https://www.faz.net/-gpf-8knxh

70 Jahre : Wie durch eine Zwangsheirat NRW entstand

  • -Aktualisiert am

Ruhrgebietspanorama: Ein Teil Rheinland, ein Teil Westfalen (Zeche Herten). Bild: dpa

Seit 70 Jahren gibt es das „Kunstland“ Nordrhein-Westfalen. Es war der Grundstein für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Und hätte es die Briten nicht gegeben, wäre alles vielleicht ganz anders gekommen.

          7 Min.

          Der Stahlhof in der Düsseldorfer Bastionstraße ist ein Statement der Macht. Als die „Stahlwerkverband Aktien-Gesellschaft“, der Zusammenschluss der mächtigen Ruhrbarone, 1904 entschied, seine Geschäfte künftig von Düsseldorf aus zu führen, ließ er sich einen Steinwurf von der Königsallee entfernt einen prächtigen Verwaltungstempel bauen. Überlebensgroße Reliefs recken sich aus der roten Sandsteinfassade: muskulöse Arbeiter, eine Mutter mit ihrem Kind, Unternehmer, Soldaten. Grimmig blicken Adler-Skulpturen in die Straßen der Düsseldorfer Altstadt. Hoch über dem Hauptportal steht auf dem Giebel in goldenen Jugendstil-Buchstaben „Stahlhof“. Seit es den Stahlhof gibt, gilt Düsseldorf, das ein gutes Stück vom Ruhrgebiet entfernt ist, als „Schreibtisch des Ruhrgebiets“.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der Stahlhof blieb über alle Wechselfälle hinweg ein wichtiger Ort. Im Ersten Weltkrieg wurden von dort aus die Lieferungen der Eisen- und Stahlindustrie an das Militär koordiniert; als 1923 französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschierten, residierte im Stahlhof einige Monate lang der französische Generalstab; im Zweiten Weltkrieg steuerten die Nationalsozialisten die gesamte deutsche Walzstahlerzeugung vom Stahlhof aus. Und 1945 wählte die britische Militärregierung den Hof zu ihrer Kommandozentrale am Nordrhein.

          Das hatte weniger damit zu tun, dass das Ruhrgebiet von Beginn an im Zentrum der besatzungspolitischen Absichten der Briten stand. Der Hof war ganz einfach eines der wenigen Verwaltungsgebäude in Düsseldorf, die den Bombenkrieg beinahe unversehrt überstanden hatten. Und so wurde der Stahlhof im Sommer 1946 zum Geburtsort des Landes Nordrhein-Westfalen. In dem Gebäude fanden die entscheidenden Besprechungen statt, die zur Einsetzung der ersten nordrhein-westfälischen Landesregierung unter dem parteilosen Rudolf Amelunxen führten. Auch wurde im Stahlhof die Verordnung Nummer 46 verfasst. Sie gilt als „Geburtsurkunde“ Nordrhein-Westfalens. Weil sie am 23. August 1946 veröffentlicht wurde, ist der 23. August der „Geburtstag“ des Landes.

          Der Stahlhof in Düsseldorf
          Der Stahlhof in Düsseldorf : Bild: dpa

          „Geburtszimmer“ Nordrhein-Westfalens

          Patrick Schauenburg empfängt seinen Besuch im Foyer des Stahlhofs. Der Fußboden ist mit Marmor ausgelegt, von der Decke hängen prächtige Leuchter. Schauenburg ist einer von rund hundert Richtern des Verwaltungsgerichts Düsseldorf, das seit 1971 seinen Sitz im Stahlhof hat. Als vor zehn Jahren die Entscheidung fiel, das Gebäude von Grund auf denkmalgerecht zu sanieren, machte der Gerichtspräsident den jungen Richter zum Beauftragten für die Bauleitung. Kaum jemand kennt sich so gut mit der Geschichte des Hauses aus wie Schauenburg. Gelegentlich führt der Richter Besuchergruppen durch den Stahlhof, zeigt ihnen den Ölgemälde-Zyklus „Der Weg der Schiene“, führt sie durch die Bibliothek, aufwendig getäfelte Säle, in denen die Stahlbarone einst ihre Absprachen trafen.

          Das „Geburtszimmer“ Nordrhein-Westfalens kann Schauenburg leider nicht zeigen. Alle Etappen der Stahlhof-Geschichte sind gut dokumentiert, doch die Unterlagen aus der Besatzungszeit nahmen die Briten mit, als sie Mitte der fünfziger Jahre aus dem Stahlhof auszogen. „Wir können also leider nur spekulieren, in welchem Raum die Gründung Nordrhein-Westfalens vor 70 Jahren besiegelt wurde“, sagt Schauenburg. Der Richter hält das Speisezimmer mit dem wuchtigen offenen Kamin für einen möglichen Ort. „Oder natürlich das Büro von William Asbury. Aber leider wissen wir noch nicht einmal, wo der Landesbeauftragte der Briten sein Büro hatte.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Armin Laschet am Samstag in Warendorf

          Bundestagswahl : Was Laschet falsch macht und was richtig

          Der Kandidat der Union will auf einer Welle des Vertrauens ins Kanzleramt reiten. Das ist ein wenig, als würde die Bahn mit Pünktlichkeit werben. Oder Tinder mit ewiger Treue.
          „Viel Freizeit gibt es nicht“: Cihan Çelik vor dem Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Ich bin etwas desillusioniert“

          In seiner Klinik wurden in dieser Woche schon mehr Corona-Patienten betreut, als Richtwerte der Politik vorsehen. Lungenarzt Cihan Çelik über frustriertes Personal, die Nachlässigkeit der Ungeimpften und Patienten, die ausgeflogen werden müssen.
          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

          Michel Houellebecq : „Ich war süß und hübsch“

          In einer erstmals auf Deutsch veröffentlichten Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 2005 schreibt der französische Schriftsteller über das Verhältnis zu seiner Mutter und darüber, wie es seine Beziehung zu Frauen prägte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.