https://www.faz.net/-gpf-9z75l

Frankfurter Zeitung 23.06.1930 : Darum ist die NSDAP so erfolgreich

  • Aktualisiert am

„Wählt Hitler“: Nationalsozialistische Propagandaplakate für die Wahl des Reichspräsidenten 1932. Bild: Picture-Alliance

Die NSDAP triumphiert bei den sächsischen Landtagswahlen. Vor allem junge Wähler fühlen sich zu ihr hingezogen. Die Frankfurter Zeitung analysiert, warum die Faschisten so erfolgreich sind. Einer der Gründe: Protestwähler.

          5 Min.

          Nichts wäre törichter, als über die Tatsache hinwegzureden, daß die Nationalsozialisten in den sächsischen Landtagswahlen eine außerordentlich starke Zunahme erfahren haben.

          Daß eine Zunahme überhaupt eintreten werde, hat jedermann angenommen, in erster Linie die Nationalsozialisten selber.

          Obgleich sie der früheren Koalition angehörten, haben sie die Auflösung des Landtags geradezu provoziert. Wahrscheinlich ist die Initiative dazu nicht von den sächsischen Nationalsozialisten, sondern von der Zentrale ausgegangen, die der thüringischen Regierung durch eine Vermehrung der sächsisch-nationalsozialistischen Abgeordneten eine indirekte Stütze geben wollte. In Sachsen selbst haben die Nationalsozialisten mit einer Verdoppelung ihrer Mandatszahlen, also von fünf auf zehn, gerechnet.

          Ihre eigenen Erwartungen sind übertroffen. Sie haben den Deutschnationalen, den Volkspareilern und wohl auch anderen Gruppen so viel abgenommen, und es sind, insbesondere sicherlich aus den jüngsten Altersklassen, so viele Stimmen hinzugekommen, daß sie etwa eine Verdreifachung ihrer Mandatszahl erreicht haben und nach den Sozialdemokraten als zweitstärkste Fraktion in den Landtag einziehen werden.

          Die Tatsache liegt vor. Man soll sie gewiß nicht überschätzen, aber man soll sich vor allem klar machen, wie das gekommen ist.

          Die ganze nationalsozialistische Bewegung ist vor allem anderen ein Stimmungsvorgang. Ein Vorgang, der nicht auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden kann, sondern mehrere Wurzeln hat. Die erste und tiefste ist der Ausgang des Krieges, ist das große und schwere Unrecht, das der Vertrag von Versailles dem deutschen Volke auferlegt hat.

          Daß er ein solches Unrecht ist, das wissen wahrlich auch diejenigen Parteien, die seither die äußere Politik Deutschlands bestimmt haben. Sie befanden sich aber in dem Nachteil, daß sie sich mit dieser Ueberzeugung und Empfindung nicht begnügen konnten, sondern daß sie diejenige positive Politik machen mußten, die nötig war, um uns über die ungeheuren Gefahren der Zeit hinwegzubringen.

          Unendlich leichter hatten es diejenigen, die sich damit begnügen konnten, einfach Nein, Nein und Nein zu sagen. Aber gerade diese anscheinend heroische Haltung macht auf Menschen Eindruck, die sich nur von Gefühlen und Stimmungen leiten lassen.

          Es ist wirklich nur anscheinend eine heroische Haltung, denn die Bemühungen der anderen, positiv zu arbeiten, trotz dem ungünstigen Lichte und trotz den Verdächtigungen und Verleumdungen – diese Bemühungen sind viel heroischer. Aber politische Primitivität sieht das nicht. Wenn schon die Deutschnationalen den Kampf gegen geltende auswärtige Politik zu ihrem Hauptpunkte machen, obgleich sie, falls sie gerade einmal in der Regierung sind, diese Politik einfach unterschreiben – so überrascht es nicht, daß jüngere Kreise gegen Young-Plan und anderes aufbegehren.

          Historisches E-Paper

          Alle Ausgaben des historischen E-Papers im Überblick

          Artikel finden

          Man kann sich ihre politische Primitivität nicht groß genug vorstellen. Die heutige Jugend ist ja ein weitem Umfange anders als früher. Sie ist vortrefflich im Sport, aber sie weiß weniger, sie interessiert sich viel weniger für Kenntnisse und gibt sich einfach dem Gefühle hin. Man hat dem Zwanzigjährigen das Wahlrecht gegeben, und da er heute so ist – gewiß nicht jeder, aber doch in großer Zahl – sieht man das Ergebnis.

          Eine andere Wurzel ist die sogenannte Krise des Parlamentarismus. Wir sind überzeugt, daß es auf die Dauer keine bessere Form gibt, die öffentlichen Angelegenheiten des Reiches zu führen, als ihn. Krank ist nicht der Parlamentarismus, sondern ungesund zum Teil ist das, was Parlamentarier aus ihm gemacht haben.

          Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, daß sich manches aus dem Mangel an Erfahrung erklärt. Tatsache ist leider, daß man nicht genügend unterschieden hat zwischen Veränderungen, die notwendig waren, und Verschiebungen, die nicht hätten sein sollen. Es ist selbstverständlich, daß man nach einer grundstürzenden Wandlung des Staatswesens nicht einfach mit dem alten Apparat weiterarbeiten konnte.

          Es war unbedingt notwendig, eine ganze Reihe von Aemtern, insbesondere politischer Art, neu und anders zu besetzen. Leider ist aber der Appetit zu groß geworden. Es ist wahr, daß verschiedene Parteien, zumal die Sozialdemokratie und das Zentrum, die Gelegenheit, Gesinnungsgenossen in Aemter zu setzen, allzusehr wahrgenommen haben.

