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Zeitzeugen

Aufgezeichnet und zusammengestellt von PETER-PHILIPP SCHMITT
Foto: Privat / Bearbeitung F.A.Z,

8. Mai 2020 · Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Acht prominente Zeitzeugen erinnern sich an die entscheidenden Tage.


Walther Tröger


Im Frühjahr 1945 lebte ich in Wunsiedel in Oberfranken, meinem Geburtsort. Wir waren 1944 aus Breslau in den Heimatort meiner Familie evakuiert worden, weil mein Vater das von der Front aus wegen der für ihn übersehbaren Lage für zweckmäßig hielt. Mein Vater war Regierungsrat im Zolldienst und zuletzt in Rosenheim gewesen, ehe er 1936 nach Breslau versetzt wurde, wo ich acht Jahre zur Schule ging. Mein Vater war an der Ostfront, und auch ich war bereits Kriegsfreiwilliger und wäre sicher aus Breslau später nicht mehr weggekommen. Mein Schuljahrgang kam weitgehend im Volkssturm und bei der Flak zum Einsatz, viele meiner Kameraden kamen dabei zu Tode.

Als Reserveoffiziersanwärter wurde ich zum Bordfunker-Lehrgang in Würzburg einberufen, wo an meinem 16. Geburtstag am 4. Februar 1945 meine Karriere als Soldat begann. Dort erlebte ich in den Tagen meines Aufenthalts die vollständige Zerstörung der Stadt Würzburg mit. Am Tag des großen Bombenangriffs am 16. März waren wir selbst im Einsatz in der grauenhaften Szenerie einer derart angegriffenen Stadt. Die Kameraden des Lehrgangs nach uns, die in demselben Heim wie wir untergebracht waren, fielen einem folgenden Angriff vollständig zum Opfer.

Walther Tröger (rechts) im Jahr 1950
Walther Tröger (rechts) im Jahr 1950 Foto: Privat

Kriegsende war für mich der 19. April 1945, als die Amerikaner in Wunsiedel einmarschierten. Es gab keine Kämpfe. Aber Bewohner, die in Erwartung des Einmarsches weiße Fahnen gehisst hatten, wurden zum Teil noch erschossen. Wegen der im Rundfunk ausgesendeten Warnungen befanden wir uns im Keller unseres Hauses und hörten noch die Worte von Minister Joseph Goebbels zum Vorabend des Hitler-Geburtstags: Berlin bleibt deutsch, und Wien wird wieder deutsch.

Nach mehreren Stunden, in denen nichts geschah, bat mich meine Kusine, die als Flüchtling aus Schlesien bei uns war, sie zu begleiten. Sie wollte einen SS Offizier besuchen, der in einem Hotel Zuflucht gefunden hatte. Als wir ihn in seinem Zimmer trafen, war er damit beschäftigt, seine Dienstzeichen von der Uniform zu trennen. Er war höchst erstaunt, uns zu sehen, und erklärte das damit, dass er aus dem Fenster zeigte, wo in der Tat gerade die Amerikaner auf der Straße einmarschierten. Sie waren kaum bemerkbar, da sie im Gegensatz zu unseren Soldaten Gummistiefel trugen. Das zuerst von ihnen besetzte Haus war ausgerechnet unser Hotel, in dem wir dann mit einigen anderen Passanten über drei Stunden festgehalten wurden. Schließlich durften wir das Hotel verlassen und konnten zu unseren Verwandten zurück und ihnen vom Einmarsch der Amerikaner berichten. Vom Verbleib des Freundes meiner Kusine weiß ich nichts.  

Der 8. Mai drei Wochen später hatte für uns keine große Bedeutung mehr. Uns war klar, dass der Krieg längst beendet war und für uns verloren. Die Amerikaner waren recht umgänglich und für uns, vor allem für die, die Englisch sprachen, auch bereitwillige Partner. Inzwischen begannen wir die Schule wieder herzurichten. Ehe das offiziell machbar war, ließen wir Primaner uns zunächst nur von einigen Lehrern unterrichten, ehe im Frühjahr der Unterricht wieder begann. Wir hatten dazu mit den Lehrern Privatvereinbarungen abgeschlossen und bezahlten sie auch. 

Während der Schulzeit und auch später noch in den Semesterferien habe ich in einer Bäckerei gearbeitet, wofür ich, weil es so früh am Morgen war, einen Passierschein der Amerikaner brauchte. Danach arbeitete ich bei verschiedenen Bauern, was der Verpflegung einer fünfköpfigen Familie zum Vorteil gereichte. Die Zeit war für meine Mutter und meine drei jüngeren Brüder schwer. Mein Vater war am 25. März 1945 als Bataillonskommandant an der Front einem Herzschlag erlegen. Wir erfuhren von seinem Tod durch seinen Adjutanten, der plötzlich mit einem anderen Soldaten vor der Tür stand und uns berichtete, dass unser Vater gestorben sei. Es ist heute kaum mehr denkbar, aber sie luden uns zu seiner Beisetzung ein, kurz vor Kriegsende war das offenbar noch möglich. So fuhren wir auf Kosten der Wehrmacht mit dem Zug zur Beisetzung meines Vaters in Brandenburg und kamen auch wohlbehalten im April wieder zurück. 

