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Frankfurter Zeitung 02.04.1930 : Wer war Cosima Wagner?

  • Aktualisiert am

Um 1920: Cosima Wagner mit Sohn Siegfried vor dem Kriegerdenkmal in Bayreuth. Bild: Picture-Alliance

Eigentlich dachte man, dass sich die legendäre Cosima Wagner „den Gesetzen der Zeitlichkeit entziehe“. Zum Tod eine Hommage an eine emanzipierte Frau, „Herrscherin von Bayreuth“ und Schicksalsgefährtin Richard Wagners.

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          Oefter hat uns im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte die Nachricht erreicht, daß das Leben der Witwe Richard Wagners, der Greisin, die an der Heimstätte seines Wirkens in Bayreuth als Hüterin seines Erbes residierte, schwer bedroht sei. Allemal hielt die Kulturwelt den Atem an; allemal löste sich die Spannung in die befreiende Nachricht von der Genesung.

          Man hatte sich alljährlich daran gewöhnt, daß das Leben dieser ganz großen Frau, das von Jugend auf von Legende umwoben war und selbst in seltenem Maße Legende gebildet hat, sich den Gesetzen der Zeitlichkeit entziehe; daß der in dieser Frau verkörperte Wille in dieser leiblichen Gestalt mindestens so lange unter uns weile, als die Idee Wagner noch als zeugende Kraft bestehen bleibe.

          Nun aber stehen wir doch vor dem Ende dieses Menschen und dieses Willens, dem so viel Schicksal eingeboren war und der es getragen hat, bis der letzte Funke physischen Lebens den einsinkenden Körper und Geist verließ. Die 93jährige Frau, die schon seit längerem der Blindheit nahe war und an den Vorgängen in ihrer weiteren Umwelt keinen Anteil mehr nehmen konnte, ist sanft entschlafen, Es ist im Augenblick dieses äußeren Lebensabschlusses nicht möglich, in wenig Worten zu sagen, wer Cosima Wagner persönlich gewesen ist und was sie als Gattin des Meisters Richard Wagner für ihn und seine Sache getan hat. Wir können vorerst nur an die äußeren Daten und Stationen ihres Lebens erinnern.

          Cosima Wagner ist 1837 als zweite Tochter Franz Liszts und der ihm befreundeten Gräfin Marie d’Agoult am Comer See geboren. Nachdem Liszt seine Beziehungen zur Mutter gelöst hatte, wurde Cosima mit ihren zwei Geschwistern in Paris erzogen, wo der um 24 Jahre ältere Richard Wagner ihr zum erstenmal begegnete. Aus dem späteren Aufenthalte im Berliner Hause der Frau von Bülow ergab sich die Freundschaft mit deren Sohn Hans v. Bülow, dem berühmten Dirigenten, die 1857 zur Ehe führte.

          Eine moderne Liebesgeschichte

          Die Vorgänge, die dann im Laufe dieser sich immer unglücklicher gestaltenden Ehe dazu führten, daß Cosima von Bülow ihren Gatten verließ und zur Gefährtin seines Freundes, des gleichfalls in einer ersten unglücklichen Ehe lebenden, auch geistig vereinsamten Richard Wagner wurde, sind gerade in den letzten Jahren mehr und mehr geklärt, menschlich wie geistesgeschichtlich als Schicksal erkannt worden.

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          1870 wurde die freie Gemeinschaft dieser zwei großen Menschen in die Form der Ehe überführt. In dasselbe Jahr fällt die Geburt des Sohnes Siegfried, der Wagner in seinem „Siegfriedidyll“ ein bleibendes künstlerisches Denkmal gesetzt hat. Es folgen die Jahre gemeinsamen Ringens um das Werk Wagners, die mit der Gründung Bayreuths ihren großartigen Abschluss fanden. Als Wagner 1883 in den Armen Cosimas lächelnd verschieden war, nahm die Tiefgebeugte mit bewundernswerter Energie die geistige und künstlerische Verwaltung des Bayreuther Erbes in die Hand und hat aus Bayreuth erst recht das gemacht, was es dann Jahrzehnte lang geworden ist.

          Die Herrscherin von Bayreuth

          Auch nachdem Siegfried Wagner 1906 die offizielle Leitung der Festspiele übernommen hatte, ist die organisatorische und geistige Kraft Cosimas, die ihre beste menschliche Wirkung aus einer universalen Geistesbildung und gesellschaftlichen Kultur zog, noch lange spürbar geblieben. In der Oeffentlichkeit ist die Stimme der Herrscherin von Bayreuth – einer Herrscherin, der auch die Versuchung der Thyrannis nicht fremd war – zuletzt beim Streit um die Freigabe des „Parsifal“ vernehmbar geworden.

          Cosima Wagner wird jetzt an der Seite ihres Gatten, den sie um 47 Jahre überlebt hat, im Garten der Villa Wahnfried beigesetzt werden. Die neuere Geistes- und Kunstgeschichte kennt kaum ein anderes Beispiel restloser Erfüllung genialisch zusammenklingender Charaktere und ihres Willens zu breitester kultureller Wirkung. Wagner selbst hat mit Bezug auf den Durchbruch seines schöpferischen Willens und seiner kunstorganisatorischen Idee von Cosima gesagt: „Mit ihr kann ich erreichen, was ich ohne sie nicht kann.“ Dieses Wort hat in Bezug auf Cosimas Wirken nach seinem Tode potenzierte Geltung gewonnen.

          Noch ist vieles über das Walten dieser Frau, zum großen Teil durch die von ihr selbst geübte Zensur und Regie noch nicht in das helle Licht der Geschichte getreten. Noch ist die Beschreibung ihres Lebens und Wirkens noch nicht über die Sammlung von Bausteinen hinaus gediehen, die Richard Graf du Moulin-Eckart in seinem umfangreichen biographischen Versuch noch sehr unter dem Einfluß der Bayreuther Ideologien zusammengetragen hat.

          Aber gewiß ist, daß aus diesem jetzt abgeschlossenen Dasein einmal ein geschichtlich beständiges Epos wächst, das unter dem Namen Cosima Wagner der romantischen Frau als Persönlichkeit ein Denkmal setzt, vor dem zahlreiche Taten ihrer emanzipierten und materialisierten Nachfolgerin verblassen.

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