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Frankfurter Zeitung 17.05.1930 : In Dresden eröffnet die Hygieneausstellung

  • Aktualisiert am

Um 1930: Operationssäle wie dieser konnten bei der Dresdner Hygieneausstellung in der Sonderschau „Krankenhaus“ besichtigt werden. Bild: Picture-Alliance

Völlig Neuartiges erwartet die Besucher des neuen Hygienemuseums: Einen Blick ins Seelenleben von Kindern und Erwachsenen, in einen Schaubauernhof – und warum es Frauen schwerer haben als Männer.

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          Die Internationale Hygieneausstellung, die gemeinsam mit dem Deutschen Hygienemuseum in Dresden eröffnet worden ist, geht in ihren Grundideen ebenso wie das Museum zurück auf die erste Deutsche Hygieneausstellung, die auf Anregung Karl August Lingners 1911 in Dresden stattfand.

          Was damals ein ferner Traum war, ist heute verwirklicht: der Opferwilligkeit des Reiches, des Landes Sachsen und der Stadt Dresden vor allem ist es zu danken, daß in der Hygieneausstellung der stolze Bau des Hygienemuseums sich erhebt, von Prof. Kreis in monumentalem, ruhigem Stil gestaltet.

          Auch die Ausstellungshallen, die von verschiedenen führenden Architekten stammen, vermeiden jeden Prunk und geben so, von grünen Rasenflächen freundlich unterbrochen, in den hellen, lichten, klaren Farben und Linien ein erfreuliches Bild neuer Sachlichkeit, das in einem inneren Einklang steht mit den Forderungen der Hygiene.

          Die Ausstellung ist in zwei Abteilungen gegliedert: in die Abteilung der persönlichen Hygiene und in die Abteilung der öffentlichen Gesundheitspflege mit der Sonderschau: Das Krankenhaus. In dieser Sonderschau des Krankenhauses sind in einem besonderen Gebäude, das von Stadtbaurat Wolf in Dresden stammt, 70 Krankenhausräume in Originalausführung untergebracht. Krankenzimmer, Operationssäle, Desinfektionsräume, Laboratorien und Apotheken werden in den besten und modernsten Ausführungen gezeigt.

          Blick in die Seele

          Von besonderer Anziehungskraft auch für den Laien wird sein die neu und eigenartig aufgebaute Abteilung: Gesundes Seelenleben. In eindrucksvollen Bildern, zum Teil in Photomontage, tritt vor den Beschauer die Abhängigkeit des seelischen Zustandes des Menschen von seiner Umgebung und seinen ererbten Trieben. Man sieht in populär gehaltenen Darstellungen, wie der Mensch unter dem Einfluß dieser Faktoren sich zum Guten oder zum Schlechten wendet, die Hauptforderungen der Eugenik werden daraus abgeleitet.

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          In ähnlicher Weise zeigt die Abteilung Leibesübungen und allgemeine Körperpflege die verschiedensten Formen des Sportes und der Bewegungskunst, plastische, bildhafte und tabellarische Darstellungen wechseln ab, auch die Möglichkeiten der täglichen Körperpflege werden gezeigt und mit der praktischen Nutzanwendung der Folgen, die eintreten, wenn der einzelne diese Regeln befolgt oder wenn er sie mißachtet.

          Dem Kinde ist ein eigenes Haus gewidmet, in dem vor allem bemerkenswert sind die Abteilungen Säuglingspflege und Spielsachen, unter denen sich besonders die Spielzeuge der Waldorfschule durch ihre Formen und lebensfrohen Farben hervorheben. Der Hygiene des kindlichen Seelenlebens wird besondere Beachtung geschenkt; man warnt Eltern und Erzieher vor den schädigenden Einflüssen schreckhafter Märchen, deren tiefe Wirkung auf das Kindergemüt gezeigt wird. Die von Christoph und Unmack ausgeführte Schule strahlt in den freundlichsten Farben, alles graue und eintönige, das sonst oft mit dem Begriff der Schule verbunden ist, wird vermieden. Diese Musterschule liegt in einer kleinen Kolonie von Siedlungshäusern, die den gelungenen Versuch darstellen, unter Wahrung der hygienischen Forderungen auf kleinstem Raume für Familien genügende Wohngelegenheiten zu zeigen.

          In der Abteilung „Die Frau in Familie und Beruf“ wird vor allem eines der schwersten Probleme der Gegenwart aufgezeigt, das Problem der Doppelbelastung der Frau durch Haushalt und Beruf. Mit Recht ist dieser Frage ganz besondere Sorgfalt geschenkt. Denn das Motto, unter das diese Schau gestellt ist, berührt eine der wichtigsten Fragen unserer ganzen Kultur, es lautet: „Frauen, die ihr Trägerinnen ewiger Erneuerung seid, helft dieser Menschheit wieder, zu schöpferischer Ruhe zu gelangen!“

          Aberglaube wird entlarvt

          Schädlingsbekämpfung, Desinfektion, Klima, Hygiene der Kleidung nehmen in eigenen Gruppen einen breiten Raum ein. Der Landwirtschaft wird in dem „Gehöft“, das während der Ausstellung in vollem Betrieb ist und eine Musterwirtschaft darstellt, vor Augen geführt, wie viel bessere Produkte man erzeugen kann, wenn man im landwirtschaftlichen Betrieb die Forderungen der Hygiene befolgt. Groteske und abenteuerliche Bilder zeigt die Abteilung „Aberglaube“. In oft sehr witzigen und wirksamen Bildern werden die abergläubischen Gebräuche der Naturvölker denen der Gegenwart gegenübergestellt. Man erkennt, wie häufig zwar die äußeren Formen gewechselt haben, im Inhalt aber und in der erhofften Wirkung vieles aus den primitiven Zuständen sich bis heute fortgeerbt hat.

          „Die öffentliche Gesundheitspflege“ setzt sich zusammen aus drei Sondergruppen, die der deutschen Reichsregierung, der deutschen Länder und der deutschen Städte. Das Reich bietet eine große historische Uebersicht über die letzten hundert Jahre, unter den Ländern ist besonders beachtlich Thüringen, das eine große Fröbelausstellung zeigt, Hamburg und Bremen bringen interessante Tatsachen aus dem Gebiet der Hafenhygiene.

          Die Städte haben sich ausnahmslos unter Führung des Deutschen Städtetages zusammengeschlossen zu einer einheitlichen Schau, die eindrucksvoll die kommunalen hygienischen Betriebe zeigt, wie Wasserversorgung, Abwässer- und Müllbeseitigung, Schlachthöfe und Markthallen, Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung u.a.

          Der internationale Teil der Ausstellung wird erst im Juni eröffnet werden.  Aber auch so bietet die „Internationale Hygieneausstellung Dresden“ in kaum zu übersehender Fülle für den Laien und für den Fachmann auf dem wichtigen Gebiete der Hygiene und Volksgesundheit außerordentlich viel des Sehens- und Lernenswerten. An die Ausstellung werden sich in den nächsten Monaten eine große Zahl nationaler und internationaler Kongresse anschließen. Man rechnet vor allem auch auf eine sehr große Zahl ausländischer Besucher.

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