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Genschers Balkonrede : Wie Beckenbauer allein auf dem Spielfeld

Hans-Dietrich Genscher, damaliger Außenminister, am 30. September 1989 auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag Bild: dpa

Nachdem der Außenminister den freien Weg in die BRD angekündigt hatte, flüchteten noch mehr DDR-Bürger in die deutsche Botschaft in Prag. Zwei ehemalige Flüchtlinge und ein früherer Botschaftsnachbar berichten.

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          Gut war die Stimmung unter den Ausreisewilligen in der deutschen Botschaft in Prag nicht. Sie wollten nicht nur der sozialistischen Diktatur in der DDR, sondern auch den Zuständen auf dem Grundstück des Palais Lobkowicz auf der Prager Kleinseite entfliehen.

          „Wir hatten Angst, dass eine Krankheit ausbricht und die Botschaft geräumt werden muss“, sagt der von den Flüchtlingen zu ihrem Sprecher gewählte Christian Bürger über die Tage vor dem großen Auftritt Hans-Dietrich Genschers.

          Der Außenminister der Bundesrepublik trat am 30. September auf den Balkon und sprach vor rund 4000 Flüchtlingen seine berühmten Worte: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Die letzten Worte gingen im allgemeinen Jubel und den Rufen „Genscher, Genscher, Freiheit, Freiheit“ unter.

          Nie werde er den Anblick vom Balkon vergessen, sagt Bürger, der direkt hinter dem Außenminister stand. Nicht nur deshalb findet er es „völlig berechtigt“, vom Genscher-Balkon zu sprechen.

          Mit einer Luftmatratze über die Donau

          Als die Flüchtlinge erfuhren, dass sie in Zügen über das Territorium der DDR ausreisen würden, weil es Ost-Berlin so will, kippte die Stimmung. „Wir steigen in diese Züge nicht ein“, riefen sie. Genscher konnte sie laut Bürger nur mit einem „ persönlichen Ehrenwort“ umstimmen: „Sie kommen morgen gesund und munter in der Bundesrepublik an!“ In jedem Zug säßen Mitarbeiter der Bundesregierung.

          Auch Christian Bürger stieg noch in der Nacht auf den 1. Oktober am Prager Bahnhof Libeň in einen Zug, der über DDR-Gebiet nach Hof an der Saale rollte. Der Sachse verließ die Botschaft als einer der Letzten. „Das war wie Beckenbauer allein auf dem Spielfeld bei der WM 1990“, erinnert sich der Fußballfan an „gespenstische Szenen“. Das Lager war leer, aber niemand hatte aufgeräumt.

          Es war jedoch nur die Ruhe vor einem neuen, noch gewaltigeren Ansturm. Alex Türpitz aus Thüringen hatte im West-Fernsehen von den Ereignissen in Prag erfahren. Er und ein Freund beschlossen, dorthin zu fahren.

          Die beiden Männer waren Mitte zwanzig, schon im Frühjahr 1989 wollten sie weg. Ihr Plan war, auf Luftmatratzen bei Bratislava über die Donau nach Österreich zu schwimmen. Doch der fußballbegeisterte Freund brach sich den Fuß. „Ich war richtig sauer“, erinnert sich Türpitz. „Alleine abhauen“, das wollte er aber nicht.

          Und so saßen die beiden am 3. Oktober im Zug nach Prag. Sie erwischten den letztmöglichen Zeitpunkt. Noch am selben Tag schloss die DDR ihre Grenze zur Tschechoslowakei. Türpitz erzählt, wie Grenzpolizisten ihren Zug auf offener Strecke anhielten und gezielt Familien an der Weiterfahrt hinderten.

          „Wir hatten Glück“, sagt Türpitz. Am Abend standen sie aber in Prag vor verschlossenen Toren. Die Botschaft sah sich nicht imstande, mehr als die bereits 4500 Ausreisewilligen auf ihrem Gelände zu versorgen.

          „Ich hatte nur Sorge, dass die Flasche Sekt kaputtgeht“

          Für die beiden „Kumpels“ war keine Mauer zu hoch, um sie nicht zu überwinden. Sie bauten eine „sehr rutschige“ Konstruktion aus Gerüstbohlen, um in die Botschaft zu gelangen. Einer kletterte nach oben, zog den anderen hoch, dann hangelten sie sich von der Mauer herab, und drinnen waren sie. Jeder habe jedem geholfen, sagt Türpitz. „Ich hatte nur Sorge, dass die Flasche Sekt im Rucksack kaputtgeht.“ Zunächst warteten auf sie Suppe und Tee.

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