          Das ist eine Sache, der man abhelfen kann. Aber der nationalsozialistischen Opposition ist es gar nicht um den Grundsatz zu tun. Man sieht es in Thüringen, wo Herr Dr. Frick genau das macht, was er den anderen Parteien vorwirft. Die Nationalsozialisten in der Bewegung halten sich einfach an den Auswuchs, für den andere verantwortlich sind, und benützen ihn zur Propaganda gegen den Parlamentarismus überhaupt, womit sie noch unklare Vorstellungen über Ständestaat usw. verbinden. Das Resultat: es ist etwas nicht in Ordnung, die Nationalsozialisten würden es anders machen (wie in Thüringen!).

          Eine dritte Wurzel, im Augenblicke vielleicht die wichtigste, sind die wirtschaftlichen Verhältnisse. Der entsetzliche Druck, unter dem weite Kreise stehen, die Arbeitslosigkeit, die Unsicherheit der Existenz, der schwere Wettbewerb in der Enge des Raumes, all dies hat offensichtlich breite Kreise auch der bürgerlichen, der mittleren Schichten radikalisiert.

          Sie sind keine Sozialisten im herkömmlichen Sinne, auch die Nationalsozialisten sind es trotz der Hälfte ihres Namens nicht, aber es besteht eine gewisse antikapitalistische Einstellung. In früheren Zeiten, noch vor einem Dutzend Jahren, wäre es die Sozialdemokratie gewesen, die diese Kreise durch ihre Stimmung eingefangen hätte. Heute kann sie es nicht mehr. Sie hat sich wohl im ganzen bei den sächsischen Landtagswahlen gehalten, aber der neue Antikapitalismus ist den Nationalsozialisten zugute gekommen.

          Es spielen natürlich noch andere Momente mit. Einer Bewegung, die im Anlaufe ist, nützt zunächst sozusagen alles. Einer anderen Partei würde es sicherlich schaffen, mit so unklaren staatspolitischen und wirtschaftlichen Vorstellungen zu operieren, wie es die Nationalsozialisten tun. Ihnen nützt es: infolge der Unklarheit kann sich jeder unter Nationalsozialismus denken, was er will.

          Er kann sich einfach aus Oppositionsstimmung für sie entscheiden (Protestwähler!). Früher hatte die Sozialdemokratie „Mitläufer“. Heute haben es die Nationalsozialisten. Denn ohne Zweifel befinden sich unter denen, die für sie stimmen, so manche, die große Augen machen würden, wenn sie sich klar machten, was aus dieser Bewegung, wenn sie wirklich Macht gewänne, entstünde.

          Hier ist ja wohl auch einer der Punkte, wo die Umkehr einmal einsetzen wird. Die Ernüchterung wird schon kommen. Es ist auch zu erwähnen, daß die Wahlbewegung in Sachsen unter den meisten Parteien sehr matt war, während die Nationalsozialisten eine außerordentliche Agitation entfalteten.

          Wir sagten, man solle das alles nicht überschätzen, und in der Tat, angenommen, es gäbe demnächst Reichstagswahlen, so wäre es ausgeschlossen, daß sich die Nationalsozialisten im Reichstag verdreifachten, denn die Verhältnisse liegen nicht überall so wie in Sachsen; und sogar, wenn sie sich verdreifachten, würde es die Situation nicht grundsätzlich verändern.

          Aber es bestehen eben noch die Parlamente und die Parlamentarismen der einzelnen Freistaaten. Die Länderkonferenz hat einen Anlauf genommen, aber bis eine Reichsreform zustande kommen mag, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Inzwischen muß in Sachsen eine Regierung gebildet werden. Das Natürliche, nämlich das Zweckmäßige, wäre eine Verbindung mehrerer Parteien mit der Sozialdemokratie zu einer großen Koalition gegen die Nationalsozialisten, aber es fragt sich, ob das geschehen wird.

          Die Deutsche Volkspartei hat sich in Thüringen und auch schon in Sachsen kläglich benommen, sie glaubt, ähnlich wie die Deutschnationalen, sie müsse in der Nähe einer Bewegung sein, die im Augenblicke Chancen zu haben scheint. Wenn sie diesem Motive folgt, wird sie noch schlimmere Erfahrungen machen als gestern.

          Gegen die Nationalsozialsten gibt es nur ein Mittel: sich auch sich selbst zu besinnen, Fehler verbessern, mit Mut und Entschlossenheit den politischen Kampf führen!

          Weitere Themen

          Hildburghausen schließt sich ein

          Corona in Ostdeutschland : Hildburghausen schließt sich ein

          Lange gab es im Osten kaum Corona-Fälle, doch nun häufen sich dort die Infektionen. Ausgerechnet während des „Lockdown light“ steigen die Zahlen teils dramatisch. Einen Landkreis in Thüringen trifft die Pandemie besonders stark.

          Topmeldungen

          Krise der Nationalelf : Löw und der heiße Brei

          Der Fußball-Nationalelf fehlt nicht die Feinarbeit, sondern ein Fundament. Doch an Kernfragen traut sich der Bundestrainer nicht heran – oder er findet die Antworten nicht.
          Die fragliche Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Bremen

          Anklage wegen Asylbescheiden : Was vom Bamf-Skandal übrig blieb

          Vor zweieinhalb Jahren sorgte die Bremer Asylbehörde für Aufregung: Dort sollen positive Bescheide ohne korrekte Prüfung bewilligt worden sein. Doch strafrechtlich ist von den Vorwürfen wenig übrig geblieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.