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Frankfurter Zeitung 19.12.1930 : Der Überlebenskampf der Kurkliniken

  • Aktualisiert am

Erholung in der Stadt: Kurgäste auf dem Dachgarten des Europahauses in Berlin. Bild: Picture-Alliance

In Sanatorien und Privatkliniken erholen und kurieren sich viele Deutsche. In der Wirtschaftskrise bleiben die meisten der – oft gut betuchten – Gäste aus. Was wird nun aus den Anstalten?

          5 Min.

          Von Kriegsbeginn an haben die Sanatorien und Privatkliniken entsprechend der zunehmenden Verschlechterung des deutschen Wirtschaftslebens um ihre Existenz kämpfen müssen. Hatten wir vor dem Kriege etwa 5.000 Sanatorien und Privatkliniken, so sind sie heute auf schätzungsweise noch nicht einmal 1.000 zurückgegangen. Durchweg waren diese Anstalten Privatbesitz, überwiegend von Ärzten. Diese Einzelpersonen mußten die gesamte Steuerlast und wirtschaftlichen Verluste tragen, sie hatten nicht die Möglichkeit, sich durch entsprechend Überschüsse für solche Belastungen Reserven zu schaffen. So kam es, daß die meisten Besitzer genötigt waren, ihre Einnahmen als Arzt und Sanatoriumsleiter dem Wirtschaftsbetriebe zuzuführen, so daß der Reinverdienst eines Sanatoriumsarztes, wenn er gleichzeitig Besitzer war, am Jahresende trotz großer Mühe und vieler Sorgen sehr gering war.  

          Hieraus ergab sich die weitere Schwierigkeit, daß der Nachwuchs für die ärztlich geleiteten Sanatorien fehlte. Es hätte genügend Ärzte gegeben, die als Arzt und als Wissenschaftler gerne die Leitung eines solchen Hauses übernommen hätten, aber unter den obwaltenden Umständen war dies ein Ding der Unmöglichkeit. Erst recht ist es heute kaum einem Arzt in Deutschland möglich, die mit der Übernahme der ärztlichen Leitung eines Sanatoriums verbundene Finanztransaktion vorzunehmen. So mußten die verdienstvollen Männer bis weit über die Grenze ihrer persönlichen Fähigkeit und ihres leistungsfähigen Alters die Bürde ihrer Lebenswerke selbst weiter tragen.

          Zu dieser wirtschaftlichen Not in den Sanatorien und Heilstätten selbst, welche sich in fast gleicher Form auch in den Badeorten und in der gesamten Badeindustrie nachweisen läßt, kam die Tatsache, daß das heilungsuchende Publikum, insbesondere in Deutschland und den osteuropäischen Ländern, in seiner Leistungsfähigkeit und Kaufkraft geschwächt wurde, daß der Besuch von Sanatorien und Spezialkliniken immer mehr erschwert wurde. Auf diese Weise vergrößerte sich der Leerlauf in den Häusern immer mehr. Ich schätze die durchschnittliche Ausnutzung der noch vorhandenen Sanatorien und Privatkliniken auf etwa 40 bis 50 Prozent der Gesamt-Jahresbelegungsmöglichkeit.  

          Individuelle Behandlung nur für zahlende Kurgäste

          Die Sozialversicherung hat versucht, eine Anzahl solcher Sanatorien, besonders in den Badeorten, aufzukaufen und dort für einen besonderen Kreis von Versicherten ausschließlich zu verwenden. Diese Unternehmungen der Sozialversicherung waren durchweg für die betreffenden Kreise zu groß. Um sie zu füllen, werden mehr Mitglieder in diese Heilstätten gesandt, als es bei sorgsamer Abwägung der zwingenden Notwendigkeit zulässig wäre.  

          Es muß aber unbedingt versucht werden, daß der klinisch zu betreuende Sozialversicherte oder minderbemittelte Kurgast die gleiche individuelle Behandlung erfährt, wie es der zahlende Kurgast beansprucht. Diese Einstellung auf die einzelne Person ist gerade bei den Minderbemittelten um so dringender erforderlich, als die Verordnungen, besonders auf diätetischem Gebiet, seinem Lebensstandard zu Hause angepaßt werden müssen. Diese Eigenart der ergiebigsten persönlichen Behandlung ist eines der Hauptkennzeichen der Leistung der Spezialsanatorien. 

          Da aber das Bedürfnis nach der intensiven Behandlung in Deutschland nicht abnahm, sondern nur durch die bereits erwähnte wirtschaftliche Verarmung nicht mehr allgemein zu befriedigen ist, so scheint es mir eine dringende Aufgabe zu sein, die wertvollen Einrichtungen den heilsuchenden jedes Standes zu erschließen. Da ich dieses Problem seit drei Jahren in meinem jetzigen Wirkungskreis verfolge, war es mir möglich, die in Frage kommenden Möglichkeiten kennen zu lernen und die geeigneten Wege zu erforschen. Die Bestrebungen gingen zunächst dahin, die in Frage kommenden Sanatoriumsbesitzer enger zusammenzuschließen. Es wurde der „Verein klinisch geleiteter Sanatorien Deutschlands“ mit dem Sitz in Frankfurt a. M. gegründet. Dieser Verein, dem sich erfreulicherweise namhafte ärztliche Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt haben, hat gemeinnützigen Charakter. Von ihm ist auch die Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft klinisch geleiteter Sanatorien Deutschlands betreiben worden.  

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