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Frankfurter Zeitung 01.11.1930 : Kommt bald ein Balkanbund?

  • Aktualisiert am

Konferenz von Lausanne: 1923 schlossen die Alliierten und die Türkei Frieden. Bild: Picture-Alliance

Griechenland und die Türkei besiegeln ihren Frieden. Dabei verfolgen die Staatschefs ihre eigenen Interessen. Wie mächtig kann der Balkan werden, wenn sich die Länder zusammenschließen?

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          Länger als sieben Jahre hat es gedauert, seit nach dem verunglückten Versuch Griechenlands, die Türkei von den Küsten des Aegäischen Meeres und der Propontis ganz und für immer zurückzuwerfen, in Lausanne ein Friede geschlossen worden ist, über dessen Durchführung die beiden beteiligten Staaten, Griechenland und die Türkei, nicht ins Reine kommen konnten. Jetzt endlich, vor wenigen Tagen, haben sich die Staatsmänner Griechenlands und der Türkei in Angora getroffen, um unter feierlicher Betonung dieses Staatsaktes gewissermaßen den Schlußpunkt unter die Abmachungen zu setzen, die den man könnte sagen, jahrhundertelangen Krieg für immer beendigen und eine neue Ordnung der Dinge in den Ländern östlich und westlich des Aegäischen Meeres ausrichten sollen. Welche Abmachungen im einzelnen zwischen Veniselos und Kemal Pascha in Angora getroffen worden sind, darüber ist nichts Bestimmtes Bekannt geworden.

          Von türkischer Seite ist von einem Flottenabkommen gesprochen worden, das eine Parität der beiderseitigen Flotten vereinbarte mit der gleichzeitigen Verpflichtung der beiden Vertragspartner, einander über beabsichtigte Vergrößerungen ihrer Flotten gegenseitig vorher zu verständigen. Das wir wohl richtig sein. Es ist schon seit zwei Jahren von einer solchen Flottenverständigung die Rede, die sich wohl nur auf das Aegäische Meer beziehen kann, und an der allem Anschein nach das durch den Besitz des Dodekanes unmittelbar interessierte Italien als Anreger und Berater stark beteiligt ist. Aber es kann natürlich nicht das einzige sein, was vereinbart worden ist.

          Die Flotten der beiden Staaten sind, entsprechend ihren Interessen und den Mitteln, die zur Verfügung stehen, verhältnismäßig klein. Aber eine Abmachung wie diese zeigt in der Tat, daß nun die anderen Streitpunkte, die noch zwischen Athen und Angora bestanden, endgültig erledigt sind. Sie sind nicht erst jetzt bereinigt worden. Schon im Sommer war es so weit. Man hat den Akt des feierlichen Abschlusses bis in den Herbst verschoben, vielleicht mit einer gewissen Absicht bis nach der Athener Balkankonferenz, die zwar nicht viel mehr als eine ziemlich unverbindliche, freundschaftliche Unterhaltung gewesen zu sein scheint, die aber doch auch als solche schon einen Schritt der Annäherung der Balkanstaaten bedeutet hat und jedenfalls bedeuten sollte.

          Streit um Vertrag von Lausanne

          Der Hauptgegenstand des Streites zwischen Griechen und Türken war der im Vertrag von Lausanne festgesetzte Menschenaustausch und noch mehr die damit zusammenhängenden Entschädigungsfragen, über die es ein sieben Jahre dauerndes, grimmiges, mit vielen Tricks und Verhandlungskünsten fortgesetztes Feilschen gegeben hat.

          Kemal Pascha (heute Kemal Atatürk) war der erste Präsident der türkischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg.
          Kemal Pascha (heute Kemal Atatürk) war der erste Präsident der türkischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg. : Bild: Picture-Alliance

          Der Austausch selbst, diese furchtbar Losreißung von zwei Millionen Menschen von ihrer Scholle und aus ihrer Umgebung, ein Zeichen brutaler Inhumanität, ist längst durchgeführt. Anderthalb Millionen Griechen sind aus Kleinasien und anderen türkisch gebliebenen Gebieten nach Griechenland, eine halbe Million Türken aus Griechenland in die Türkei übergeführt worden. Es ist hier nicht der Ort, auf die Bedeutung dieser Völkerwanderung für beide Länder nochmals einzugehen. Einigermaßen, keineswegs ganz, sind die Nachwirkungen dieser Umsiedlung überwunden.

          Wie es scheint, ist der mißglückte Athener Putsch gegen Veniselos gewissermaßen auch noch eine solche Nachwirkung, sofern nämlich die in der Großstadt angesiedelten Flüchtlinge ganz besonders zur Unzufriedenheit geneigt sein mögen. Daß nun auch die amtlichen Verhandlungen über den materiellen Ausgleich abgegolten sind, muß man begrüßen. Denn irgendwie mußte ja doch dem Schwebezustand ein Ende gemacht werden.

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