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Flucht aus der DDR : Alles gewagt, alles gewonnen

Sieger gesucht. An der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Bild: Barbara Klemm

Stasi-Spitzel, Amtsvorladungen und Dutzende Briefe an den Staatsratsvorsitzenden: Wie es einer Familie gelang, mit Hilfe eines Ausreiseantrags die DDR zu verlassen.

          8 Min.

          Prolog

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Am 16. August 1945 steht plötzlich ein Mann von der Stadtverwaltung im Garten der Familie Petzold in Ballenstedt. Wer es ist, weiß später niemand zu sagen. „Euer Vater soll morgen ins Rathaus kommen“, sagt er zu den Jungen, die im Garten spielen. Ballenstedt liegt am Harzrand, südwestlich von Quedlinburg. Bis vor kurzem waren noch die Amerikaner hier, jetzt hat die russische Besatzungsmacht das Gebiet übernommen. Der Vater der drei Jungen und des kleinen, jüngsten Mädchens namens Gudrun ist Leiter der Ortskrankenkasse. Vermutlich deshalb ist er im gerade zu Ende gegangenen Krieg nicht als Soldat oder zum Volkssturm eingezogen, sondern nur zur Flugwache eingeteilt worden. Was der Familie wie ein Segen erschien, macht ihn nun in den Augen der Russen verdächtig. Sie suchen nach Nazis, verhaften aber auch wahllos Zivilisten, sogar Jugendliche. Seine Frau bekniet ihn, nicht ins Rathaus zu gehen. Sie hat von Männern gehört, die in die Wälder geflohen sind, über die grüne Grenze in amerikanisches Gebiet, als die Russen nach ihnen suchten. Doch er sagt: „Ich habe doch nichts verbrochen.“ Am nächsten Morgen geht er ins Rathaus und kehrt den ganzen Tag nicht zurück. Am Abend fährt ein russischer Laster vor, auf der Ladefläche, mit anderen Männern, auch Kurt Petzold. Er soll seine Sachen holen. Er streift seiner Frau seinen Ehering über und verabschiedet sich von seinem ältesten Sohn. Die kleineren Kinder schlafen schon. Sie sehen ihren Vater nie wieder.

          Monate später bekommt die Mutter einen Brief von der Ortskrankenkasse: Ihr Mann habe alle Ansprüche verloren und sie kein Recht auf eine Rente. Eine Begründung dafür gibt es nicht. Jahre später darf das Mädchen Gudrun trotz bester Noten kein Abitur machen, auch dafür gibt es keine Begründung. So werden Familien behandelt, in denen jemand in einem der „Speziallager“ verschwunden ist, ehemaligen Konzentrations- oder Kriegsgefangenenlagern, die die Russen in ihrem Besatzungsgebiet zu Gulag-Lagern umfunktioniert haben. Die Familie Petzold hört davon nur in Gerüchten, gesprochen werden darf darüber nicht. Manchmal, wenn sie von jemandem hört, der nach Hause gekommen ist, schleicht sich die Mutter nachts dorthin, um etwas über ihren Mann zu erfahren. Doch sie hört nie etwas. 1961 kommt jemand vom Rat der Stadt und übergibt der Familie eine Sterbeurkunde: Demnach ist Kurt Petzold schon seit 14 Jahren tot, „gestorben auf dem Gebiet der Sowjetunion“.

          ***

          Am 14. März 1984 erscheinen beim Rat des Kreises Aschersleben, Abteilung Inneres, der „Bürger“ Karl-Heinz Pawlytta und seine Frau Gudrun, geborene Petzold. „Bürger“ nennen die DDR-Behörden Bürger ihres Landes, die keine Parteimitglieder sind. Sie verlangen einen zuständigen Mitarbeiter zu sprechen, bei dem sie einen Ausreiseantrag aus der DDR abgeben können. „Eine solche Stelle gibt es hier nicht“, wird ihnen beschieden, „da müssen Sie zur Polizei gehen.“ „Bei der Polizei waren wir schon. Die haben uns zu Ihnen geschickt“, insistiert das Paar. Schließlich werden die beiden vorgelassen, in ein kleines, karges Büro. Dort übergeben sie ihren ersten Brief, „betreffend die Ausreise aus der DDR“. Karl-Heinz Pawlytta ist so aufgeregt, dass seine Hände zittern und seine Frau Angst hat, dass er gleich umkippt.

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