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Frankfurter Zeitung 06.06.1930 : Wie man Arbeitslosigkeit bekämpfen könnte

  • Aktualisiert am

Baustellen für mehr Beschäftigung: Arbeiter mit Werkzeug um 1930. Bild: Picture-Alliance

Der Bau von Sozialwohnungen soll der Schlüssel für mehr Jobs und eine gesunde Wirtschaft sein. Die Frankfurter Zeitung hat genaue Vorstellungen, wie das funktionieren könnte.

          3 Min.

          Es hat den Anschein, als wenn man nun im Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit von den theoretisch-taktischen Ueberlegungen zu positiven Maßnahmen überginge. Man hört von den Erfolg versprechenden Bemühungen der Unternehmerverbände und Gewerkschaften, Vereinbarungen über preis- und lohnpolitische Maßnahmen zu treffen, die geeignet sein könnten, den Absatz zu verbessern, die Produktion zu heben und den Arbeitsmarkt zu entlasten.

          Man vernimmt auch, daß die gestrige Kabinettssitzung neben den Maßnahmen zur Sanierung der Arbeitslosenversicherung und des Reichshaushalts [über die] umfangreiche Bereitstellung von Arbeiten beraten hat, die der Wiedereinbeziehung von Arbeitslosen in den Wirtschaftsprozeß dienen können. Die Reichspost und ebenso die Reichbahn sollen veranlaßt und in die Lage versetzt werden, über das vorgesehene Maß hinaus dringende Aufträge zu vergeben.

          Man weiß in der Oeffentlichkeit noch nichts davon, wie weit etwa diese Aufträge über den in den vorhergehenden Jahren üblichen Umfang hinausgehen werden, und auch nichts davon, durch welche Mittel etwa die Reichsregierung den gespannten Etats der beiden Verkehrsinstitute eine Erweiterung der Auftragsmöglichkeiten verschaffen will. Immerhin darf nicht unterschätzt werden, was hier an Chancen zu einer beginnenden Belebung der Produktion und damit des Arbeitsmarktes vorliegt.

          Eine gewisse Verbesserung des Arbeitsmarktes mag auch vom Straßenbau ausgehen, dem man größere Mittel zum notwendigen Ausbau es vorhandenen Straßennetzes zuführen will. Aber die wichtigste und nachhaltigste Wirkung auf den totliegenden Arbeitsmarkt wird doch wohl eine verstärkte Förderung des Kleinwohnungsbaus hervorbringen. Es sollen dafür zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, mit denen man noch weitere 35 000 bis 40 000 Wohnungen für dieses Jahr zu finanzieren hofft. Und es ist wohl keine Uebertreibung, wenn man glaubt, damit 150 000 Bauarbeitern Arbeitsgelegenheit zu verschaffen.

          Für eine Betrachtung, wie man die Arbeitslosigkeit bekämpfen könnte, bieten überhaupt die Vorgänge im Wohnungswesen er letzten Jahre reichlich Stoff zu Anregungen, aber auch zu Bemerkungen über die Kurzsichtigkeit derer, die die engen Zusammenhänge von Wohnungspolitik, Wohnungsbau und Arbeitsmarkt nicht begreifen wollen.

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          Die gegenwärtig in Frankfurt stattfindende Deutsche Tagung für Wohnungswesen hat bei allen ihren Verhandlungen immer wieder und betont zum Ausdruck gebracht, daß es überall noch trotz der angestrengten Bautätigkeit der letzten Jahre in erschreckend hohem Maße an der Einfach-Wohnung kleinen und kleinsten Umfanges für die Masse der Bevölkerung fehle.

          Man baute und baute, aber man übersah vielfach, daß hinter dem Wohnungsbedarf derer, die die teureren Mieten der Neubauwohnungen zahlen können, noch der sehr viel größere Wohnungsbedarf der Leistungsschwachen zu befriedigen ist.

