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Kriegsgedenken : Gegen Manipulationen mit der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Das Kriegsmahnmal „Mutter Heimat“ in Kiew, fotografiert am 8. April 2020 Bild: Reuters

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg darf nicht dazu benutzt werden, die Verbrechen Stalins kleinzureden. Ein Gastbeitrag der Außenminister der Ukraine, Litauens, Lettlands und Estlands.

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          In diesem Jahr ehren wir anlässlich des 75. Jahrestages des Endes der Feindseligkeiten in Europa diejenigen, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft und ihn letztendlich besiegt haben. Wir erinnern uns an die vielen Millionen schuldloser Opfer, die während des Krieges ihr Leben verloren haben. Darunter auch die sechs Millionen Juden, die im Holocaust ums Leben kamen, der von Nazis und ihren Kollaborateuren begangen wurde.

          Mit Europa als Hauptschlachtfeld war der Zweite Weltkrieg der brutalste und blutigste Krieg in unserer lebendigen Erinnerung. „Nie wieder“ ist die wichtigste Lehre, die wir daraus gezogen haben. Diese Botschaft hat die Ideen des Humanismus, das Streben nach Frieden, Zusammenarbeit und Solidarität vorangebracht. Diese Ideale wurden zunächst nur im Westen Europas umgesetzt, der frei von der Sowjetherrschaft war. Dort gewannen sie und prägten die Europäische Union, so wie wir sie heute kennen.

          Trotz der erschütternden Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben sich unsere demokratischen und humanitären Ideale gegen den Totalitarismus durchgesetzt. In den Jahren nach dem Blutvergießen wurden leider nur das Naziregime und seine Ideologie vor Gericht gestellt. Die für seine Verbrechen verantwortlichen Personen wurden in Nürnberg verurteilt. Die Sowjetunion unter der Führung ihrer nicht weniger totalitären kommunistischen Partei wurde hingegen – als Sieger des Krieges – ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat.

          Das brutale Sowjetregime nutzte den Sieg im Krieg für viele Jahre als Rechtfertigung für seine Politik. Es eignete sich so die Taten von Millionen alliierter Soldaten und auch Soldaten der Roten Armee an, die selbst multinational war. Sowohl die sowjetischen als auch die russischen Bemühungen, das Leid und die Rolle anderer Nationen bei der Beendigung des Krieges zu verkleinern, sind inakzeptabel.

          Unsere Länder haben schreckliche Verwüstungen erlitten – von Westen und von Osten. Wir dürfen nie vergessen, dass die Sowjetunion 1939 als Verbündeter von Nazi-Deutschland in den Zweiten Weltkrieg eintrat. In den geheimen Protokollen zum Molotow-Ribbentrop-Pakt beschlossen Hitler und Stalin, Europa unter sich aufzuteilen. Dieser Plan ebnete den Weg zum Krieg. Wir verurteilen aufs Schärfste alle Versuche, diesen Pakt mit der Begründung zu rechtfertigen, dass er seinerzeit als unvermeidlich und strategisch zweckdienlich angesehen wurde.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte das Sowjetregime die Turbulenzen und Verschiebungen des Status quo in Europa, um den Kontinent gegen seinen Willen in zwei Lager aufzuteilen: in demokratische Nationen einerseits und gefangene Nationen andererseits, die vom totalitären Sowjetregime unterdrückt wurden. Obwohl der Zweite Weltkrieg im Jahr 1945 zu Ende war, dauerte die Unterdrückung in Mittel- und Osteuropa an.

          Stalin und seine Herrschaft werden wieder beschönigt

          Die Sowjetunion besetzte und annektierte 1940 illegal Lettland, Litauen und Estland. Für die Menschen in den baltischen Staaten brachten die langen Jahre der Kämpfe keine Freiheit und keinen Wohlstand. Sie brachten politische Repressionen und Zwangsdeportationen. Widerstandsbewegungen wurden von der Sowjetunion brutal niedergeschlagen. Der größte Teil der Ukrainer teilte dieses Schicksal. Durch aktiven sowie passiven Widerstand zeigten unsere Menschen, dass sie keine Ruhe finden, solange ihre Nationen sich nicht befreit haben und die internationale Weltordnung nicht wiederhergestellt ist.

          Für uns, die dieses Schicksal erlitten haben, kamen die Freiheit und Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit erst vor 30 Jahren, als die Berliner Mauer eingerissen wurde und die Sowjetunion schließlich zusammenbrach.

          Leider wurden wir nur wenige Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Augenzeugen von neuen Versuchen Russlands, Stalin und seine Herrschaft zu beschönigen, Menschenrechtsverletzungen zu ignorieren und ein Regime mit einer allmächtigen Person an der Spitze aufzubauen. Wir beobachten jetzt ein neues Bestreben, Europa in heimliche Interessensphären aufzuteilen und beim Versuch, Territorien einer souveränen Nation zu annektieren, schamlos Gewalt anzuwenden.

          Kriegskult als Instrument der Manipulation

          Durch die vorsätzlichen Aggressionen gegen Georgien im Jahr 2008 und gegen die Ukraine im Jahr 2014 hat Russland gegen mehrere internationale Verträge verstoßen und die europäische Sicherheit als Ganzes schwer beschädigt.

          Anstatt anzuerkennen, dass der Sieg im Zweiten Weltkrieg und die Niederlage des Nationalsozialismus ein Verdienst der Entschlossenheit und der Opferung der Alliierten waren, verwandelte Russland seinen Kult des Zweiten Weltkriegs in ein Instrument der Manipulation. Der Kreml generiert reichlich historische Mythen und leugnet zugleich unbequeme historische Fakten.

          Dieser unaufrichtige Siegeskult, der von Menschen missbraucht wird, die nichts mit dem Sieg selbst zu tun haben, entehrt diejenigen, die ihr Leben verloren haben. In unseren Ländern verneigen wir respektvoll unsere Köpfe in trauervoller Erinnerung an unsere Lieben, die im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Wir erinnern an ihr Leiden und ehren ihr Opfer für uns alle.

          Die Massengräber der Opfer rufen uns auf, zu wiederholen: „Nie wieder!“ Die Reaktion auf die Greueltaten des Krieges war die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Das wiedergewonnene Vertrauen in die Macht der Zusammenarbeit schenkte uns die Schuman-Erklärung, die schließlich zur Gründung der EU führte. An diesem feierlichen Tag möge uns die Erinnerung als Warnung dienen.

          Dmytro Kuleba ist Außenminister der Ukraine, Linas Linkevičius Litauens, Edgars Rinkevičs Lettlands, Urmas Reinsalu Estlands.

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