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150 Jahre Kaiserreich : Was gibt es da zu feiern?

Frank-Walter Steinmeier mit den Historikern Christina Morina (links), Hélène Miard-Delacroix und Eckart Conze am 13. Januar 2021 Bild: dpa

Anlässlich der Gründung des Kaiserreichs vor 150 Jahren hat Bundespräsident Steinmeier zum Gespräch geladen. Doch wie gedenkt man einer „Kriegsgeburt“?

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          Es gehört zu den Zufällen der Geschichte, dass zu den Jubiläen des Deutschen Reichs jeweils ein Sozialdemokrat Staatsoberhaupt ist. Fünfzig Jahre nach der Kaiserproklamation war 1921 der SPD-Politiker Friedrich Ebert Präsident des Rest-Reichs. 1971 erinnerte Bundespräsident Gustav Heinemann in Bonn mit Unbehagen an das Jahrhundert des Unglücks, das seit 1871 über Deutschland, Europa und die Welt gekommen war. Ein „ungerufener Gedenktag“ sei das gewesen, so erinnerte, weitere fünf Dekaden später, Frank-Walter Steinmeier (SPD), der Gäste eingeladen hatte, Historikerinnen und Historiker aus Deutschland, England und Frankreich.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Die Sozialdemokratie hat jedenfalls länger gehalten als das Reich. Christopher Clark meinte, das gelte für viele die das Reich bekämpfte, etwa Katholiken und Liberale, oder die Frauenbewegung. Bismarcks Werk sei ein „Macht- und Militärstaat“, entstanden und bestehend aus stetem Kampf gegen äußere und innere Feinde. Die Demütigung Frankreichs bei der Kaiser-Proklamation in Schloss Versailles habe eine „Erbfeindschaft“ begründet, die erst nach zwei weiteren blutigen Nachbarschafts- und Weltkriegen geendet habe.

          Eine stumm gewordene Kulisse?

          Stimmt es also, das „es nichts zu feiern gibt“ bei dieser „Kriegsgeburt“, wie der Marburger Historiker Eckart Conze es formulierte? Sollte man das Reich verdammen, weil es weder demokratisch noch friedliebend war? Clark sagte, andere Nationen seien auch nicht gerade friedlich geboren worden, Italien nicht und auch nicht Amerika. Weder in Washington noch in London sei es nach heutigen Maßstäben „demokratisch“ zugegangen, die solle man nicht „in Rosenöl baden“.

          Steinmeier hob in seiner Rede hervor, dass es nach 1871 auch andere Seiten gegeben habe als die militaristische, nämlich eine „beeindruckende Dynamik“ in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Kultur. Bewusstsein für die Gegenwart entwickle sich „auch und gerade in der Auseinandersetzung und, ja, dem Streit über unsere Geschichte“. Steinmeier konstatierte: „Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber, wie den Denkmalen und Statuen aus dieser Epoche. Es scheint eine stumm gewordene Kulisse zu sein, die den meisten nichts mehr sagt.“

          Das allerdings passt nicht ganz zu dem stürmischen Eifer, mit dem in Berlin Linke und Grüne versuchen, Reste der Erinnerungen, etwa Straßen- und Ortsnamen, zu tilgen. Der Bundespräsident zitierte Golo Mann: „Durch das, was vor uns war, sind wir geworden, was wir sind“ und erinnerte an Errungenschaften wie das Bürgerliche Gesetzbuch oder die Sozialgesetzgebung. Die heilte allerdings nicht das Demokratiedefizit des Kaiserreichs, sagte die Bielefelder Historikerin Christina Morina.

          Und der immer noch verehrte Bismarck? Steinmeier ließ vorsichtige Sympathien erkennen, doch die französische Forscherin Hélène Miard-Delacroix war der Auffassung, des Fürsten „höchst volatile Vertragspolitik“ habe stets Koalitionen gegen andere und nie zum Guten aller geschmiedet. „Diplomatie ist heute intelligenter“, urteilte sie. Man solle, sagte Steinmeier zum Ende seiner Rede, die Hinterlassenschaften jener Zeit nicht ratlos und verlegen betrachten, sondern sie verstehen, einordnen, neu zum Sprechen bringen. Das Historikergespräch im Schloss Bellevue war dazu ein Beitrag. Draußen harrte an diesem grauen Wintertag, unbeachtet, Bismarcks wuchtiges Denkmal an der Siegessäule.

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