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Frankfurter Zeitung 25.04.1930 : Demokratie braucht Demokraten

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Kritik tut weh – aber ohne geht es nicht

Es scheint uns besonders schwer zu fallen, andere Meinungen dort zu ertragen, wo wir die Leidenschaft und Gewalt der eigenen Ueberzeugung fühlen. Ueberall wollen wir die absolute Forderung durchsetzen und werden dabei ledern und doktrinär. Wir müssen es als Volk um der notwendigen politischen Gesamtform willen lernen zu relativieren, ohne unsere eigene Sicherheit dabei aufs Spiel zu setzen. Das scheint uns schwer zu fallen. Vielfach liegt unserem politischen Doktrinarismus ein simpler Mangel an Anschauung und Wissen um die Lebensführung der anderen zugrunde.

Mag man die Schwächen des Parlamentarismus schelten, soviel man will, an sich sollte dieses System Jahrzehnte hinaus von uns nicht nur geduldet, sondern als notwendiger Lehr- und Zuchtmeister anerkannt werden; denn es ist die politische Form, die uns zwingt, uns in öffentlicher Diskussion wirklich auseinanderzusetzen, uns zu sehen, wie wir sind, uns mit dem Leben von Bauer, Handwerker, Arbeiter und Bürger und allen Sachproblemen, die mit diesem Leben verwoben sind, vertraut zu machen und dabei den Süden und Norden, den Osten und Westen und auch die Mitte des Landes einzubeziehen.

Auf die Dauer gesehen, muß uns ein solche politische Schule als Volk wandeln, wobei allerdings vorauszusetzen ist, daß allmählich im Reichstag nicht nur jene ältere wohlbeleibte Generation ausstirbt, die nicht nur mittags um 12 Uhr, sondern auch noch nachmittags um 5 Uhr schlagend im Dunkel der Gänge und Klubsessel angetroffen wird, sondern auch die bloßen Interessenpolitiker aus diesem Kreise verschwinden. Der richtig gehandhabte Parlamentarismus ist eines der größten Erziehungs- und Bildungsmittel zur politischen Kultur. Sein Widerpart, die Diktatur, setzt an Stelle des selbstgegebenen Gesetzes den Befehl. Sie kennt keine Ausbalancierung der Gewalten.

Der Bürger auf dem Weg zum Demokrat

Sie weiß nichts von wahrer Meinungsbildung, denn auf dem Boden der Gewalt gibt es immer nur das Schema des Herrschenden. Zum Leben gehört aber die Fülle der Widersprüche, denn sie machen erst die ganze Dynamik des Lebendigseins. Mit diesem Spannungen eines Volkslebens muß das Parlament fertig zu werden suchen, im Grunde ein tausendmal schöpferischerer Prozeß als alles Gerede darüber, daß die großen bestehenden Gegensätze des Lebens absolute Antithesen seien, an die man mit der relativen, auf Balance ausgehenden parlamentarischen Behandlung nicht herankommen könne.

Gewiß gibt es solche Gegensätze im rein Geistigen, aber im politischen Leben einer Nation sind die Schichten anders gelagert, und hier finden sich praktische Synthesen, die der rein geistigen Auseinandersetzung nicht zugänglich sind.

Es ist Aufgabe der Gegenwart, den politischen deutschen Menschen zu bilden, frei von Engigkeit und Ressentiment, frei von Dogmatismus und Seelenlosigkeit, bürgerlicher oder proletarischer Färbung, unter der sich meist die geheime Sehnsucht nach bürgerlicher oder proletarischer Privilegierung verbirgt.

Der politische deutsche Mensch muß aber nicht nur die Kraft zu der geschilderten Relativierung aufbringen, sondern er muß sich zugleich die konstruktiven Elemente der Zeit bewußt machen, d.h. er muß die grundlegenden Veränderungen anerkennen, die das Maschinenzeitalter mit Fabrik und Werkstatt, mit technischem Verkehr allenthalben hervorgebracht hat, und deren Wirkungen sich bis in die Gestaltung von Ehe und Familie und Jugendleben hinein erstrecken; er muß die Folgerung der solidarischen Haftung im wirtschaftlichen Gesamtschicksal der Nation ziehen und damit das soziale Gesicht der Zeit sehen; er muß den großen geschichtlichen Schwung fühlen, mit dem die universalen geistigen Kräfte die europäische Menschheit von neuem zu organisieren versuchen, und zugleich erfassen, daß jede Kultur, auch die politische, nur national bedingt ist, sondern gerade in ihren höchsten Formen am entschiedensten den Nationalcharakter trägt.

Hintergrund

Die Demokratie der Weimarer Republik war ein Experiment: Nie vorher hat es in Deutschland eine demokratische Verfassung gegeben. Dort waren allgemeine, freie und gleiche Wahlen festgeschrieben – und auch Frauen durften wählen.

Massenarbeitslosigkeit, Reparationsforderungen und Angriffe von extremen rechten und linken Lagern aber schwächten die junge Republik schnell. Die Regierung war nicht in der Lage, Kritiker des Systems zu Demokraten zu machen. Deshalb wird die Weimarer Republik oft als „Demokratie ohne Demokraten“ bezeichnet.

Dass 1933 Hitler und die Nationalsozialisten die Macht übernehmen konnten, wird auch als Folge dessen angesehen (rere.).

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