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Geschichtsunterricht mit Lücke : Als Gorbatschow die Mauer öffnete

  • -Aktualisiert am

Lübecker begrüßen am 11. November 1989 Besucher aus der DDR in Lübeck-Schlutup. Bild: dpa

Von der friedlichen Revolution vor 30 Jahren und dem Ende des DDR-Unrechtsstaats erfahren deutsche Schüler fast nichts. Und das wenige, was sie erfahren, ist meist zu einseitig. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Luca Rinne hat gerade Abitur gemacht, jetzt macht sie ein freiwilliges soziales Jahr bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Die DDR“, fragt sie bei einer Veranstaltung in Hannover, „ich kann mich nicht erinnern, dass wir die im Unterricht hatten. Nur am Ende der 10. Klasse ging es mal um die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen.“ So wie ihr geht es den meisten Schülern in Deutschland. Während der Nationalsozialismus in der Regel ausführlich erörtert wird, spielt die DDR so gut wie keine Rolle. Das liegt nicht nur daran, dass der Geschichtsunterricht in der Regel nur noch ein bis zwei Stunden pro Woche umfasst und mancherorts mit anderen Fächern zusammengelegt wurde. In der zur Verfügung stehenden Zeit geht es auch immer weniger um historische Abläufe als um „Kompetenzorientierung“ und epochenübergreifende „Längsschnitte“ – wie es in den einschlägigen Lehrplänen heißt. Die DDR, der kleine deutsche Nebenstaat, bleibt da regelmäßig auf der Strecke.

          Das gilt auch und gerade für die friedliche Revolution vor 30 Jahren. Das Jahrhundertereignis in der Geschichte der Deutschen wird eher beiläufig und manchmal fast widerwillig erwähnt. In vielen Lehrwerken findet man es nicht einmal im Inhaltsverzeichnis. In einer Ausgabe von Horizonte II aus dem Westermann Verlag versteckt sich der Freiheitskampf von 1989 zum Beispiel irgendwo zwischen den Kapiteln „Die DDR in der Ära Erich Honecker“ und „Die deutsche Einheit“. In Geschichte und Geschehen Oberstufe aus dem Klett Verlag findet man den Sturz der SED-Diktatur im Kapitel „Innerdeutsche Entspannung und Wiedervereinigungsprozess“. Dass die Ereignisse von 1989 in deutschen Schulbüchern so wenig Aufmerksamkeit erfahren, liegt unter anderem daran, dass das sozialistische Regime in der DDR in der Regel als Teil einer gemeinsamen Geschichte Deutschlands nach 1945 dargestellt wird. In den Ausführungen zu deutscher Teilung, Kaltem Krieg, Entspannungspolitik und Wiedervereinigung geht die DDR gleichsam unter. Die übergreifende Betrachtungsweise schafft zudem eine problematische Äquidistanz zu beiden deutschen Staaten. Als junger Mensch gewinnt man den Eindruck, dass beide Systeme ihre Vor- und Nachteile gehabt hätten und wegen des Kalten Krieges schließlich die Mauer gebaut wurde. Das Aufbegehren der Ostdeutschen im Herbst 1989 wird so kaum verständlich.

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