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Frankfurter Zeitung 09.01.1930 : Sind Verkehrsregeln überflüssig?

  • Aktualisiert am

„Hustle and bustle“: Verkehr in London um 1930. Bild: Picture-Alliance

Die „zunehmende Verkehrsdichte“ frustriert deutsche Autofahrer. Und überhaupt: In Paris und London sind Verkehrsregeln viel sympathischer. Vorfahrt habe schlicht der, der „um ein Haar früher da“ ist.

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          Die ständig zunehmende Verkehrsdichte in allen Ländern und in allen Städten hat es notwendig gemacht, der glatten und reibungslosen Abwicklung und Durchführung des Verkehrs volle Aufmerksamkeit zu widmen. Weil die Verhältnisse in Amerika ganz anders geartet sind als in Europa, wollen wir sie hier außerhalb unserer Betrachtungen lassen, am nächstliegenden sind aber die Vergleichsmöglichkeiten unter den europäischen Großstädten, von denen zweifellos Paris, London und Berlin als die Exponenten bezeichnet werden können.

          In England und Frankreich ist die Verbreitung des Kraftwagens viel schneller fortgeschritten als bei uns. Gewiß gibt es auch in Berlin zu gewissen Tageszeiten an besonders stark frequentierten Stellen der Stadt Verstopfungen, sie reichen aber keinesweg an die Dichte des Fahrzeugverkehrs in der französischen und englischen Hauptstadt heran.

          Wie man in diesen beiden Städten den Verkehr beherrscht und regelt, ist in mancher Hinsicht für uns beachtenswert, denn eines Tages werden auch wir in Deutschland mit einem ähnlich starken Verkehr rechnen müssen. In Frankreich herrscht durchweg wie bei uns Rechtsfahrordnung, während in England links gefahren wird.

          In beiden Städten haben wir es z.T. mit außerordentlich breiten Straßenzügen zu tun, die ohne weiteres in beiden Fahrtrichtungen das Fahren in mehreren Kolonnen nebeneinander gestatten. Fest steht, daß in keinem Land so viel Verkehr „geregelt“ wird wie in Deutschland, was sich besonders in mittleren und kleineren Städten geradezu lächerlich auswirkt.

          Als die wichtigsten öffentlichen Verkehrsmittel in Paris sind die „Metro“ – gebräuchliche Bezeichnung für Untergrundbahn – sowie die Autobusse anzusprechen. Daneben verfügt Paris auch noch über eine große Anzahl von Straßenbahnlinien, die jedoch z.T. in den letzten Jahren aus den Hauptstraßenzügen herausgenommen wurden.

          In Paris verfolgt man das Prinzip, den Verkehr sich möglichst lange selbst zu überlassen. Optische bzw. akustische Verkehrsregelungseinrichtungen sind im Vergleich zu der großen Ausdehnung der Stadt verhältnismäßig wenig anzutreffen. Eigentlich nur an ein paar besonders frequentierten, engen Stellen. Im übrigen ist es an den einzelnen Kreuzungspunkten den Polizisten ganz nach eigenem Ermessen überlassen, da und dort den Verkehrsstrom freizugeben. Hier geht es also nach keinem zeitlichen Schema, sondern ganz und gar nach dem jeweils vorliegenden Bedürfnis.

          Holzstab und Trillerpfeife genügen

          Selbst an den großen Kreuzungspunkten wie am Arc de Triomphe, dem Place de la Concorde u.a., wo oft zehn und mehr Straßen strahlenförmig zusammenlaufen, ist kaum eine zwangsweise Regelung notwendig. Ein kleiner weißer Holzstab und eine Trillerpfeife sind die einzigen Requisiten, die den Polizisten zur Verfügung stehen. Man streitet sich in Paris nicht am grünen Tisch um das „Problem des Vorfahrtsrechts“, vielmehr hat eben der die Vorfahrt, der um ein Haar früher da war. Diese Tatsache wir auch von jedem anderen Fahrer respektiert. Dabei wird kreuz und quer gefahren, wo noch ein Plätzchen ist, schlängelt sich ein Fahrzeug hinein.

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          Gewiß geht aber alles glatt ab. Und zweifellos passieren trotz der weitaus größeren Verkehrsdichte dort lange nicht soviel ernste Unfälle wie bei uns. Allerdings wird man es in Paris auch nicht erleben, daß Fußgänger, die den halben Straßendamm bereits überschritten haben, plötzlich wieder zurücklaufen. Bekanntlich ist dies der Hauptanlaß für die Unfälle. Durch zahlreiche Straßeninseln ist das Ueberschreiten der Fahrdämme in Paris auch wesentlich erleichtert. Außerdem sind die Zu- und Abgänge der Untergrund so ausgebaut, daß sie von den Fußgängern als Unterführung besonders belebter Stellen benutzt werden können.

          In London kennt man innerhalb der City überhaupt keine Straßenbahnen. In dichter Folge fahren die zweistöckigen roten Omnibusse, dazu kommt die Untergrundbahn, während Straßenbahnen nur in den Außenbezirken mit wenig Straßenverkehr fahren. Hier hat man folgerichtig die Tatsache berücksichtigt, daß durch schienengebundene Fahrzeuge der Verkehr am ehesten aufgehalten wird. Wenn man auch in London in Vergleich zu deutschen Städten den Verkehr sich ziemlich von selbst abwickeln läßt, so wird hier dennoch mehr geregelt als in Paris. Aber auch hier nicht nach einem starren System, sondern nach dem jeweiligen Bedürfnis. Akustische und optische Vorrichtungen werden auch in London nur verhältnismäßig wenig verwendet.

          Fahrtrichtungsanzeiger kennt man sowohl in Paris wie auch in London so gut wie gar nicht. Es soll hierbei nicht verkannt werden, daß bei uns die Fahrtrichtungsanzeiger eine sehr segensreiche Einrichtung sind, wenn sie richtig bedient werden und auch überall sichtbar sind; diese Aufgabe erfüllen aber nicht alle Modelle. Wer mit seinem Kraftfahrzeug nach Paris oder London kommt, darf nicht glauben, daß sein Vordermann nach rechts abbiegen wird, wenn er rechts den Arm herausstreckt. Das Herausstrecken des Armes soll nicht die einzuschlagende Fahrtrichtung angeben, bedeutet vielmehr lediglich „Achtung“.

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