Die Begräbnisstätte meines Vaters war mir lange unbekannt. Erst viele Jahre später habe ich über meine Kollegen beim Nationalen Olympischen Komitee der DDR die Information bekommen, dass sein Grab sich auf dem Ehrenfriedhof von Brandenburg an der Havel befände. Ein Besuch dort hat mich davon überzeugt, zumal auch sein Name auf eine Grabplatte graviert ist.

Der heutige IOC-Präsident Thomas Bach und Walther Tröger im Jahr 2010
Der heutige IOC-Präsident Thomas Bach und Walther Tröger im Jahr 2010 Foto: Imago

Mein Vater war nicht Parteimitglied gewesen und war an der Aktion „Widerstand“ seiner Freunde Ernst Niekisch und Joseph Drexel beteiligt. Er war mit diesen und anderen 1938 wegen Hoch- und Landesverrats vom Volksgerichtshof verurteilt worden und hatte sich durch die Haftzeit und gewiss auch durch den kurz darauf begonnenen Fronteinsatz während des ganzen Krieges eine Herzkrankheit zugezogen, der er dann kurz vor Kriegsende erlegen war. 


Walther Tröger, am 4. Februar 1929 in Wunsiedel geboren, ist Jurist. Als Sportfunktionär war er von 1992 bis 2002 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, seit 2003 ist er Ehrenpräsident. Von 1989 bis 2009 war er zudem Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, seitdem Ehrenmitglied. Der Einundneunzigjährige lebt in Frankfurt.


Liselotte Pulver 


Im Frühjahr 1945 lebte ich noch bei meinen ich noch bei meinen Eltern in Bern. Ich hatte damals gerade die Primarschule beendet und ging dann zur Handelsschule für höhere Töchter in Bern, obwohl ich die Aufnahmeprüfung nur gerade so bestanden habe. Mein Vater wollte es aber so, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich Schauspielerin werden wollte. Da ließ er nicht mit sich reden. Ich war ja im Oktober erst 15 geworden.

Liselotte Pulver neben Will Quadflieg in der Aufführung „Faust II“ am Schauspielhaus Zürich 1947
Liselotte Pulver neben Will Quadflieg in der Aufführung „Faust II“ am Schauspielhaus Zürich 1947 Foto: Agentur Schneider-Press / Theater

Mein Vater war Ingenieur, er baute Straßen, Sennhütten und Wasserleitungen, wollte aber eigentlich Maler werden. Meine Mutter hat den Haushalt geführt. Sie war früher Sängerin und am Theater gewesen, über sie kam ich auch zur Schauspielerei. Meine Schwester Corinne, die zwei Jahre älter ist, ging aufs Gymnasium, mein Bruder Buebi, der eigentlich Emanuel hieß, studierte in Zürich Ingenieur-Agronomie.

Meine Kindheit war sehr ruhig und geregelt, vom Krieg haben wir nicht viel mitbekommen. Es war einfach alles rationiert, vor allem Kleider und Lebensmittel. Wir trugen Pullover aus Zellwolle, und statt Butter strichen wir Margarine aufs Brot. Satt wurden wir trotzdem immer, echten Mangel haben wir nie erlebt. Nachts gab es manchmal Fliegeralarm, wenn die Flugzeuge über die Schweiz zogen. Das war dann schon ungemütlich, wenn die über uns rübergebrummt sind. Kurz danach hörten wir die Detonationen in Deutschland. In den Keller oder einen Bunker sind wir trotzdem nie gegangen, wir haben einfach auf den Endalarm gewartet. 

Wir haben täglich Radio gehört, und der Vater las die Zeitung, den Krieg aber mit seinen Schreckensnachrichten habe ich nicht verfolgt. Auch dass Hitler sich umgebracht hat, habe ich nicht mitbekommen. Als der Krieg dann am 8. Mai zu Ende war, wurde das im Radio durchgesagt. Das war’s. 

Liselotte Pulver und Carlos Thompson im Film „Das Wirtshaus im Spessart“ im Jahr 1956
Liselotte Pulver und Carlos Thompson im Film „Das Wirtshaus im Spessart“ im Jahr 1956 Foto: dpa

In den Wochen danach war die Stadt voller amerikanischer Soldaten, die eine Woche Urlaub in der Schweiz verbringen durften. Für mich war das eine aufregende Zeit. Im Herbst flaute die Amerikanerwelle dann wieder ab. Ich büffelte weiter für die Handelsschule. Nach drei Jahren hatte ich endlich mein Diplom und konnte ans Berner Konservatorium gehen, Abteilung Schauspiel – mit einem Stipendium. Das war eine Schicksalsgabe.


Liselotte Pulver, am 11. Oktober 1929 in Bern geboren, zählte in den fünfziger und sechziger Jahren mit Filmen wie „Die Zürcher Verlobung“ und „Ich denke oft an Piroschka“ zu den großen Stars des deutschsprachigen Kinos. Heute lebt die Neunzigjährige zurückgezogen in der Berner Seniorenresidenz Der Burgerspittel.


Friedrich Nowottny 


Im Frühjahr 1945 war ich, noch keine 16 Jahre alt, an der Ostfront. Die Nazis hatten die verbliebenen Männer in meinem Wohnort Rybnik in Oberschlesien zu einer Volkssturmeinheit zusammengefasst. Auch mein Vater und ich gehörten zu Hitlers letztem Aufgebot. Von Januar 1945, als der große Angriff der Roten Armee aus dem Weichsel-Bogen begann, bis Anfang April waren wir im Einsatz. Mein Vater musste Ostern in die Entscheidungsschlacht, wie das damals mit einer dieser unglaublich vordergründigen Vokabeln hieß.

