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Frankfurter Zeitung 11.01.1930 : Völkerbund wird zehn Jahre alt

  • Aktualisiert am

Eine Sitzung des Völkerbunds im März 1927. Bild: Picture-Alliance

Seit zehn Jahren versucht der Völkerbund, weltweit Frieden zu sichern. Die Frankfurter Zeitung freut’s – der Zusammenschluss sei „Kern einer neuen internationalen Gesinnung“. Aber es gibt auch Kritik.

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          Der Völkerbund ist jetzt zehn Jahre alt geworden. Er selbst hat nicht darauf gehalten, seinen Geburtstag zu feiern. Man könnte übrigens einen theoretischen Streit über das richtige Datum anfangen. Ist es etwa der 28. April 1919, an dem das Statut des Völkerbundes feierlich in der Pariser Friedenskonferenz der Alliierten angenommen wurde, oder der 28. Juni 1919, an dem durch die Unterzeichnung des Friedensvertrags die Satzung des Völkerbunds bindend wurde?

          Da die Ratifikation erst am 10. Januar 1920 erfolgte, ist man geneigt, diesen Tag als Geburtstag gelten zu lassen. Es kommt auf ein halbes Jahr nicht an, wenn man einen Blick rückwärts werfen will. Man kann mit vielem sehr unzufrieden sein, was in Genf seit zehn Jahren geschehen ist.

          Man kann finden, daß der Bund noch zu sehr ein Werkzeug der Politik geblieben ist, anstatt die Politik zu beherrschen, sie zurückzudrängen von den Aufgaben, die nach Recht und Gerechtigkeit zu lösen sind. Wir selbst haben mit unserer Kritik nie zurückgehalten. Aber man darf die Frage stellen: Kann man sich den Bund wieder wegdenken aus Europa und aus der Welt? Sein Arm ist noch sehr schwach, aber sein Gehirn ist doch ein Zentrum geworden, dessen Ausstrahlungen überall gefühlt werden.

          Es gibt keine Nation mehr, die sich nicht in den großen Linien ihrer Politik mit Genf auseinandersetze, im Guten wie im Schlimmen. So paradox es klingt, gerade die Außenstehenden wie die Vereinigten Staaten von Amerika beschäftigen sich ganz intensiv mit der Idee des Bundes. Sie erkennen sie an sich an, fürchten aber vom Beitritt noch unerwünschte Folgen. Dem von Genf aus gegründeten Haager Weltgerichtshof sind sie übrigens beigetreten.

          Darin liegt eine vorsichtige Annäherung, mag der Wille zum tatsächlichen Anschluß auch sehr langsam reifen. Bei den Mitgliedern ist manches schon zur Routine geworden, was den idealen Schwung sich hätte bewahren sollen. Die Genfer Tagungen halten sich zu sehr an ein schon fest gemodeltes Schema.

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          Weder in Ideen noch in Praktiken ist man sehr schöpferisch. Doch alle Mängel können heute das positive Urteil über den Völkerbund nicht mehr abschwächen: Er ist der Kern eines neuen internationalen Lebens, einer neuen internationalen Rechtsordnung, einer neuen internationalen Gesinnung. Seine Entwicklung ist langsam, aber darum sicher. Seine Ziele sind nicht revolutionär, sondern praktisch. Sein Wirken ist kompromißlerisch, nicht doktrinär. Aber, so wie die Welt ist, scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, dem Völkerbund die Einbürgerung zu verschaffen.

          Hintergrund

          Der Völkerbund war die erste internationale Organisation, die soziale, wirtschaftliche und politische Kooperation unter einem Dach bündelte. Architekt des Völkerbundes war der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der in seinem 14-Punkte-Plan den Gedanken einer internationalen Organisation zur Sicherung des Friedens entwarf. Am 10. Januar 1920 nahm der Völkerbund seine Arbeit mit 32 Staaten auf.

          Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 trat Deutschland aus dem Völkerbund aus, dem weiteren Verlauf der NS-Diktatur sah er sich ohnmächtig gegenüber und verlor so seine Bedeutung. 1946 wurde er von der Nachfolgeorganisation United Nations Organization (UNO) abgelöst (rere.).

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