          Speisung von Arbeitslosen: In einer Wärmehalle in Berlin-Neukölln werden Bedürftige mit warmem Essen versorgt (Januar 1931).
          Speisung von Arbeitslosen: In einer Wärmehalle in Berlin-Neukölln werden Bedürftige mit warmem Essen versorgt (Januar 1931). : Bild: Picture-Alliance

          Die Grundlage des heutigen Wohnungsbaues ist die Hauszinssteuer, die zugleich das Mittel ist, der öffentlichen Hand im Wohnungswesen den Vorrang und die Führung in der sozialen Leistung einzuräumen. Diese Grundlage wird noch auf lange Zeit weiterbestehen bleiben, so daß auch auf lange Zeit die öffentliche Hand in der Bautätigkeit die Führung behalten wird. Die Werte, die im Wohnungsneubau angelegt werden, sind bei ordnungsmäßiger Bewirtschaftung, ordentlicher Verzinsung, Tilgung und guter Unterhaltung sichere und begehrenswerte Kapitalanlagen.

          Gerade das Mittel der Hauszinssteuerhypothek gibt aber der öffentlichen Hand die sichere Möglichkeit, diese Wortgarantie zu schaffen. Damit wird Wohnungsbau zu einem gesicherten Zufluchtsort für Kapital, das in Zeiten der Depression veränderte Anlage sucht, und es ergibt sicher der Schluß, daß die öffentliche Hand konjunkturpolitischen Gesichtspunkten Rechnung tragen und bei darniederliegendem Arbeitsmarkt den Baumarkt durch vermehrte Bautätigkeit kräftigen muß. Das hat aber zur Voraussetzung, daß man zu Zeiten guter Konjunktur die Wohnungsbautätigkeit etwas eindämmt.

          Es steht nun, wie erwähnt, unumstößlich fest, daß der Wohnungsbedarf noch sehr groß ist, daß also eine noch verstärkte Bautätigkeit nicht nur im Interesse der Belebung des Baumarktes erwünscht, sondern auch bedarfsmäßig vertretbar ist.

          Weiterhin ist auch in mäßigem Umfang ein Vorgriff auf künftig erst fällig werdende Hauszinssteuermittel möglich, es kündigt sich ferner eine gewisse Erleichterung auf dem Hypothekenmarkt an. Wenn daher eine gesetzliche Sicherung der Grundlage künftigen Wohnungsbaues, der Hauszinssteuer, beschleunigt wird, die Belastung durch sie durch eine größere Vereinheitlichung der abweichenden Länderbestimmungen gleichmäßiger gestaltet wird, wenn schließlich die langersehnte Zinssenkung für Hypothekarkredite eintritt, so sind die Voraussetzungen für eine großzügige Erweiterung der Wohnungsbautätigkeit gegeben.

          Und das sollte wahrhaftig nicht schwer fallen, diese Voraussetungen zu schaffen, denn es gibt, wie kürzlich Ernst Kahn in einem längeren Aufsatz hier ausgeführt hat, keine billigere und wirksamere Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftskrise als eine aktive Wohnungspolitik. Dieser Erkenntnis scheint man sich, wie der gestrige Kabinettsbeschluß beweist, in der Regierung nicht zu verschließen.

          Die Tagung für Wohnungswesen hat die Notwendigkeit verstärkten Wohnungsbaus durch sehr viele gewichtige Gründe unterstrichen und auch auf die Tatsachen erneut hingewiesen, die von jeher für eine Wohnungsreform größten Stiles gesprochen haben: der Wohnungsbau ist ein entscheidend notwendiges Mittel zur Gesundung unseres Volkes, er ist auch bei richtiger Handhabung das stärkste Gegengewicht gegen Arbeitslosigkeit und ihre Folgen.

          Hintergrund:

          Der neue Wohlstand in der Weimarer Republik konnte nur wenige Jahre gehalten werden. Mit der Weltwirtschaftskrise schnellten die Arbeitslosenzahlen weltweit in die Höhe. Allein in Deutschland wuchs sie von 8,5 Prozent im Jahr 1929 auf den Höchststand von 29,9 Prozent im Jahr 1932 – fast sechs Millionen Menschen hatten keine Arbeit.

          Und auch wer beschäftigt war, musste in dieser Zeit mit geringerem Einkommen leben, denn auch die Reallöhne sanken. So verelendeten bis zum Ende der Weimarer Republik ganze Bevölkerungsschichten. Resignation und Verzweiflung waren die Folge – was sich die NSDAP zunutze machte und zunehmend Wählerstimmen auf sich vereinen konnte (rere.).

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