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Frankfurter Zeitung 14.03.1930 : Das sagt Hindenburg zum Young-Plan

  • Aktualisiert am

Young-Plan sei Dank: Reichspräsident Paul von Hindenburg bei Feierlichkeiten zum Abzug französischer Truppen im Rheinland. 30.06.1930 Bild: Picture-Alliance

Der Reichspräsident scheint genervt: Viele Bürger lehnen den Young-Plan ab. Nun rechtfertigt Hindenburg sich persönlich in der Frankfurter Zeitung – mit klarem Appell und einer Referenz an seine Vergangenheit als Heerführer.

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          Reichspräsident von Hindenburg hat heute das den Young-Plan enthaltende Gesetz über die Haager Konferenz 1929/30 und die damit in Verbindung stehenden Gesetze ausgefertigt und ihre Verkündung im Reichsgesetzblatt veranlaßt. Den Gesetzentwurf zur Regelung von Fragen des Teiles X des Versailler Vertrages, welcher das deutsch-polnische Liquidationsabkommen enthält, hat der Reichspräsident noch nicht vollzogen, sondern in Ausübung der ihm nach Art. 70 RV obliegenden Pflicht zur Prüfung des verfassungsmäßigen Zustandekommens der Gesetze einstweilen zurückgestellt. Der Reichspräsident hat sich wegen einer eingehenden Prüfung der Frage, ob dieses Gesetz verfassungsändernden Charakter hat, mit dem Reichskanzler und den beteiligten Reichsministern in Verbindung gesetzt.

          Reichspräsident von Hindenburg lässt mitteilen:

          Während des Kampfes um Annahme oder Ablehnung des Young-Planes sind mir von Verbänden, Vereinen und Einzelpersonen viele Hunderte von Zuschriften zugegangen, die, von Sorgen für die Zukunft unseres Vaterlandes erfüllt, mich in dringenden Worten baten, das Zustandekommen des Young-Planes durch die Verweigerung zu verhindern. Da ich mich mit allen denen, die sich teils mit kurzen Protesten, teils mit langen Ausführungen an mich gewandt haben, nicht einzeln auseinandersetzen kann, gebe ich nachstehend meine Antwort auf diesem Wege:

          Schweren, aber festen Herzens habe ich nach reiflicher, gewissenhafter Prüfung die Young-Gesetze mit meinem Namen unterschrieben. Nach Anhörung von Befürwortern und Gegnern des Planes, nach sorgfältiger Abwägung des Für und des Wider bin ich zur Ueberzeugung gelangt, daß trotz der schweren Belastung, die der neue Plan dem deutschen Volke auf lange Jahre hinaus auferlegt, und trotz der großen Bedenken, die gegen manche seiner Bestimmungen erhoben werden können, ist der Young-Plan im Vergleich zum Dawes-Plan eine Besserung und Entlastung und wirtschaftlich und politisch ein Fortschritt auf dem schweren Wege der Befreiung und des Wiederaufbaues Deutschlands.

          Zu einer Ablehnung konnte ich mich im Gefühl meiner Verantwortung für Deutschland und seine Zukunft nicht entschließen, da die Folgen einer solchen für die deutsche Wirtschaft und die deutschen Finanzen unabsehbar sein und schwere Krisen mit allen ihren Gefahren für unser Vaterland bringen würden. Ich bin mir durchaus bewußt, daß auch die Annahme des Young-Plans uns nicht von allen Sorgen für die Zukunft befreit; aber ich glaube trotzdem zuversichtlich, daß der nunmehr eingeschlagene Weg, der dem besetzten deutschen Gebiet die langersehnte Freiheit und uns allen die Erwartung weiterer Fortschritte gibt, sich als der richtige erweisen wird.

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          Viele der Zuschriften haben in wohlmeinender Absicht an mich persönlich die Bitte gerichtet, meinen, des früheren Heerführers, Namen nicht dadurch vor der Geschichte zu verdunkeln, daß ich mit ihm diese Gesetze decke. Hierauf erwidere ich: Ich habe mein Leben in der großen Schule der Pflichterfüllung, in der alten Armee, verbracht und hier gelernt, stets ohne Rücksicht auf die eigene Person meine Pflicht gegenüber dem Vaterlande zu tun. Deshalb hatte bei meiner Entscheidung jeder Gedanke an mich selbst vollständig zurückzutreten. So konnte auch der Gedanke, durch einen Volksentscheid oder meinen Rücktritt die Verantwortung von mir abzuschieben, bei mir nicht Boden fassen.

          Der parlamentarische Kampf um die Young-Gesetze ist mit deren Verkündigung im Reichsgesetzblatt zu Ende; damit muß nun auch im deutschen Volke der Streit um diese Frage beendet sein, der so viel neue Gegensätze hervorgerufen und die von mir von jeder so schmerzlich empfundene Zerrissenheit in unserem schwer geprüften Vaterlande stark erweitert hat. Ich richte daher an alle deutschen Männer und Frauen die ernste Mahnung, sich ihrer Pflichten gegenüber dem Vaterlande und der Zukunft der Nation bewußt zu sein und sich nun endlich unter Ueberwindung des Trennenden und Gegensätzlichen zusammenzufinden in gemeinsamem Wirken für unsere Zukunft, in der es wieder ein freies, gesundes und starkes deutsches Volk geben soll.

          Die politischen Auseinandersetzungen und Kämpfe der letzten Monate müssen nunmehr einer entschlossenen praktischen Arbeit Platz machen, welche die Gesundung unserer Finanzen, die Belebung unserer gesamten Wirtschaft und damit die Beseitigung der ungeheuren Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt die Linderung der schweren Lage der der deutschen Landwirtschaft und die Wiederherstellung ihrer Rentabilität zum Ziele haben muß. Ich habe der Reichsregierung die Erleichterung dieser Arbeit in einem Schreiben an den Herrn Reichskanzler vom heutigen Tage zur Aufgabe gestellt und fordere hiermit gleichzeitig alle Deutschen auf, sich über die Grenzen der Parteien hinaus zur gemeinsamen Mitarbeit die Hände zu reichen.

          Hintergrund

          Der Young-Plan war nach dem Dawes-Plan (1923) der zweite Versuch, die Reparationskosten und Zahlungsdauer Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg festzulegen. Bei der Konferenz in Den Haag im Januar 1930 wurden die Reparationen auf 112 Milliarden Reichsmark festgesetzt, die bis 1988 abbezahlt werden sollten. Teil des Planes war auch die vorzeitige Räumung des Rheinlandes im Jahr 1930 durch französische Truppen.

          Zuvor hatten rechtsnationale Politiker unter der Leitung von Alfred Hugenberg und Adolf Hitler versucht, den Young-Plan mit einem Volksentscheid zu verhindern – erfolglos. Heftig umstritten blieb der Young-Plan in Deutschland dennoch.

          Vollständig umgesetzt wurde der Plan aber nie: Als Deutschland im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1931 zahlungsunfähig war, einigte sich die Konferenz von Lausanne 1932 auf ein Ende der deutschen Zahlungsverpflichtungen (rere.).

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