Ich sollte eigentlich mit, weil der Bataillonskommandant, ein Oberleutnant, der Meinung war, wenn Vater und Sohn für den Führer in die Schlacht ziehen, das wäre doch was. Anfangs waren Vater und Sohn noch zusammen im Schützengraben, als die Russen den Angriff auf den Süden Oberschlesiens begannen. Wenn ich daran denke, wird mir heute noch schlecht. Mein Vater setzte dann aber durch, dass ich nicht in die Schlacht aller Schlachten ziehen musste. 

Ich war Jahrgang 1929 und wurde abkommandiert nach Mährisch-Trübau. Auf abenteuerliche Weise erreichte ich Mährisch-Ostrau, wo ich das Glück hatte, einen Fliegerhauptfeldwebel zu treffen, der dachte, ich wäre mit Walter Nowotny verwandt, dem erfolgreichsten deutschen Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs. Ich sagte ihm, wenn dann nur um ein paar Ecken. Der Mann war trotzdem so begeistert davon, dass er mich mit dem letzten Zug von dannen ziehen ließ. Ich schlug mich durch über Prag bis nach Passau, um zu meiner Mutter und Schwester zu gelangen. Die beiden hatten mit Pferdewagen Oberschlesien verlassen müssen. Mein Vater hatte mir noch mit auf den Weg gegeben, dass ich sie in der „Ostmark“, wie Österreich damals hieß, finden würde.

Friedrich Nowottny (links) als Stadionsprecher bei einem Schülerradrennen mit dem Bürgermeister von Warburg, Fritz Becker, im Jahr 1950
Friedrich Nowottny (links) als Stadionsprecher bei einem Schülerradrennen mit dem Bürgermeister von Warburg, Fritz Becker, im Jahr 1950 Foto: WDR

In Passau aber fingen mich erst einmal die Kettenhunde ein, wie die Feldgendarmen genannt wurden. Sie schafften mich nach Oberösterreich, wo ich zu einer Gruppe junger Krieger gehörte, die alle um 1928, 1929 geboren worden waren. Keiner von uns wusste, ob wir Werwölfe waren oder Werwölfe werden sollten. So hieß Heinrich Himmlers Untergrundorganisation, die hinter den feindlichen Linien Sabotageakte verüben sollte. 

Unser Trupp von 30 Jungen wurde von einem Leutnant und einem schwer verwundeten Hauptfeldwebel angeführt. Auf ihren Befehl hin verbrachten wir die Nacht zum 1. Mai 1945 an einem möglichen Inn Übergang. Da nichts passierte, wurden wir am nächsten Morgen wieder aus den Schützenlöchern geholt und bestiegen jeder ein Fahrrad mit zwei Panzerfäusten. Die steckten hinten in eigens konstruierten Fahrradkörben. Damit fuhren wir durch die Gegend. Warum und wohin genau, wusste keiner von uns Jungen. 

Irgendwann kamen wir an einem Bauernhof vorbei und machten Rast, weil wir ziemlich erschöpft waren. Da wir nichts zu essen hatten, fragten wir, ob wir einen Kanten Brot haben könnten. Der Bauer kam und sagte als Erstes: „Der Hitler ist tot.“ Das konnten wir gar nicht fassen. Wieso ist der tot? Der ist doch in Berlin! Der Bauer brachte uns Brot und Milch und holte ein Radio, und da hörten wir in den Nachrichten, dass Hitler an der Spitze seiner kämpfenden Truppen gefallen war, wie es hieß.

Wir waren völlig konsterniert. Der Leutnant und sein Hauptfeldwebel sagten zu uns: „Jungs, passt auf. Seht zu, dass ihr das Weite sucht und die Panzerfäuste los werdet. Wir setzen uns ab.“ Ich stieg also auf mein Fahrrad, das ich als Kriegsbeute betrachtete, und fuhr mit einem anderen Jungen Richtung Braunau am Inn. Abgesehen davon, dass das Hitlers Geburtsort war, deswegen sollte dort auch angeblich eine starke SS-Einheit sein, die den Ort bis zur letzten Patrone verteidigen würde, was aber nicht der Fall war, gab es in Braunau eine Brücke über den Inn nach Simbach in Bayern. Da wollten wir hin. In Braunau wurden wir von den Österreichern aber kräftig beschimpft. Denn denen hatte man inzwischen erklärt, dass sie ein völlig befreites Volk sein würden, sobald nur die Amerikaner da wären, was sie allerdings noch nicht waren. 

Da die Brücke nach Simbach gesprengt war, mussten wir uns wohl oder übel ein Quartier suchen. Am nächsten Tag konnten wir beobachten, wie die Amerikaner sich auf Simbacher Seite mit Panzern aufstellten und ungeheuer schnell eine Ponton-Brücke über den Inn bauten. In einer langen Reihe zogen die Panzer dann in der Ostmark ein und besetzten Braunau. 

