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Frankfurter Zeitung 08.06.1930 : Die ganze Welt ist auf Jobsuche

  • Aktualisiert am

Speisung von Arbeitslosen: In einer Wärmehalle in Berlin-Neukölln werden Bedürftige mit warmem Essen versorgt (Januar 1931). Bild: Picture-Alliance

Längst sieht man die Massenarbeitslosigkeit nicht mehr als deutsches Problem. In vielen Ländern steht es nicht gut um die Wirtschaft. Die Frankfurter Zeitung gibt einen Überblick über die „Weltnot“.

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          Seit drei Jahren befindet sich die deutsche Wirtschaft in einem Zustand der Stagnation, er zu einem erheblichen Produktionsrückgang geführt hat. In den letzten Monaten haben sich diese Verhältnisse derartig zugespitzt, daß ihre Bekämpfung zur dringendsten Pflicht geworden ist. Ueber die wichtigen in den vergangenen Tagen und Wochen von den maßgebenden Faktoren geführten Verhandlungen ist in der „Frankfurter Zeitung“ fortlaufend berichtet worden.

          Es ist zu hoffen, daß sie zu einer Besserung führen, daß es gelingen werde, die Verhältnisse wieder in leichteren Fluß zu bringen.

          Doch bei diesen Bemühungen, hinter denen der entschlossene Wille des ganzen deutschen Volkes stehen muß, gilt es nicht zu vergessen, daß die deutsche Not nur ein Teil der universellen Not ist, unter der fast alle Völker seit längerer Zeit zu leiden haben. Man kann heute in der Tat von einer Weltnot sprechen.

          Große Wirtschaftsgebiete befinden sich in einem Zustand, wie ihn die Weltwirtschaft sich wirklich nicht wünschen kann. Der Handelsverkehr mit der Sowjet-Union hat sich allgemein noch nicht zu normalen Verhältnissen entwickelt. China wird seit vielen Jahren durch Bürgerkriege gestört, so daß die für den Wohlstand nicht allein des chinesischen Volkes, sondern aller aus- und einführenden Länder so wichtige Erschließung der reichen Hilfsquellen dieses großen Staates keine Fortschritte machen kann. Und auch in Indien herrscht ein Zustand der Unruhe, der bei längerer Dauer dem internationalen Handel recht abträglich sein wird (Text verlinken).

          Man kann es verstehen, daß sich die englische Regierung wegen der indischen Lage recht erhebliche Sorgen macht. Doch sie hat noch sehr viel größere Schmerzen. Daß es um die Wirtschaft Groß-Britanniens, wo eine ungewöhnlich große Arbeitslosigkeit bereits zu einer chronischen Erscheinung geworden ist, nicht gut steht, braucht nicht noch besonders betont zu werden.

          Aber es steht auch nicht gut um die Wirtschaft in den meisten Dominions. Ueberall gibt es heute in den großen Tochterstaaten des Britischen Weltreichs Arbeitslosigkeit, eine Arbeitslosigkeit, die teilweise recht schlimme Ausmaße angenommen hat.

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          Was soll man z. B. dazu sagen, daß es in dem bevölkerungsarmen Australien, welches eigentlich noch Raum, heißt Arbeit für viele Millionen Einwanderer haben sollte, daß es in diesem Kontinent von wenig über 6 Millionen Bewohnern gegenwärtig 250 000 Arbeitslose gibt. Die Proportion ist fast ebenso schlimm wie in Deutschland.

          Was soll man ferner dazu sagen, daß auch in Kanada, das sich der Zuwanderung europäischer Emigranten noch nicht in dem Maße gesperrt hat wie der australische Schwesterstaat, die Arbeitslosigkeit wenigstens in den Industriestädten zu einem dringenden Problem geworden ist.

          Nicht viel anders ist die Situation in Süd-Afrika. Wenn dort Weiße wegen Beschäftigungslosigkeit ins Elend sinken, so wirft das nicht allein die Fürsorgefrage auf, sondern vermag auch das Verhältnis des weißen zum schwarzen Manne zu berühren. Man hat in den vergangenen Monaten sehr viel von den Empire-Plänen des Lord Beaverbrook gehört und sie teilweise als Presse-Mache, teilweise als Verzweiflungswünsche britischer Konservativer behandelt. Sie sind verstiegen in ihrer Form, in ihren Mitteln und in ihren Zielen, aber es steht viel mehr hinter ihnen als bisher meist angenommen wurde: es steht hinter ihnen nicht nur die britische Not, sondern auch die Not der anderen großen Empire-Staaten.

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