https://www.faz.net/-gpf-9u27c

Frankfurter Zeitung 25.02.1930 : Eine Jobsuche zum Verzweifeln

  • Aktualisiert am

New York um 1929: Bedürftige warten in einer Schlange auf kostenloses Essen. Weltweit sind viele Menschen arbeitslos. Bild: Picture-Alliance

Drei Millionen Deutsche haben keine Arbeit. Einer von ihnen schreibt in der Frankfurter Zeitung, wie es ihm damit ergeht – und um welche kuriosen Jobs er sich bereits beworben hat.

          4 Min.

          Der von Ihnen veröffentlichte Artikel „Statistik eines Stellungssuchenden“ gibt mir Veranlassung zu einer kurzen analogen Betrachtung.

          Mein unfreiwilliger „Beruf“ als Stellungssuchender datiert schon seit zwei und ein halb Jahren. Voller Hoffnung noch schlug auch ich zu Beginn dieser Periode meine neue „Laufbahn“ ein und ich muß gestehen, daß mein „Kollege“ noch geradezu beneidenswert ist im Vergleiche zu den eigenen Erfahrungen, die ich machen mußte.

          Vorweg möchte ich die vom Einsender obigen Artikels gemachten statistischen Zahlenangaben auf Grund eigener „Praxis“ nicht nur als durchaus glaubwürdig, sondern noch als sehr günstig bezeichnen. U. a. auch belaufen sich meine „Unkosten“ auf ein Vielfaches der Angaben meines „Kollegen“, was wohl darauf zurückzuführen ist, daß ich wertvolleres Bildermaterial verwendete und jede Bewerbung vollständig mit Lebenslauf, Studien- und Berufszeugnissen sowie Rückporto, Begleitschreiben und Referenzliste ausstatten zu müssen glaubte, um dem Gefühl, meine „Schuldigkeit getan zu haben“, Rechnung zu tragen und mir keine Selbstvorwürfe machen zu brauchen. Auch das Papier, das ich verwendete, war hochwertiger Qualität.

          Die „falsche Scham“, das Arbeitsamt in Anspruch nehmen zu müssen, streifte ich nach unendlich bitteren, inneren Kämpfen ab, nachdem mein einjähriges „Feiern“ meine ersparten Groschen fast aufgezehrt hatte. Ein eingehendes Gesuch um Arbeitslosenunterstützung und evtl. Nachzahlung wurde jedoch abschlägig beschieden, trotz aller Bemühungen von Seiten des zuständigen Arbeitsamtes, mir nach Möglichkeit zu helfen, mit der Begründung, daß die Frist zur rechtzeitigen Anmeldung zur Arbeitslosenversicherung leider versäumt sei und das Gesetz keine Handhabe biete, solchen Fällen verspäteter Anmeldung gerecht zu werden, gleichgültig aus welchen Beweggründen eine rechtzeitige Anmeldung und Inanspruchnahme der Arbeitslosenversicherung unterblieb. „Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe.“

          Mit dem Zeppelin zum Nordpol?

          Die Beweggründe für meine Unterlassung: ehrlicher Wille zur baldigen Arbeit, im Verein mit falscher Scham, die gute Absicht, die Arbeitslosenversicherung nach Möglichkeit überhaupt nicht in Anspruch zu nehmen, falls sich in absehbarer Zeit eine Arbeitsmöglichkeit ergeben sollte und die falsche Ansicht, daß mir evtl. später aus einer solchen Tatsache bei Antritt einer Stellung Nachteil entstehen könnte – waren mir somit zum Verhängnis geworden.

          Wie mein Leidensbruder, so erwog auch ich seinerzeit die freiwillige Meldung für den Nordpolflug des Zeppelin, doch unterließ ich es in letzter Minute aus Ueberzeugung, daß zuviele „ehrenhaft sterben wollten“, als daß eine solche Bewerbung noch Aussicht auf Berücksichtigung finden könnte.

          Historisches E-Paper

          Alle Ausgaben des historischen E-Papers im Überblick

          Artikel finden

          Eine andere Chance erblickte ich jedoch in einer Meldung als Freiwilliger an die zuständige Stelle der seinerzeitigen Kgl. Afghanischen Regierung, um mein zur Untätigkeit verdammtes Blut auf „produktive“ Weise zu beschäftigen, hatte ich doch schon durch vier Jahre Weltkrieg als Freiwilliger im Westen von Nord bis Süd, bei verschiedenen Waffengattungen und Dienstgraden entsprechende Tauglichkeit für diese Art von „Beruf“ bewiesen.

          Doch lediglich „K. V.“ sowie Routine und hohe Auszeichnungen genügten scheinbar nicht, um mich für das „Feld der Ehre“ von Afghanistan zu qualifizieren, denn mein diesbezüglicher „Gesuch“ wurde negativ beschieden mit den lakonischen Worten: „Leider keine Verwendung“. Aehnliche Bestrebungen bleiben gleichfalls hoffnungslos, und für eine Stellung, die mir endlich nach Französisch-Marokko angeboten war, wurde mir vom französischen Generalresidenten von Marokko die Einreiseerlaubnis verweigert. Einige führenden deutschen Industriefirmen, an die ich mich in meiner Verzweiflung direkt wendete, teilten mir höflich mit, daß sie mich für eintretende Bedarfsfälle vorgemerkt hätten, auf… unbestimmte Zeit und, wie ich heute sehe, wohl auf… ewig.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.