Friedrich Nowottny als Moderator der Sendung „Bericht aus Bonn“ im Jahr 1973
Friedrich Nowottny als Moderator der Sendung „Bericht aus Bonn“ im Jahr 1973 Foto: dpa

Als die mich jungen Bengel sahen, konnten die sich gar nicht vorstellen, dass ich Soldat gewesen war. Weil mein Schulenglisch wirklich gut war, wurde ich Dolmetscher und zur Stadtkommandantur geschickt. Dort im Hotel Post zu Braunau am Inn habe ich mein erstes amerikanisches Steak gegessen, das war wunderbar. In den nächsten Wochen wurden alle Gefangenen, die in Mauthausen, dem ehemaligen Konzentrationslager, untergebracht waren, dort in Braunau vernommen. Gesucht wurden vor allem Mitglieder der SS, die leicht zu erkennen waren: Sie hatten am linken Oberarm ihre Blutgruppe eintätowiert. Die Dolmetscher, die auf Abruf arbeiteten, hatten viel zu tun. 

Wenig später habe ich meine Mutter und Schwester wiedergefunden. Ich fand heraus, das die beiden tatsächlich in der Ostmark waren, in einem kleinen Ort unweit von Braunau. Das war wirklich ein Glück. Im Oktober 1945 gingen wir nach Bielefeld. Erst ein Jahr nach Kriegsende erfuhren wir, was aus meinem Vater geworden war. In Oberschlesien war er bei der Donnersmarckschen Grubenverwaltung tätig gewesen, nun schrieb der einstige Hauptbuchhalter, der wie mein Vater und ich zur Volkssturmeinheit gehört hatte, meiner Mutter einen Brief. Darin teilte er ihr mit, dass mein Vater noch in den letzten Kriegstagen, um den 14. April 1945 herum, gefallen sei.


Friedrich Nowottny wurde am 16. Mai 1929 in Hindenburg in Oberschlesien geboren, dem heutigen Zabrze in Polen. Viele Jahre leitete er das Bonner Büro des WDR und moderierte unter anderem die Sendung „Bericht aus Bonn“. Von 1985 bis 1995 war Nowottny Intendant des WDR. Der Neunzigjährige lebt in Bonn.


Bernhard Vogel


Wer 1932 geboren wurde, hat den Zweiten Weltkrieg nicht mehr an der Front, sondern als Kind im Luftschutzkeller erlebt. Für mich war der Krieg schon ein paar Wochen vor dem 8. Mai 1945 zu Ende. Als die Front näher rückte, kampierten wir – meine Mutter, ein paar Frauen, ein halbes Dutzend Kinder – in einem notdürftig in eine Felswand gesprengten kleinen Bunker am Rande von Gießen. Am Ostersonntag – es war der 1. April – zogen Tausende ausgemergelte Männer, die sich zum Teil mühsam aufeinander stützten und nur notdürftig bekleidet waren, in Holzpantinen oder barfuß an uns vorbei. Freigelassene Gefangene, Zwangsarbeiter, sagte man mir.

Plötzlich herrschte ungewohnte Stille. Der Fluglärm, die Bombenabwürfe, der Kanonendonner, die Geschosseinschläge, die seit Monaten zu unserem Alltag gehört hatten, hörten auf. Wir durften wieder im eigenen Bett schlafen. Am Ostermontag rollten die ersten amerikanischen Jeeps an uns vorbei. Nie zuvor hatte ich einen Menschen schwarzer Hautfarbe gesehen.

Die Brüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel im Jahr 1939
Die Brüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel im Jahr 1939 Foto: Privat

Die Verdunkelung war aufgehoben. Zum ersten Mal sah ich mit Bewusstsein eine von elektrischem Licht erleuchtete Stadt. Ein für mich damals unglaublicher Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe. Der Krieg sei zu Ende, wurde uns gesagt. Ausgangssperren wurden angeordnet. Nach 20 Uhr durfte niemand auf die Straße. Von Schule sprach niemand. Die Lehrer, soweit sie überlebt hatten, waren noch in Gefangenschaft, oder sie waren noch nicht „entnazifiziert“. Die Gebäude waren größtenteils zerstört. Der Beschaffung von Nahrungsmitteln galt unsere tägliche Sorge. Das Hamstern begann,Wer 1932 geboren wurde, hat den Zweiten und der Schwarzmarkt blühte. Nicht die Reichsmark, Zigaretten waren die Währung. Post oder gar Telefon gab es nicht. Eine deutschsprachige Zeitung für die ganze amerikanisch besetzte Zone erschien dreimal wöchentlich und musste im Tabakladen abgeholt werden.

Um zu verstehen, was vor dem 8. Mai und am 8. Mai 1945 geschah, war ich noch zu jung. Was wirklich geschehen war, wussten wir nicht. Und was wir wussten, konnten wir noch nicht einordnen. Der 8. Mai 1945 war für uns der Tag, an dem endlich die Waffen schwiegen und das Morden in Europa ein Ende hatte. Der Tag, von dem an wir hoffen konnten, dass mein sechs Jahre älterer Bruder, wenn er überlebt haben sollte, nach Hause zurückkehren würde. Dass es nicht nur der Tag der deutschen Niederlage, sondern auch der Tag der Befreiung war, habe ich erst später begriffen.


Bernhard Vogel, am 19. Dezember 1932 in Göttingen geboren, war von 1976 bis 1988 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und von 1992 bis 2003 Ministerpräsident von Thüringen. Der promovierte Politologe ist Mitglied der CDU. Der Siebenundachtzigjährige ist der jüngere Bruder von Hans-Jochen Vogel und lebt in Speyer.


