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Goethe in Wiesbaden : Ein ganz besonderer Kurgast

Goethe bezog für mehrere Wochen im angesehenen Wiesbadener Hotel zum Bären Quartier. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Nur zweimal und erst im hohen Alter besuchte Goethe Wiesbaden und Umgebung. Vor allem den Rheingauer Riesling behielt er in bester Erinnerung.

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          Fast 65 Jahre alt war Deutschlands bekanntester Denker und Dichter, ehe der reisefreudige „Sachsen-weimarische Wirkliche Geheime Rat“ endlich den Weg nach Wiesbaden fand. Standesgemäß, mit Kutsche und dem treuen Diener Carl Stadelmann, traf Johann Wolfgang von Goethe am 29. Juli 1814 im mondänen Kurort des Herzogtums Nassau ein. Goethe kam als Kurgast und suchte Linderung von Altersbeschwerden. Er litt häufig unter Infekten, Entzündungen, Koliken, Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie Verdauungsstörungen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dennoch war er kein Kurgast wie jeder andere. Goethe verkehrte auch auf Reisen in höchsten gesellschaftlichen Kreisen und war an den Sonntagen regelmäßiger Gast der nassauischen Hoftafel im Biebricher Schloss. Seiner immensen Schaffenskraft gönnte er auch in Wiesbaden keine echte Pause. Goethe verfasste einige Gedichte, die später im West-östlichen Divan veröffentlicht wurden. Er erkundete Wiesbaden und seine Umgebung, vor allem das Rheintal. Er führte diszipliniert Tagebuch und korrespondierte rege. Knapp 200 Briefe schrieb oder erhielt Goethe 1814 und bei seinem zweiten und letzten Besuch ein Jahr später. Ein Drittel davon ist bislang unveröffentlicht. Diese Briefe füllen allein den zweiten Band einer bemerkenswerten dreibändigen Dokumentation, die „Goethe in Wiesbaden“ gewidmet ist.

          123 Tage in und um Wiesbaden

          Rund sechs Jahre lang haben sich Carsten Stahmer und ein Team von Fachleuten mit Goethes Aufenthalten in Wiesbaden beschäftigt. Auf 1436 Seiten sind die Ergebnisse ihrer Forschungen zu 123 Aufenthaltstagen in und um Wiesbaden festgehalten. Die wichtigsten Quellen sind außer den vielen Briefen vor allem die Tagebücher Goethes. Und bemerkenswert aufschlussreiche Zeugnisse des Alltags jener Zeit sind die Rechnungsbücher von Diener und Sekretär Stadelmann, der die Ausgaben für Übernachtungen, Reinigung der Wäsche, Papier und Tinte sowie die Fahrtkosten akribisch notierte.

          Dass der reiselustige Goethe, der 14 Jahre seines Lebens auf Reisen gewesen sein soll, erst im hohen Alter nach Wiesbaden kam, war nicht nur seiner alles andere als robusten Gesundheit geschuldet. Denn Bade- und Kurorte suchte er regelmäßig auch anderorts in Europa auf. Es lag vor allem an der politischen Beruhigung, nachdem Napoleon besiegt und auf die Insel Elba verbannt worden war. In seiner Heimatstadt Frankfurt war Goethe zuletzt 17 Jahre zuvor gewesen. Zeit also, der heimatlichen Region Rhein-Main endlich wieder einen Besuch abzustatten.

          Nicht immer schrieb Goethe ausführlich darüber, was ihn dabei bewegt hat. Manche Tage fliegen am Leser im Zeitraffer vorbei, beispielsweise der 15. August 1814, als es ihn ganz spontan „ins übermäsig schöne Rheingau“ zog: „Gebadet. Einfall nach Rüdesheim zu gehen. Anstalten dazu. Mit Zelter zu Hause gespeist. Mit ihm und Cramer nach Tische abgefahren. Herrlich Wetter und Weg. Rüdesheim im Adler abgetreten. Hofrat Goetz. Oestr. Kriegs. Comm. Ingelheimer Ruine.“ So knapp, so gut. Die Rechnung aus dem „Rüdesheimer Adler“ immerhin ist überliefert: Zum Abendmenü tranken die vier Herren demnach dreieinhalb Flaschen 1806er Riesling. Keine außergewöhnliche Menge für Goethe, der den Rheinwein fast so sehr wie den Frankenwein zu schätzen wusste.

          Seinen 65. Geburtstag am 28. August beging Goethe mit einem späten, „überreichlichen“ Frühstück im Kursaal. Mittags ging es dann nach Biebrich zur Hoftafel mit Herzog Friedrich August und Herzogin Luise von Nassau. Dort nahm Goethe gegen 17 Uhr ein spätes Mittagessen ein. Nach dem Rechnungsbuch von Stadelmann zahlte Goethe für die Kutschfahrt drei Gulden und gab großzügig einen Gulden Trinkgeld. Auch an seinem Geburtstag wurde Goethe nicht mit einer Hofkutsche vom seinem Gasthof abgeholt, sondern musste für die Fahrt selbst aufkommen.

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