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Die zwanziger Jahre : Goldenes Jahrzehnt?

Tanz auf dem Vulkan? In einem Café am Wannsee in Berlin, etwa 1925 Bild: akg-images

Hyperinflation, politische Instabilität, ein „Tanz auf dem Vulkan“ – in den zwanziger Jahren war aus heutiger Sicht jedoch nicht alles schlecht. Was ein Blick zurück ins 20. Jahrhundert lehren kann.

          3 Min.

          Vielleicht wird es ja diesmal etwas mit dem goldenen Jahrzehnt: Die Welt tritt wieder in zwanziger Jahre ein. Vor 100 Jahren, am Jahreswechsel von 1919 zu 1920, hätte vermutlich niemand für möglich gehalten, dass man dieses gerade beginnende Jahrzehnt einmal die „goldenen Zwanziger“ nennen würde.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Das, was später als goldglänzend wahrgenommen wurde, war nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt aus einer Welt, die für die meisten Menschen vieles, aber bestimmt nicht golden war. Gerade erst war im Feuersturm des Ersten Weltkrieges eine Welt untergegangen, die für viele Zeitgenossen schon bald Gegenstand verklärender Rückblicke wurde. Aus dieser Verklärung speiste sich viel von der Unzufriedenheit, mit der die Welt der zwanziger Jahre betrachtet wurde.

          Es war ein Jahrzehnt harter Verteilungskämpfe, die zum Beispiel in Großbritannien 1926 in einen Generalstreik mündeten. In Deutschland, durch den verlorenen Krieg ohnehin politisch instabil, kam 1922/23 noch eine Hyperinflation hinzu, die als kollektive traumatische Erinnerung das Land noch über Jahrzehnte prägte. Zwar erholte sich die Wirtschaft in den Jahren bis zum Beginn der Weltwirtschaftkrise 1929 wieder. Aber vier „gute Jahre“ reichten nicht, um festes Vertrauen in die demokratische Republik zu begründen.

          Jede Epoche findet ihre eigenen Katastrophen

          Die Instabilität in der Weltpolitik fußte unter anderem auf dem Auftauchen der Sowjetunion. Zum ersten Mal gab es einen Staat, noch dazu eine sehr großen, der unverhohlen den Umsturz der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in allen anderen Ländern propagierte. In der Praxis wurde der „Revolutionsexport“ zwar erst nach 1945 wirksam. Aber die Unsicherheit und das Misstrauen, wie man mit Moskau umgehen solle, war überall zu spüren.

          Dabei war aus heutiger Sicht durchaus nicht alles schwarz im Nachkriegseuropa von vor 100 Jahren. Die Demokratie hatte sich weiter ausgebreitet als jemals zuvor. Dass sich viele der neuen Demokratien als nicht stabil erwiesen, konnte man zu Beginn des Jahrzehnts zwar schon befürchten. Aber es gab zumindest Chancen. Wahrgenommen wurden diese am ehesten im Bereich der Kultur. Vorwiegend hier wurde auch das „goldene“ Bild der Epoche geprägt. In der Politik taten sich hingegen viele mit der Demokratie und ihren Umgangsformen schwer.

          Heute ist die Situation völlig anders. Aber eine Unzufriedenheit, die sich unter anderem im Erstarken politischer Extremisten äußert, gibt es auch in der heutigen Welt. Dabei würden die Zustände, die heute im größten Teil Europas herrschen, den meisten Menschen aus dem Jahr 1920 wie das Paradies auf Erden erscheinen. Doch jede Epoche sucht und findet ihre ganz eigenen Katastrophen. Wenn man nur ein hinreichend großes Maß an Pessimismus aufbringt, kann man daher fürchten, die Geschichte des angeblich „goldenen“ Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts werde sich wiederholen.

          „Tanz auf dem Vulkan“

          Die Apokalyptiker kommen dabei von allen Seiten des politischen Spektrums. Die einen sehen ihre alte Welt durch Einwanderer untergehen. Die anderen fürchten um die Zukunft des ganzen Planeten, weil das Weltklima sich schneller und dramatischer ändert, als viele das noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätten. Auf beiden Seiten gibt es Kräfte, die daraus Schlüsse ziehen, die das mühsame Regieren in einer Demokratie zugunsten vermeintlich „klarer“ und „effizienter“ Entscheidungsmechanismen in Frage stellen.

          Die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts könnten für weitaus mehr Menschen „golden“ werden als die vor 100 Jahren. Das liegt vor allem an der wirtschaftlichen Situation. Politisch hingegen gibt es große Risiken. Das größte Risiko für Wohlstand und Weltfrieden heute ist wohl der Zweikampf um die Vorherrschaft zwischen den Vereinigten Staaten und China. Die Welt hofft, muss hoffen, dass beide Mächte ihren Wettbewerb mit nichtmilitärischen Mitteln austragen.

          Das Argument, der Gedanke an einen Krieg sei schon allein deshalb absurd, weil die Zerstörungen unermesslich wären, trägt vermutlich nicht weit. Der Blick hundert Jahre zurück ist eine Warnung vor solcher Sicherheit: Damals waren in Europa die Erfahrungen des bis dahin zerstörerischsten Krieges der Geschichte für alle noch unmittelbar zu sehen und zu fühlen. Das hat aber die mit den Bedingungen der Friedensverträge und mit den Grenzziehungen unzufriendenen Staaten nicht davon abgehalten, den Krieg als legitimes Mittel anzusehen, vermeintliche Ungerechtigkeiten rückgängig zu machen.

          Das Beste daraus machen

          Die „goldenen Zwanziger“ sind zuweilen als „Tanz auf dem Vulkan“ bezeichnet worden. Das speist sich aus dem Wissen darum, was in den dreißiger und vierziger Jahren an Schrecklichem folgte. Die zwanziger Jahre erscheinen dann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit als das Vorspiel zu den Schrecken, die darauf folgten. Aber war es, zum Beispiel, wirklich zwangsläufig, dass die Nationalsozialisten ihre Vertretung im Reichstag innerhalb von nur zwei Jahren von zwölf im Jahre 1928 auf mehr als hundert Abgeordnete 1930 vergrößerten?

          Die Jahre seit der Finanzkrise von 2008 könnten die Welt gelehrt haben, dass es Zwangsläufigkeiten in der Politik nicht gibt. Es gibt bestenfalls Wahrscheinlichkeiten. Zum Beispiel ist es sehr wahrscheinlich, dass man mit Prognosen über bevorstehende Katastrophen mehr Aufmerksamkeit findet als mit abwägenden Analysen.

          Das sagt aber über die Wahrscheinlichkeit des Eintretens dieser Katastrophen überhaupt nichts. An solchen Prognosen wird es in nächster Zeit nicht fehlen, wie es daran auch in der jüngeren Vergangenheit nicht gefehlt hat. Statt sich Gedanken über ein „goldenes“ oder katastrophales bevorstehendes Jahrzehnt zu machen, könnte es nicht schaden, sich einfach vorzunehmen, das denkbar Beste daraus zu machen.

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