Hans-Jochen Vogel 


Das Kriegsende habe ich als Gefangener erlebt. Ich kam nach einem Lazarettaufenthalt im April 1945 zu meiner Einheit zurück, die damals südlich des Pos lag. Weil ich nach einer Verwundung noch nicht wieder voll einsatzfähig war, wurde ich als Unteroffizier mit der Führung einer Gruppe von sechs oder sieben Handwerkern und älteren Soldaten beauftragt. Wir sollten eine Anzahl von Kühen nach Norden an einen Ort bringen, wo sich die Division auf ihrem Rückzug sammeln und treffen sollte. 

Hans-Jochen Vogel als Soldat im Jahr 1943
Hans-Jochen Vogel als Soldat im Jahr 1943 Foto: Privat
Im April 1945 Kühe über den Po zu bringen, war geradezu utopisch. Die Brücken waren zerstört. Es gab zwar Ponton- Brücken, die im Wasser lagen. Aber keiner der Verantwortlichen hätte uns erlaubt, Kühe darüber zu treiben. Es lief darauf hinaus, dass wir die Kühe im Stall eines nahegelegenen Bauernhofs postierten und unsere Gruppe dann allein ans andere Ufer gelangte.

Nach einem längeren Fußmarsch fielen wir in der Nähe von Vicenza einer Schar von Partisanen in die Hände, die uns gefangen nahm. Wir hatten in dem Augenblick großes Glück, denn es handelte sich um Partisanen, die nicht sofort zur Schusswaffe griffen. Sie haben uns noch am selben Tag den Amerikanern übergeben. Die Übergabe fand auf einem Friedhof statt, was uns erst beunruhigte. Die Amerikaner – unter ihnen viele Farbige – haben uns aber freundlich behandelt. Interesse hatten sie nur an unseren Uhren und unseren Kriegsauszeichnungen.

Von amerikanischen Einheiten wurden wir dann in zwei Etappen in ein größeres Gefangenen-Zeltlager in der Nähe von Pisa überstellt. Da ich etwas Englisch konnte, wurde ich von der Lagerleitung beauftragt, täglich die amerikanische Armeezeitung „Stars and Stripes“ zu lesen und kleinere Meldungen daraus ins Deutsche zu übersetzen und an einem Schwarzen Brett zu befestigen. Darunter war am 9. Mai 1945 die Nachricht von der bedingungslosen deutschen Kapitulation, die am Tag zuvor – also am 8. Mai 1945 – stattgefunden hatte.

Diese Nachricht löste bei uns zunächst ein Gefühl der Erleichterung aus, der Erleichterung darüber, dass nun das Töten und vor allem auch die Luftangriffe ein Ende hatten. Aber es war überlagert von dem Gefühl der totalen Niederlage und des völligen Ausgeliefertseins. Uns beschlich die Vorstellung, dass wir wohl lange Jahre Gefangene bleiben würden, um das wiedergutzumachen, was wir Deutsche in Europa an schlimmen Zerstörungen angerichtet hatten. Als Tag der Befreiung empfanden wir den 8. Mai 1945 damals noch nicht. Dass ihm diese zentrale Bedeutung zukam und weiterhin zukommt, hat erst die berühmte Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985 deutlich gemacht.

Rückblickend erfüllt mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, wenn ich mir vergegenwärtige, welche Entwicklung unser Land seitdem genommen hat. Wenn uns am 8. Mai 1945 einer gesagt hatte: Regt euch nicht so auf! In vier Jahren werdet ihr die beste Verfassung eurer Geschichte haben, mit einer Werteordnung, die eine klare Antwort auf die unmenschliche NS-Ideologie gibt. In zwölf Jahren werdet ihr eure Städte wieder aufbauen. In 15 Jahren werdet ihr mehr als zwölf Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge integriert haben. Es wird euch wirtschaftlich schon in den fünfziger Jahren besser gehen als vor dem Zweiten Weltkrieg, und die Vereinigten Staaten werden euch mit dem Marshall-Plan helfen. Ihr werdet wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen werden, ein deutscher Bundeskanzler wird schon 25 Jahre nach Kriegsende den Friedensnobelpreis bekommen, und die deutsche Einheit wird ohne einen Tropfen Blut zustande kommen – wir hätten ihn schlicht für verrückt erklärt. Und diese Liste ließe sich ja ohne weiteres noch bis in die jüngere Gegenwart hinein verlängern.

Hans-Jochen und Bernhard Vogel im Jahr 2012
Hans-Jochen und Bernhard Vogel im Jahr 2012 Foto: Frank Röth


Hans-Jochen Vogel, am 3. Februar 1926 in Göttingen geboren, war seit 1943 Soldat in der Wehrmacht. Der promovierte Jurist trat 1950 in die SPD ein, war von 1960 bis 1972 Oberbürgermeister von München und 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin. 1983 war er Kanzlerkandidat seiner Partei und von 1987 bis 1991 als Nachfolger Willy Brandts Parteivorsitzender der SPD. Der Vierundneunzigjährige lebt in der Augustinum-Seniorenresidenz in München.


Dorothee Wilms 


Geboren wurde ich am 11. Oktober 1929 in Grevenbroich, einer damals kleinbürgerlichen Stadt mit 12.000 Einwohnern. Mein Vater war seit 1924 bis Anfang 1945 Bürgermeister von Grevenbroich. Ich hatte eine glückliche Kindheit, bis sich im Mai 1940 die Situation völlig veränderte: Der Westfeldzug Deutschlands gegen Frankreich begann und damit auch der Krieg für mich in fassbarer Form. Die erste Bombe fiel in Grevenbroich, allerdings auf unbebautes Gelände. Seitdem hatten wir zunehmend Fliegeralarm – erst vor allem in der Nacht, von 1943/44 an zunehmend auch tagsüber, und zum Schluss gab es auch Tieffliegerangriffe. 

