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„Gerechtigkeit im Kleinen“ : Der Mythos vom warmen Osten

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Michael hält sich mit 400-Euro-Jobs über Wasser, Isabel macht eine Umschulung zur Diätassistentin, Ralf arbeitet seit kurzem in Prag. Alle drei sind Kinder der Wendeverlierer und haben eins gemeinsam: Sie sehnen sich nach einem Staat, den sie kaum kennengelernt haben. Eine Bestandsaufnahme von Lydia Harder.

          6 Min.

          Der Tag, an dem Ralf Wipper Sömmerda den Rücken kehrt, ist ein trüber Tag. Vor einem achtstöckigen Neubaublock im Wohngebiet „Neue Zeit“ bleibt er stehen. „Zu DDR-Zeiten war das die beste Adresse in ganz Sömmerda“, sagt der 28 Jahre alte Mann. