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Frankfurter Zeitung 04.08.1930 : Studenten-Olympiade bringt 33 Nationen zusammen

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Halb gruppierten sich die 33 Nationen im Weichbild des Stadions, ein grüner Hafen, der so grün war, daß er nicht wirklich erschien sondern gemalt, trug den fast musikalischen Takt der sportlich trainierten Körper. Vor einem weißen Aufbau, der an einen Hochstand erinnerte, gruppierten sich die Fahnen, und hinter den Fahnen standen in tiefen Kolonnen Männer, zu einem Kampf vereint, dessen oberstes Gesetz jene Ritterlichkeit ist, die, außerhalb der Stadien Europas zu suchen, das Lebenswerk eines Utopisten ausmacht. Auf dem Hochstand befand sich Herr Hinsch, Leiter des Turn- und Sportamts der deutschen Studenten. Er gedachte der Toten jenes Krieges, in dem die Fahnen der stärksten Nationen, die hier, im Stadion Darmstadts 1930 im August, auf der Grundlage einer menschlichen Abrede still nebeneinander wehen, gegeneinander wehten und erst jenes Denkmal möglich machten, zu dem sich in lautlosem Marsch, umwölbt von Fahnen, die zwei Träger des Kranzes begaben.

Gedenken an Kriegstote – Pietät oder Gelöbnis?

Da schwieg das Stadion und das graue Denkmal der Toten war plötzlich von Fahnen umrauscht, die sich nach einem lautlosen Befahl senkten. Der Kranz wurde niedergelegt – er gilt den Toten, auf seiner Schleife gedenkt ihrer die Conféderation interantionale des éstudiantes. War das Pietät oder war es ein Gelöbnis? Haben diese gesunden Männer, diese disziplinierten Figuren in jenen Minuten, wo alles schwieg und nur zwei Blitze den blau-schwarzen tierischen Leib der Gewitterwand durchschnitten, sich vor der Vaterlandsliebe verneigt oder haben sie auch jener Vernunft gehuldigt, die alle Nationen zu sittlichen Gesetz verpflichtet: Du sollst nicht töten?

Sicher waren in diesen Minuten durch die Kraft menschlicher Symbole – Totenmal – gesenkte Fahnen – Schweigen – die Herzen aller Menschen erschüttert und gut, – aber – das fragen wir – war ihr Geist klar?

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Es hoben sich die Fahnen und es gingen unter den Klängen des Niederländischen Dankgebets die zwei Männer, die den Kranz zu den Toten getragen hatten – Gaini und Lowe –, still zu ihren Gruppen; – es sprang auf die Tribüne Herr Pierre Béteille, Commissaire general des sports de la confédération internationle des éstudiants und eröffnete die Internationalen Meisterschaften der Studenten in Darmstadt 1930, die vierte akademische Olympiade, deren Reihenfolge über Warschau, Rom, Paris schließlich in diese merkwürdig unprovinzielle Stadt führte.

Nach ihm leistete der Deutsche Schilgen, bester 1.500 Meter-Läufer diesen Schwur auf hoher Tribüne vor den Fahnen von 33 Nationen, indem er die Fahne der Republik in seine Hände nahm: „Wir schwören, daß wir uns bei den Internationalen Meisterschaften der Studenten als ehrenhafte Kämpfer zeigen, sowie die für die Spiele geltenden Bestimmungen achten wollen. Unsere Teilnahme soll in ritterlichem Geist für die Ehre unseres Vaterlandes und für den Ruhm des Sportes erfolgen!“

Ein Böller krachte – 2.600 Brieftauben, im Gefieder die Meldung, daß die 4. internationalen Meisterschaften der Studenten 1930 in Darmstadt eröffnet seien, schossen aus braunen Holzkäfigen von dem niedrigen Dach des Pressehauses, und wieder klang das Niederländische Dankgebet.

***

33 Nationen treffen sich in Darmstadt zu fairem männlichen Spiel – 2.600 Tauben künden Europa, daß 33 Nationen sich in ritterlichem Geist und im Geist der Achtung gegenüberstehen. Wo werden die Tauben landen? Sollten sie auf dem Leimruten der alten Fallensteller zu Grunde gehen, die Botschaft einer männlichen Forderung im Gefieder, aber werden sie den Geist jener 33 Nationen erreichen, deren Abgesandte heute um 5 Uhr den Schwur im Darmstädter Stadion leisteten?

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