Das Städtchen Grevenbroich liegt im Städtedreieck Köln, Düsseldorf und Mönchengladbach, und alle Angriffe, die diesen Großstädten galten, betrafen auch uns in irgendeiner Form. Ich habe deshalb viel Zeit im Luftschutzkeller verbracht. Der Unterricht in der Schule fiel oft aus oder fing bei Nachtalarm erst um zehn Uhr an. Die hör- und fühlbaren Auswirkungen der Fliegeralarme haben meine Jugend maßgeblich geprägt – bis heute. Damals war ich pflichtgemäß bei den Jungmädels, der NS-Organisation für die Zehn- bis Vierzehnjährigen, aber ohne Lust und ohne einen Rang. Diese Zeit hat mich in keinster Weise geprägt. 

Dorothee Wilms (links) mit ihren Eltern Lorenz Wilms, der von 1924 bis 1945 Bürgermeister der Stadt Grevenbroich war, und Lieselotte Wilms, geborene Schiedges, im Jahr 1949
Dorothee Wilms (links) mit ihren Eltern Lorenz Wilms, der von 1924 bis 1945 Bürgermeister der Stadt Grevenbroich war, und Lieselotte Wilms, geborene Schiedges, im Jahr 1949 Foto: Privat

Im Oktober 1944 besetzten die Amerikaner die Stadt Aachen, etwa 60 Kilometer von Grevenbroich entfernt. Wir konnten nun die Front hören, durch den ständigen Artilleriebeschuss. Grevenbroich wurde evakuiert, auch wegen der zunehmenden Angriffe bei Tage durch Tiefflieger. Die meisten Einwohner mussten in die Gegend von Magdeburg und Köthen. Meine Mutter und ich zogen ins Rechtsrheinische, in ein winziges Dorf im Bergischen Land bei Waldbröl. Wir teilten uns ein Zimmer. Mein Vater, der beinahe 60 Jahre alt war, kam Anfang 1945 dann krank dorthin nach. 

Etwa um den 15. März 1945 rückten die amerikanischen Truppen von Westen kommend in unsere Gegend vor. Sie kamen ohne Panzer, es war nur Infanterie, wegen der Bergischen Landschaft. Ich sehe die Reihe der Soldaten mit schussbereiten Gewehren im Anschlag heute noch vor mir, wie sie damals die Straße herauf ins Dorf zogen. Es blieb aber alles ruhig, es gab keine Gefechte, weil die deutschen Soldaten längst abgezogen waren. Nach einigen turbulenten Tagen hatten wir uns im amerikanischen Besatzungsregime „eingerichtet“. Wir waren froh, dass der Krieg für uns zu Ende war, dass es keine Luftangriffe mehr gab. Und die Nazis waren weg, eine neue Zeit brach an. Ich hörte damals als Fünfzehnjährige zum ersten Mal mit Entsetzen im amerikanischen Rundfunk von der Befreiung der Konzentrationslager und von dem Schicksal der Inhaftierten dort. Ich weiß noch genau, es war ein Schock für mich. 

Der Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 war für mich eigentlich nur eine Radiomeldung. Wir lebten schon völlig in einer anderen Zeit, in einem anderen Regime. Jetzt aber rückte für meine Eltern und mich die Frage in den Vordergrund: Wie und wann kommen wir wieder zurück nach Hause, nach Grevenbroich? Wann kann man wieder über den Rhein setzen? Alle Brücken waren ja zerstört. 

Dorothee Wilms und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1989
Dorothee Wilms und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1989 Foto: SZ Photo

Die Rückkehr mit einem flott gemachten uralten Auto gelang meiner Erinnerung nach Ende Mai, Anfang Juni 1945. In Grevenbroich kamen wir nicht mehr in unsere alte Wohnung, sondern zogen für drei Jahre auf einen Bauernhof in der Nähe in zwei Zimmer, alles sehr einfach und sehr primitiv. Im Spätherbst 1945 begann meine alte Schule wieder mit dem Unterricht, die Schule hatte einen neuen Namen bekommen: Humanistisches Gymnasium für Jungen und Mädchen. Wir waren aber nur ganz wenige Mädchen. Beim Abitur 1950 war ich sogar das einzige Mädchen. Und so blieb es weitgehend dann auch im Studium in Köln: Frauen waren in der Minderzahl.


Dorothee Wilms saß fast 20 Jahre lang für die CDU im Deutschen Bundestag. Die promovierte Volkswirtin war von 1982 bis 1987 Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft und von 1987 bis 1991 die letzte Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen. Die Neunzigjährige, die noch bis 2005 im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung war, lebt in Bonn.


Christa Ludwig 


Im Frühjahr 1945 waren meine Eltern und ich ausgebombt. Wir hatten unsere Wohnung und auch unsere ganze Habe durch den großen Luftangriff auf Gießen verloren, am 6. Dezember 1944, dem Nikolaustag. Mein Vater war damals Intendant am Theater in Gießen. Wir lebten erst anderthalb Jahre in der Stadt und hatten überhaupt keine Freunde dort. 

Meine Mutter, die Gesangslehrerin war, hatte aber eine Schülerin, eine Frau, die in Oppenrod bei Gießen lebte, einem 250-Seelen-Dorf unweit der Stadt. Die Frau war Halbjüdin und hatte in Oppenrod Unterschlupf gefunden. Dorthin sind wir nach der Bombennacht gezogen, mit meinem alten Opa, meiner Kusine, die hinkte, und einem Leiterwagen, den wir requiriert hatten. So nannte man das damals. Das hieß: Wir hatten ihn gestohlen. Mehr Besitz hatten wir nicht mehr, nur die Kleider, die wir noch am Leib trugen. Wir standen auf der Straße, und das mitten im Winter. 

Christa Ludwig beim Maskenball der Oper in Frankfurt im Jahr 1947
Christa Ludwig beim Maskenball der Oper in Frankfurt im Jahr 1947 Foto: : Privat / Reproduktion Jacqueline Godany

In Oppenrod kamen wir bei einem Bauern unter, obwohl der uns überhaupt nicht haben wollte. Es war schrecklich. Wir waren Migranten im eigenen Land. Heute kann sich das keiner mehr vorstellen, wie das ist, wenn man nichts mehr hat und quasi betteln gehen muss. Aber so lernte ich auch Entbehrungen kennen, was sicher nicht schlecht ist. Das Leben ist nicht immer nur Schlagsahne. 

Vom Krieg wussten wir wenig. Es gab nur eine Zeitung, das war der „Völkische Beobachter“. Jede Stadt hatte zwar auch eine kleine Zeitung, aber da stand dasselbe drin wie im „Völkischen Beobachter“ – und dazu noch, welche Katze vom Nachbarn gerade gestorben war. Einige wenige Deutsche hatten einen Volksempfänger, der hat aber auch nur das gebracht, was Hitler und seine Leute wollten. 

Kurz nach meinem 17. Geburtstag kamen die Amerikaner. Sie zogen in Oppenrod ein, und wir begrüßten sie freudig, auch wenn wir Angst hatten, dass einer der Nazi-Schergen uns womöglich deswegen noch tötet. Die Amerikaner campierten auf einem Feld. Dort bin ich hingelaufen, um die Zigarettenstummel einzusammeln. Mein Großvater war ein starker Raucher. Der nahm den Tabak aus den Stummeln und drehte sich damit Zigaretten aus einem Stück Zeitungspapier. Ich erinnere mich auch noch, wie meine Mutter erstmals einen Nescafé trank. Ihr wurde furchtbar schlecht davon, und sie musste sich übergeben. 

Der Bauer hatte zum Glück ein Klavier. Und so verbrachten meine Mutter und ich die Tage mit Gesangsübungen. Denn ich musste ja Sängerin werden, weil ich eine Stimme hatte. Damit war ich zum Talent verdammt. Außerdem war mein Vater in der Partei gewesen und durfte zunächst nicht arbeiten. Also musste ich singen, um die Familie zu ernähren. Ich habe in Wirtshäusern gesungen, irgendwo auf dem Land. Da fuhr ich mit dem Klavier hin. Es war furchtbar, aber ich habe ein wenig Geld verdient. 

Christa Ludwig und der österreichische Bassbariton Walter Berry in die „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss in der Wiener Staatsoper 1964
Christa Ludwig und der österreichische Bassbariton Walter Berry in die „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss in der Wiener Staatsoper 1964 Foto: Picture-Alliance

Zugleich habe ich schon bei Theatern vorgesungen, dafür bin ich auch über die grüne Grenze in die britische Besatzungszone gegangen. Nach Göttingen zum Beispiel, mit einem falschen Pass und alles zu Fuß. Aber wir haben wenigstens überlebt. Mit gerade einmal 18 habe ich dann schon an der Oper in Frankfurt gesungen. 

Doch eigentlich hatte ich einen anderen Traum: Ich wollte Chemie studieren. Mit meinem Notabitur aber, das ich im Krieg bekommen hatte, weil die Schulen alle geschlossen waren, ging das nicht. Ich hätte das Abitur nachholen müssen, um studieren zu können. Das war aber nicht möglich, weil ich Geld verdienen musste. Und das tat ich, indem ich gesungen habe.


Christa Ludwig wurde am 16. März 1928 in Berlin geboren. Sie war 27 Jahre alt, als der Dirigent Karl Böhm sie an die Wiener Staatsoper verpflichtete. In den folgenden drei Jahrzehnten gastierte die Mezzosopranistin in Bayreuth und Berlin, Mailand und New York und als Lied-Interpretin, gefeiert als „die Herrlichste von allen“, auf allen wichtigen internationalen Konzertpodien. Die Zweiundneunzigjährige lebt in Klosterneuburg bei Wien.


Gotthilf Fischer 


Im Frühjahr 1945 war ich in der Lehrerbildungsanstalt in Esslingen am Neckar zur Ausbildung zum Lehrer. Aufgewachsen bin ich in Deizisau, einem Dorf südlich von Stuttgart. Es war zwar ländlich geprägt, aber die Nähe zur Industrie in Esslingen und Stuttgart gab vielen Menschen Arbeit, sodass viele ihre Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben. Das erwies sich im Krieg als sehr segensreich, und so musste neben aller Angst und Not wenigstens niemand hungern. 

