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Vor 50 Jahren in Erfurt : Willi, Willy und die Hoffnung

Willy Brandt am Fenster: Der damalige Bundeskanzler hatte am 19. März 1970 vom Erfurter Hof auf Tausende hoffnungsvolle DDR-Bürger hinabgeblickt, 2001 brachte man sein Porträt an gleicher Stelle an. Bild: dpa

Vor 50 Jahren begegneten sich in Erfurt Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Regierungschef Willi Stoph. Die Jubel-Präferenz der Einwohner war eindeutig – und prägt die Stadt bis heute.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Der Raum trägt die Nummer 04-21 und ist über ein enges Treppenhaus zu erreichen. Auf dem Flur fallen sofort die schwere Holztür mit der schlichten Alu-Türklinke und der tiefe Rahmen im Stil der sechziger Jahre auf. Es ist der einzige Zimmereingang, der hier noch so gestaltet ist. Dahinter verbirgt sich ein moderner Konferenzraum: Teppich, Tisch, zehn Stühle, ausgerichtet auf den Erker und das dreigeteilte Fenster, von dem man direkt auf den Erfurter Hauptbahnhof blickt. Wo heute Mitarbeiter der Thüringer Tourismuszentrale tagen, war vor 50 Jahren die Hoffnung zu Gast – die Hoffnung auf ein Ende der Teilung Deutschlands, auf ein Wiedersehen von Familien und Freunden, die Mauer und Stacheldraht trennten. So wünschten es sich am 19. März 1970 vor allem die 8000 Erfurter, die sich vor dem Hotel Erfurter Hof versammelt hatten und die immer wieder einen Satz riefen: „Willy Brandt ans Fenster!“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Unter ihnen befand sich auch Lothar Tautz, wobei er beinahe zu spät gekommen wäre. „Ich hätte nie gedacht, dass die mich überhaupt bis auf den Platz laufen lassen.“ Rund um den Hauptbahnhof hatten Volkspolizei und Staatssicherheit alles abgesperrt, allerdings mit Lücken für die zahlreichen Berufspendler. Das hatten diejenigen Erfurter genutzt, die den Bundeskanzler sehen wollten; sie hatten die Sicherheitsketten durchbrochen und waren auf den Platz geströmt. Dorthin richtete sich auch der Fokus der Sicherheitskräfte, so dass Tautz unbehelligt vom Zentrum aus über die menschenleere Bahnhofstraße zum Hotel gelangte.

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