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Frankfurter Zeitung 03.02.1930 : In China verhungern zwei Millionen – und jetzt?

  • Aktualisiert am

Treiben auf der Foochow Road in Shanghai um 1925. Bild: Picture-Alliance

Was können die Deutschen, selbst ausgehungert und arm, gegen die Not in China tun? Ein Leser macht Vorschläge, wie jeder Einzelne helfen kann – und fordert die Weltgemeinschaft auf, aktiv zu werden. Ein Leserbrief.

          2 Min.

          Frühstücksstunde: Kaffee duftet und dampft, Milch steht daneben, Brötchen, frische Butter, Käse – der Erde Fett und Fülle fließt uns zu. Und natürlich fehlt nicht die Morgenzeitung auf dem wohlbestellten Tisch. Wir entfalten sie, herzhaft kauend – da – in der Kehle bleibt der Bissen stecken – was steht da? In China sterben zwei Millionen Menschen Hungers. Ja, das gibt es! Das ist auf der Welt, auf der gleichen Welt wie Du und ich und unser gutes Frühstück. „Es ist eine Kulturschande für uns alle,“ schließt der Berichterstatter. Wer wird ihm nicht beistimmen: da muß einfach etwas geschehen! – Dann blätter man weiter. Kurse, die nicht steigen wollen – Zahlungseinstellungen, immer mehr und immer neue, Familiennachrichten. Und dann ist das Frühstück beendet. Man nimmt Hut und Mantel und geht an seine Arbeit.

          Die gute Morgenstimmung ist verdorben. „Zwei Millionen Menschen sterben Hungers – darf denn das sein? Das sind doch Menschen, Menschen wie wir – irgend etwas stimmt da nicht. – Wie kann Gott das zulassen? – Aber schließlich – China, das ist weit weg – was kann unsereins da tun? Was kann Deutschland tun, selber ausgehungert und arm.

          Irgend jemand muß doch helfen können, und irgend jemand wird ja wohl auch helfen!“ – Damit gehen wir an unser tägliches Geschäft, und wenn der Tag um ist, kommt das Abendessen mit neuer Sättigung und die Abendzeitung mit neuen Sensationen.

          Nein, Du, der dies schreibt, und Du, der es liest, irgend jemand wird nicht helfen. Niemand wird helfen, wenn – Du nicht hilfst! Du frägst, wie Gott das zulassen kann. Vielleicht sagst Du, es gäbe gar keinen Gott, denn sonst könne so etwas nicht geschehen dürfen. Wir wissen nichts über den Sinn des Geschehens. Soweit reicht unsere Menscheneinsicht nicht.

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          Aber das wissen wir, daß nichts in der Natur geschieht, auf das nicht der Mensch mit seinem Tun eine Antwort geben kann. Ist nicht immer im Leben der Menschheit die große Not der großen Hilfe vorausgegangen? Oder sollte zu großer Hilfe die große Menschheit heutigentags zu klein geworden sein?

          Nein – große Hilfe ist möglich, immer, solange Menschen mit Menschen leben, sie wird auch hier möglich sein. Sofortige zuerst, und nachhaltige Hilfe, hoffentlich, immer danach. Ich muß helfen, Du mußt helfen, die ganze Welt muß helfen!

          Es muß ein Weltbund für gegenseitige Hilfe geschaffen werden, ein erdumfassendes Gebilde mit keiner anderen Aufgabe als: helfen. Es muß ein übernationaler Bund sein, dem, neben zahllosen einzelnen, Körperschafen jeder Art angehören können, Städte, Staaten, Bünde usw. Vielleicht ist das Rote Kreuz, vielleicht die Heilsarmee, beide wohl aus ähnlichen Antrieben entstanden, organisatorisch ein brauchbares Vorbild. Das wäre zu prüfen.

          Die ersten Mittel wären durch einen Weltfasttag zu beschaffen: jeder, der dies liest, der dem Bund sich zugehörig fühlt, jeder, jeder, den das Entsetzen über die verhungerten 2 Millionen packt, der faste einen Tag und gebe das so Ersparte in die Bundeskasse, wenn sie gebildet ist. Der Völkerbund, alle Staaten einzeln, alle großen Industrien und Finanzinstitute seien aufgefordert, im Rahmen ihrer Mittel und Möglichkeiten gleichfalls beizusteuern.

          Zugleich wäre eine Vereinbarung unter allen Staaten zu treffen, daß jeder Flugzeuge und, wer sie hat, Luftschiffe sofort zur Verfügung stellt, die, vom Bund mit Lebensmitteln ausgestattet, Hilfe zu bringen und als Rückfracht Menschen in andere Landstriche zu verbringen hätten, in denen kein Mangel herrscht.

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