Meine Mutter hat sich um Haus und Hof gekümmert, mein Vater war selbständiger Zimmermeister. Am Abend gab er Tanzund Zitherunterricht, und er stand dem Musikverein vor. Mein Bruder arbeitete in einem Betrieb, der der Rüstungsindustrie zulieferte, musste dann aber auch in den letzten Kriegsmonaten an die Front. Bald nach Kriegsende kamer allerdings wieder heim.

Ich darf auf eine unbeschwerte Kindheit zurückblicken. Wenn ich jetzt sage, dass ich keine Jugend hatte, hört sich das undankbar gegenüber meinen Eltern an, aber so ist es nicht: Vielmehr war es den Umständen des Kriegs geschuldet, dass man schnell erwachsen wurde. 

Gotthilf Fischer als Dirigent im Jahr 1947
Gotthilf Fischer als Dirigent im Jahr 1947 Foto: Privat

Die Musik wurde mir durch meinen Vater in die Wiege gelegt. Dann hat mich mein Lehrer aus der damaligen Volksschule – ohne meine Eltern oder gar mich zu fragen – auf der Lehrerbildungsanstalt angemeldet. Dazu muss man wissen, dass es damals auf dem Land schon fast einem Skandal gleichkam, wenn jemand studiert und kein Handwerk erlernt hatte. Auf der Lehrerbildungsanstalt erhielt ich Musik- und Klavierunterricht. Ein weiterer Glücksfall war für mich, in Sergiu Celibidache einen Mentor gefunden zu haben, der mich in meiner weiteren Entwicklung sehr unterstützt, aber auch gefordert und in jedem Fall geprägt hat. 

Der Krieg trat spürbar erst spät in mein Leben, eigentlich erst in den letzten Kriegstagen, als ich zusammen mit meinen Kommilitonen eingezogen wurde. Ich musste miterleben, wie sie innerhalb kurzer Zeit neben mir gefallen sind. Am Ende gehörte ich mit zwei weiteren zu den Überlebenden unserer Kameradschaft. 

Der Krieg endete für mich im April 1945 mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in unser Dorf. Das genaue Datum kann ich nicht mehr nennen. Da ich nicht in Gefangenschaft war, gab es für mich keine „Befreiung“, aber ich hatte ein Erlebnis, das auf eine ganz andere Weise befreiend war: Beim Einmarsch der Amerikaner setzte ich mich ans Klavier und spielte „Glory Glory Hallelujah“. Einige Soldaten stimmten mit ein. An den 8. Mai kann ich mich im Detail nicht mehr erinnern, aber es war eine große Erleichterung spürbar. Das Kriegsende brachte wohl den Frieden, aber die Sorgen der Menschen waren noch lange nicht vorbei. So habe ich miterlebt, wie die Nachbarin tagtäglich hoffte, dass ihr Mann aus dem Krieg oder der Gefangenschaft zurückkehren würde – vergeblich. Er galt als vermisst. Sie hat nie erfahren, wann, wo und wie er zu Tode gekommen ist, musste ihre beiden Kinder alleine großziehen und die Landwirtschaft betreiben. 

Aber die Menschen waren geradezu hungrig danach, wieder ein – im Rahmen der Möglichkeiten – normales Leben zu führen, und so gab es auch relativ bald wieder ein Vereinsleben. Auch für mich hieß es: „Plötzlich mittendrin statt nur dabei“. Weil der Dirigent des Concordia Gesangvereins Deizisau noch nicht wieder zu Hause war, erinnerte sich einer der Sänger (damals gab es selbstverständlich nur Männerchöre), dass doch „em Gottlob sei Jonger“ Klavier spielen könne und schloss daraus, dass ich damit selbstverständlich einen Chor leiten könne. Ich sehe mich noch, wie verschüchtert ich mich ans Klavier setzte, voller Ehrfurcht vor den Männern, die alle hätten mein Vater oder sogar Großvater sein können. Aber offensichtlich waren sie mit mir zufrieden, denn mir wurde dann schon bei der nächsten Singstunde ganz offiziell das Dirigat übertragen.

Gotthilf Fischer dirigiert 1998 im niederbayerischen Bad Füssing 3262 Sänger, die den größten Wasserchor der Welt bilden.
Gotthilf Fischer dirigiert 1998 im niederbayerischen Bad Füssing 3262 Sänger, die den größten Wasserchor der Welt bilden. Foto: Picture-Alliance

Bald schon leitete ich mehrere Chöre, was dem traurigen Umstand geschuldet war, dass durch Gefangenschaft und Tod nicht so viele Dirigenten zur Verfügung standen. Das eröffnete mir die Möglichkeit, die einzelnen Chöre zusammenzuführen und ein gemeinsames Erlebnis daraus zu machen. Der Rest ist bekannt. Mein Leben geprägt haben meine ganz persönlichen Kriegserlebnisse und der Tod meiner Kameraden. Das macht demütig, aber auch dankbar, denn ich habe auf diese Weise auch meine Frau Hildegard kennengelernt, die in unser Dorf kam, als Stuttgart evakuiert wurde.


Gotthilf Fischer wurde am 11. Februar 1928 in Plochingen bei Stuttgart geboren. Schon kurz nach dem Krieg gründete er 1946 die Fischer-Chöre, eine Gemeinschaft von eigenständigen gemischten Chören aus dem Raum Stuttgart. Mit den mehr als 1000 Sängern trat er nicht nur im Fernsehen, sondern unter anderem auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 und vor dem amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter auf. Der Zweiundneunzigjährige lebt bei Stuttgart.  


Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 08.05.2020 10:50 Uhr