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Frankfurter Zeitung 26.04.1930 : Sollten Abtreibungen erlaubt sein?

  • Aktualisiert am

Hebammenkurs an der Berliner Charité. Um 1930 (digital koloriert). Bild: Picture-Alliance

Not und Hunger breiter Bevölkerungsschichten feuern die Debatte um den Abtreibungsparagrafen an. Eine Frauenärztin plädiert dafür, unehelich Schwangere zu schützen. Zuversichtlich ist sie aber nicht.

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          Unseren Ueberlegungen über Nutzen oder Schaden, den das Bestehen eines Abtreibungsparagraphen im Gesetz stiftet, hat die Frage nach dem vom Gesetzgeber beabsichtigten Zweck vorauszugehen. Der Zweck des in seinem Wortlaut als bekannt vorausgesetzten Abreibungsparagraphen ist: Leben zu schützen, sobald es im menschlichen Keime entstanden ist. Hat das Gesetz diesen Zweck erreicht?

          Die Zahl der Uebertretungen des Abtreibungsparagraphen ist exakt nicht abzuschätzen. Die Zahl der jährlichen Todesfälle von Frauen, die an sich eine Abtreibung haben vollziehen lassen, bewegt sich um 10 000 herum, entspricht also der Bevölkerung eines kleinen Städtchens. Dauerndem Siechtum aus den Folgen der Abreibung verfallen wenigstens 16 000 Frauen im Jahr. Todesfälle und Siechtum werden fast ausschließlich von den Frauen des Proletariats bestritten. Wenn nun bei dem im Verhältnis zur Zahl der Abtreibungen geringen Prozentsatz ernstlicher Schäden eine so hohe absolute Zahl von Todesfällen und schweren Erkrankungen zustandekommt, so läßt dies Schlüsse auf die allgemeine Häufigkeit der Gesetzesübertretungen zu.

          Der Abtreibungsparagraph war in der weitaus überwiegenden Mehrzahl beabsichtigter Vernichtungen keimenden Lebens nicht imstande, lebensschützend zu wirken, vielmehr sind durch sein Vorhandensein zweierlei unerwünschte Folgen eingetreten: es sind nicht nur trotz dem Gesetze die überwiegende Mehrzahl der beabsichtigten Fruchtabtreibungen vollzogen worden, ihr illegaler Charakter der die Eingriffe in die Hand Unbefugter zwang, hat gleichzeitig zum Tode, zum Siechtum und zur dauernden Unfruchtbarkeit einer großen Zahl abtreibender Schwangeren geführt und sie damit von jeder zukünftigen Mutterwerdung ausgeschlossen; das Vorhandensein des Abtreibungsparagraphen hat – aus noch zu erörternden Gründen – Menschen in die Lage gedrängt, gegen ein wohl bekämpfenswertes, aber zunächst einmal bestehendes und damit verbindliches Gesetz zu verstoßen.

          (…) Die Befolgung des Gesetzes wäre bestenfalls einem Zwang zu danken. Dieser Zwang durch die angedrohte Strafe ist von einer außerordentlichen Geringfügigkeit bei allen denen, die sich in wirklicher Not befinden. Die Hand des Gesetzes erreicht nur einen ganz kleinen Teil der Gesetzbrecher, die Not erreicht sie in den von uns ins Auge gefaßten Kreisen mit unverbrüchlicher Gewißheit. Die Unerbittlichkeit der Not in bestimmten proletarischen Kreisen ist so groß, daß das Gefängnis trotz der Härten der Freiheitsberaubung oft wie ein Sanatoriumsaufenthalt wirkt.

          Keine Angst vor Bestrafung

          Die Strafe als solche kann den durch seine Notlage außerhalb der Gesellschaft Lebenden nicht schrecken, da er auch ohne Strafe deklassiert ist. Das unehelich Mutter gewordene Mädchen der bürgerlichen Kreise verliert – einzelne Sonderfälle ausgenommen – gesellschaftliche Stellung und Lebensunterhalt mit Sicherheit; durch eine Abtreibung, durch welche die Tatsache der Schwangerschaft denselben Kreisen im allgemeinen verborgen bleibt, nur in dem verhältnismäßig seltenen Falle, daß der Arm des Gesetzes sie erfaßt.

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          Die ideale Forderung wäre, Verhältnisse zu schaffen, in denen eine Unterbrechung der Schwangerschaft nur noch aus Gründen unvermeidlicher Krankheit, nicht mehr aus vermeidlicher Not beabsichtigt werden könnte. Unter jedem System erfüllbare Forderung, aber zur Verhinderung von Abtreibungswünschen nur mäßig geeignet, weil nicht ausreichend die Ursachen bekämpfend, ist umfassender Schutz der schwangeren Frau unabhängig vom Stande der Verehelichung, umfassender Schutz der gewordenen Mutter und des Kindes, unabhängig davon ob ehelich geboren oder nicht, bessere Sicherung der Alimente für das uneheliche Kind durch internationale Abkommen und durch gesetzlichen Zwang solcher Männer zur Arbeit, die sich mutwillig der Alimentationspflicht durch Niederlegen der Arbeit oder betrügerischer Handlungen entziehen.

          Selbst bei Erfüllung empfängnisverhütender Methoden und ihrer verantwortungsvollen Anwendung sind Zustände unvermeidlich, in denen von Frauen Unterbrechungen der Schwangerschaft gewünscht werden, die als berechtigt anerkannt werden müßten. Das sind die Voraussetzungen der ärztlichen Indikationen, die übrigens auch zum Teil vermieden werden könnten, wenn es selbstverständliche Gepflogenheit würde, sich eingehend vor einer Ehe und beabsichtigten Schwangerschaft und überdies in gewissen Abständen untersuchen zu lassen, auch wenn man sich in keiner Weise krank fühlt, so wie es Gepflogenheit geordneter Menschen geworden ist, sich vierteljährlich beim Zahnarzt vorzustellen.

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