https://www.faz.net/-gpf-9vy3f

Frankfurter Zeitung 25.04.1930 : Demokratie braucht Demokraten

  • Aktualisiert am

Demokratie braucht Protestkultur: Eine Gewerkschaftsdemonstration in Berlin um 1925. Bild: Picture-Alliance

Das ist Arbeit – aber hilft, den „Staat in seinen Lebenssinn aufzunehmen“ und ihn so zu stabilisieren. Ganz im Gegensatz zur Diktatur. Ein Plädoyer für mehr politische Kultur.

          4 Min.

          Das, was uns in Deutschland not tut, ist politische Kultur. Sie fängt dort an, wo der Staat von dem einzelnen in das unmittelbare Lebensgefüge, in die größeren und kleineren Entscheidungen des Alltags mit einbezogen wird, wo die Lebensgesetze, Bindungen und Forderungen der Gemeinschaft den selbstverständlichen Hintergrund aller persönlichen Pläne bilden, wo der Staat dem Goldgrund alter Gemälde vergleichbar ist, von dem aus das flächenhafte Leben der Gestalten und Dinge des Vordergrundes erst seinen scharfen Umriß erhält.

          Von einer solchen Vollendung ist unsere deutsche Gegenwart weit entfernt. Es fehlt dem deutschen Leben die politische Gesamtform. Es ist, als wären wir atomisiert auf tausend Inseln, wo jeder erst ein Boot rüsten und eine Fahrt wagen muß, um beim politischen Nachbar zu landen.

          Wir haben wie alle europäischen Nationen seit der Völkerwanderung universalistische und individualistische Epochen gehabt; Zeiten, wo wir dem menschheitliche Verbindenden stärker nachgingen, und Zeiten, wo wir das Eigene suchten, anscheinende Gegensätze, deren Lebensvorgänge aber in der Tiefe wie bei kommunizierenden Röhren miteinander in Verbindung stehen. Vielleicht gelang uns der Brückenbau ins universale Leben der Menschheit sogar jeweils besser, im Religiösen durch Luther, im Geistig-Künstlerischen in der klassischen Zeit und im Wirtschaftlichen durch die trotz allen nationalen Geredes reichlich vorhandene Internationalität des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

          Wenn wir aber, um zur politischen Gesamtform zu gelangen, von dem einzelnen fordern, daß er den Staat in seinen Lebenssinn aufnehme, dann muß nicht nur die wirtschaftliche, geistige und staatliche Verbundenheit als Lebenstatsache anschaulich bestehen, sondern sie muß dem Bürger und der Bürgerin dieses Staates auch ins Bewußtsein kommen. Der Grad z.B. der wirtschaftlichen Verbundenheit nimmt aber notwendigerweise bei dem großstädtischen Industriearbeiter andere Formen an als bei dem landbesitzenden Bauern, dem arbeitslosen Proletarier oder älteren Angestellten, dem Fabrikdirektor, Ingenieur oder Ladeninhaber.

          Demokratie schafft Nationalbewusstsein

          Die geistige Verbundenheit ist gleichfalls anders dort, wo man nur die Sprache und einige Volkslieder als gemeinsamen Schatz hat, als dort, wo man mit der Vergangenheit und dem kulturellen Reichtum des Landes eng vertraut ist. Erst die wahrhafte Demokratie als staatliche Organisationsform schafft die Möglichkeit eines wirklichen Nationalbewußtseins für die Gesamtheit, eines Staates, der das wirtschaftliche und geistige Schicksal der Gesamtheit nicht einzelner Gruppen, bei seinen Gesetzen und Einrichtungen im Auge hat, und dem diese Einstellung ein natürliches, konstitutives Prinzip ist.

          Historisches E-Paper

          Alle Ausgaben des historischen E-Papers im Überblick

          Artikel finden

          Man wird auf die Dauer lächerlich oder man macht sich elender Heuchelei schuldig, wenn man die Massen zum Nationalgefühl heranbilden will, ohne ihnen gleichzeitig die wirtschaftliche, geistige und seelische Verbundenheit mit der Nation als Lebenstatsache und innere Lebensgewißheit zu ermöglichen. Von hier aus gesehen sind die Grundrechte und Grundpflichten des Deutschen in der Weimarer Verfassung, sind alle Bemühungen um den Aufstieg der begabten oder Sätze wie die Präambel des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes von wesentlicher Bedeutung. („Jedes deutsche Kind hat ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit.“)

          Zu der von alters her gehegten und gepflegten Verschiedenheit der deutschen Stämme, zu der Trennung der Konfessionen, zu der Isolierung des Adels und des Großgrundbesitzes vom gemeinsamen Leben der Nation trat im 19. Jahrhundert der Gegensatz der Klassen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, daß das deutsche Volk sich auch heute noch untereinander nicht anschaulich und lebendig kennt und die Führerschaft der einzelnen Gruppen menschlich nicht genügend durchgebildet ist.

          Kritik tut weh – aber ohne geht es nicht

          Es scheint uns besonders schwer zu fallen, andere Meinungen dort zu ertragen, wo wir die Leidenschaft und Gewalt der eigenen Ueberzeugung fühlen. Ueberall wollen wir die absolute Forderung durchsetzen und werden dabei ledern und doktrinär. Wir müssen es als Volk um der notwendigen politischen Gesamtform willen lernen zu relativieren, ohne unsere eigene Sicherheit dabei aufs Spiel zu setzen. Das scheint uns schwer zu fallen. Vielfach liegt unserem politischen Doktrinarismus ein simpler Mangel an Anschauung und Wissen um die Lebensführung der anderen zugrunde.

