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Frankfurter Zeitung 03.11.1930 : Vergewaltigt oder nicht?

  • Aktualisiert am

Angestellt bei Familien und auf Bauernhöfen: Haushaltshilfen bei einem Ausflug (Symbolfoto). Bild: Picture-Alliance

Ein 14 Jahre altes Mädchen gibt an, vergewaltigt worden zu sein. Die Richter glauben ihr und verurteilen den Angeklagten. Dann wiederholt sich der Vorfall – oder doch nicht? Eine ehemalige Dienstherrin wendet sich an die Presse.

          3 Min.

          Meine Anteilnahme für den Prozeß Frenzel ist besonders lebhaft aus einem bestimmten Grunde. Vor Jahren beschäftigte ich als Hausangestellte ein kleines Bauernmädchen aus einem thüringischen Dorfe. Nur drei Monate lang, denn sie war eine wenig erfreuliche Persönlichkeit. Rotwangig, robust, fleißig, aber unzuverlässig und verlogen. Haushaltsgegenstände verschwanden auf Wochen, um dann von ihr an unmöglichen Plätzen wieder aufgefunden zu werden. Dazu kam als schlimmstes ein Bedürfnis, unanständige Geschichten zu erzählen, die sie selbst erlebt haben wollte (sie war damals 14 Jahre alt), diesen Geschichten war nicht zu entgehen außer durch Kündigung.

          Wenige Monate später kam ein Kriminalbeamter zu mir und bat mich um Auskunft über das Mädchen, die ich ihm erteilte, ohne weitere Aufklärung zu empfangen, jedenfalls betonte ich nachdrücklich ihre Verlogenheit. Bald folgte eine Ladung vor das Gericht einer Nachbarstadt, zum Zwecke einer Zeugenaussage über dieses Mädchen, das nebenbei auch Gertrud hieß.

          Angeklagt war ein Wollwarenfabrikant (etwas 30 Jahre alt, vier Jahre verheiratet, Vater eines dreijährigen Kindes, Mann einer netten Frau), seine Hausangestellte, eben jene Gertrud, vergewaltigt zu haben, mehrfach und meist im Beisein des dreijährigen Kindes, das im Bett dieses Mädchens schlief.

          Zerstörter des Ruf des Angeklagten

          Die Minderjährigkeit des Mädchens und die Anwesenheit des Kindes hatten dies öffentliche Meinung des kleine Ortes restlos gegen den Mann eingenommen. Massen von Zeugen, die „es ihm zutrauen“ oder „es gehört hatten“, gerüchteweise oder auch mit eigenen Ohren, soweit sie Hausbewohner waren, sagten gegen den Mann aus. Das Mädchen selbst erging sich in der Schilderung derart unbeschreiblicher Einzelheiten, daß Blinde hätten sehend werden müssen. Ein pathetischer, melodramatischer Stiefvater stand ihr zur Seite.

          Der Angeklagte war vollkommen hilflos, gehandicapt durch die feindselige Atmosphäre im Gerichtssaal, sein Rechtsanwalt fühlte sich offenbar auf verlorenem Posten, jedenfalls machte er keine nennenswerten Versuche, die Situation zu retten. Sämtliche Zeugen: Pfarrer, Lehrer, Nachbarn aus dem Dorfe, die das Mädchen von Kindesbeinen an kannten, stellten ihr das allerbeste Zeugnis aus, ihre Glaubwürdigkeit stand nach Ansicht des Gerichtes und aller Sachverständigen außer Zweifel.

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          Ich betone das Gegenteil mit allem Nachdruck und war in der Lage, meine Behauptungen durch erhebliche Einzelheiten zu belegen. Der Herr Staatsanwalt aber erlaubte sich zu bemerken, daß man angesichts der seltenen Uebereinstimmungen der Aussage sämtlicher einwandfreien Zeugen auf die Ansicht einer ehemaligen Dienstherrin, die von Animosität sichtlich nicht frei sei und dazu offenbar einmal etwas von Psychologie „gehört zu haben glaube“ (!), fraglos keinerlei Gewicht zu legen brauche. Ich ahnte nicht, ob ein Zeuge die Möglichkeit habe, sich gegen derartiges Benehmen zu verwahren, der Rechtsanwalt des Angeklagten sprang mir nicht bei.

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