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Frankfurter Zeitung 25.05.1930 : Frankreich soll den Rhein freigeben

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Eine besondere Bedeutung hat dieser Augenblick der endgültigen Rheinlandräumung auch für die deutsche Gesamtpolitik. Jene „Erfüllungspolitik“, die 1919 mit der abgezwungenen Unterschrift in Versailles begann, die dann von den Weimarer Parteien, von Rathenau und Wirth in Angriff genommen, unter dem Einfluß von Stinnes und anderen so folgenschwer bekämpft und danach von Stresemann wieder aufgenommen wurde, sie ist jetzt wirklich zur Befreiungspolitik geworden.

Wie hat man jahrelang alle Leidenschaften, den furchtbarsten Haß und die schmutzigste Verleumdung gegen die Träger dieser Politik aufgepeitscht. Menschenopfer edelster Art mußten fallen. Nun aber kommt der Tag, wo wir sagen dürfen: sie sind nicht umsonst gefallen. Gewiß verschwinden mit der Besatzung noch nicht alle Fesseln des Versailler Vertrages. Gewiß wird am 30. Juni nicht alle Not, die ein Jahrzehnt fremder Militärherrschaft mit mehr oder weniger starker Abschließung vom übrigen Vaterland dem besetzten Gebiet gebracht hat, in einer Mitternachtsstunde geschwunden sein.

Lähmungen, Blutstauungen, Wunden und Narben bleiben zurück, die noch einige Zeit der Pflege bedürfen. Freilich ist Gesamtdeutschland heute in einer wirtschaftlichen und finanziellen Bedrängnis, die ihm nur in engen Grenzen zu helfen gestattet. Im voraus möchten wir deshalb ganz offen die Hoffnung aussprechen, daß man auch bei den Festreden, die uns bevorstehen, sich in dieser Hinsicht nicht von Rührung und Begeisterung zu allzu hochgemuten Dankesverheißungen hinauftreiben lasse. Nicht wenig Enttäuschungen haben schon im besetzten Gebiet Ministerreden zur Folge gehabt, die allzu ungehemmt dem Schwung schöner Gefühle sich hingaben. Aber was irgend geschehen kann, um aller Nachwirkung der Besetzungsnöte Abhilfe zu bringen, das muß natürlich geschehen.

Ende der „Rheinlandpolitik“

Jeder Deutsche wird sich von Herzen freuen, daß jetzt der letzte Akt der Fremdherrschaft am Rhein gekommen ist. Jeder Deutsche sollte der Dankespflicht eingedenk bleiben, die das ganze Land an Menschen des westlichen Grenzgebietes schuldet; sie haben als Geisel für uns alle Schweres tapfer getragen und haben noch nicht alles verwinden können.

Jeder gute Europäer aber sollte an seinem Teile danach streben, daß dieser letzte Akt der Rheinlandbesetzung auch der letzte Akt jener jahrhundertelangen französischen „Rheinlandpolitik“ sein möge, tatsächlich doch expansiv und offensiv gewirkt hat. Viele Zehntausende von Franzosen haben erst durch den Augenschein als Besatzungsangehörige gelernt, daß die Bewohner der Rheinlande nichts als Deutsche sind und sein und bleiben wollen. In dieser Erkenntnis liegt die erste Stufe zu dauernder Befriedung und zu einem neuen Europa.

Leider ist der Befreiungsakt in den letzten Tagen von höchst unerfreulichen Erscheinungen begleitet gewesen: wir meinen die Zwangsversteigerung von Luftfahrhallen, von denen einige, z. B. die Griesheimer, wirklich von großem wirtschaftlichen Wert waren; wir meinen ferner das scharfe Vorgehen der französischen Militärgerichtsbarkeit gegen deutsche Angeklagte noch rasch vor Toresschluß.

Ereignis von „historischer Bedeutung“

Der französische Militarismus hat dadurch gezeigt, daß er nicht generös zu sein, daß er nicht eine gute Miene zu einem… guten Spiel zu machen versteht. Doch diese Ereignisse höchst ärgerlicher Art dürfen uns den Blick für die historische Bedeutung der Räumung nicht verdüstern. Das Rheinland wird frei, dies deutsche Gebiet ist gesichert; beides wurde erreicht durch die deutsche Politik des Friedens. Und der Befreiungsakt kann tatsächlich ein neues Kapitel in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen eröffnen.

Hintergrund

Nach Ende des Ersten Weltkrieges musste sich Deutschland verpflichten, seine Truppen hinter den Rhein zurückzuziehen. Die westrheinischen Gebiete wurden daraufhin zu großen Teilen von Frankreich besetzt. Auf diese Weise wollte sich Frankreich vor einem abermaligen Angriff Deutschlands schützen. War die Besatzungszeit zunächst bis 1935 begrenzt, wurde sie durch Bestimmungen des Young-Plans am 30. Juni 1930 vorzeitig beendet – man nahm darin an, dass Deutschland seine Reparationsverpflichtungen vorzeitig erfüllt habe. (rere.)

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