          Mag man die Schwächen des Parlamentarismus schelten, soviel man will, an sich sollte dieses System Jahrzehnte hinaus von uns nicht nur geduldet, sondern als notwendiger Lehr- und Zuchtmeister anerkannt werden; denn es ist die politische Form, die uns zwingt, uns in öffentlicher Diskussion wirklich auseinanderzusetzen, uns zu sehen, wie wir sind, uns mit dem Leben von Bauer, Handwerker, Arbeiter und Bürger und allen Sachproblemen, die mit diesem Leben verwoben sind, vertraut zu machen und dabei den Süden und Norden, den Osten und Westen und auch die Mitte des Landes einzubeziehen.

          Auf die Dauer gesehen, muß uns ein solche politische Schule als Volk wandeln, wobei allerdings vorauszusetzen ist, daß allmählich im Reichstag nicht nur jene ältere wohlbeleibte Generation ausstirbt, die nicht nur mittags um 12 Uhr, sondern auch noch nachmittags um 5 Uhr schlagend im Dunkel der Gänge und Klubsessel angetroffen wird, sondern auch die bloßen Interessenpolitiker aus diesem Kreise verschwinden. Der richtig gehandhabte Parlamentarismus ist eines der größten Erziehungs- und Bildungsmittel zur politischen Kultur. Sein Widerpart, die Diktatur, setzt an Stelle des selbstgegebenen Gesetzes den Befehl. Sie kennt keine Ausbalancierung der Gewalten.

          Der Bürger auf dem Weg zum Demokrat

          Sie weiß nichts von wahrer Meinungsbildung, denn auf dem Boden der Gewalt gibt es immer nur das Schema des Herrschenden. Zum Leben gehört aber die Fülle der Widersprüche, denn sie machen erst die ganze Dynamik des Lebendigseins. Mit diesem Spannungen eines Volkslebens muß das Parlament fertig zu werden suchen, im Grunde ein tausendmal schöpferischerer Prozeß als alles Gerede darüber, daß die großen bestehenden Gegensätze des Lebens absolute Antithesen seien, an die man mit der relativen, auf Balance ausgehenden parlamentarischen Behandlung nicht herankommen könne.

          Gewiß gibt es solche Gegensätze im rein Geistigen, aber im politischen Leben einer Nation sind die Schichten anders gelagert, und hier finden sich praktische Synthesen, die der rein geistigen Auseinandersetzung nicht zugänglich sind.

          Es ist Aufgabe der Gegenwart, den politischen deutschen Menschen zu bilden, frei von Engigkeit und Ressentiment, frei von Dogmatismus und Seelenlosigkeit, bürgerlicher oder proletarischer Färbung, unter der sich meist die geheime Sehnsucht nach bürgerlicher oder proletarischer Privilegierung verbirgt.

          Der politische deutsche Mensch muß aber nicht nur die Kraft zu der geschilderten Relativierung aufbringen, sondern er muß sich zugleich die konstruktiven Elemente der Zeit bewußt machen, d.h. er muß die grundlegenden Veränderungen anerkennen, die das Maschinenzeitalter mit Fabrik und Werkstatt, mit technischem Verkehr allenthalben hervorgebracht hat, und deren Wirkungen sich bis in die Gestaltung von Ehe und Familie und Jugendleben hinein erstrecken; er muß die Folgerung der solidarischen Haftung im wirtschaftlichen Gesamtschicksal der Nation ziehen und damit das soziale Gesicht der Zeit sehen; er muß den großen geschichtlichen Schwung fühlen, mit dem die universalen geistigen Kräfte die europäische Menschheit von neuem zu organisieren versuchen, und zugleich erfassen, daß jede Kultur, auch die politische, nur national bedingt ist, sondern gerade in ihren höchsten Formen am entschiedensten den Nationalcharakter trägt.

          Hintergrund

          Die Demokratie der Weimarer Republik war ein Experiment: Nie vorher hat es in Deutschland eine demokratische Verfassung gegeben. Dort waren allgemeine, freie und gleiche Wahlen festgeschrieben – und auch Frauen durften wählen.

          Massenarbeitslosigkeit, Reparationsforderungen und Angriffe von extremen rechten und linken Lagern aber schwächten die junge Republik schnell. Die Regierung war nicht in der Lage, Kritiker des Systems zu Demokraten zu machen. Deshalb wird die Weimarer Republik oft als „Demokratie ohne Demokraten“ bezeichnet.

          Dass 1933 Hitler und die Nationalsozialisten die Macht übernehmen konnten, wird auch als Folge dessen angesehen (rere.).

          Weitere Themen

          EU sichert sich weitere Impfdosen Video-Seite öffnen

          Corona : EU sichert sich weitere Impfdosen

          Die EU-Kommission hat einen Vertrag über 160 Millionen Corona-Schutzimpfungen mit dem amerikanischen Hersteller Moderna geschlossen.

          Topmeldungen

          Vor der Bund-Länder-Schalte : Die Suche nach dem Weihnachtsfrieden

          Größtenteils unterstütze sie die Corona-Überlegungen der Länder, sagt die Kanzlerin vor den Gesprächen am Mittwoch. Der Bundespräsident warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft – und der Antisemitismusbeauftragte vor wachsendem Judenhass.
          Gute Bekannte: Joe Biden mit dem früheren amerikanischen Außenminister John Kerry, der Sonderbeauftragter für Klimaschutz werden soll

          Team aus alten Weggefährten : Das soll Bidens Kabinett werden

          Mehr Frauen, weniger schillernde Figuren – und ein deutliches Bekenntnis zum Klimaschutz: Joe Bidens künftiges Kabinett bildet einen deutlichen Kontrast zu dem seines Amtsvorgängers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.