarischen Volksaufstands von 1956 – wurde in Budapest die demokratische und parlamentarische Republik Ungarn ausgerufen.

          Eine ähnliche Situation, was die Flüchtlinge aus der DDR anging, hatte sich in der Tschechoslowakei entwickelt. Dort hatten sich tausende Ostdeutsche auf das Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag geflüchtet. Am 30. September überbrachte Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Botschaftsbalkon aus den auf dem Gelände ausharrenden Menschen die Botschaft, dass sie ausreisen können. In mehreren Zügen fuhren dann rund 17.000 Flüchtlinge von Prag über die DDR in die Bundesrepublik.

          Dass die Bürger der Tschechoslowakei die Ausreisewelle miterlebten, beförderte auch die revolutionäre Stimmung in diesem Land, ebenso wie der Mauerfall in der DDR. Nachdem am 17. November eine Demonstration von Studenten zum 50. Jahrestag der Ermordung des Prager Studenten Jan Opletal durch die Nationalsozialisten von der Polizei niedergeknüppelt worden war, entwickelte sich der Massenprotest der Bürger. Am 24. November kamen 100.000 Menschen auf dem Wenzelsplatz in Prag zusammen, der Bürgerrechtler Václav Havel, einer der Köpfe der Bewegung der Charta 77, und Alexander Dubcek, die Symbolfigur des Prager Frühlings des Jahres 1968, forderten den Rücktritt der kommunistischen Führung. Der Generalsekretär der kommunistischen Partei kam dem noch am selben Tag nach.

          Die „samtene Revolution“  erreichte nur gut zwei Wochen nach dem Mauerfall in der DDR ihr Ziel, am 29. Dezember wurde Havel zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Die – mit der Ausnahme Rumäniens - gewaltlosen Umsturzbewegungen des Jahres 1989 waren eine Kettenreaktion, ausgelöst von der Politik des Staats- und Parteichefs der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, aber getragen vom Freiheitswillen der von Moskau beherrschten Völker.

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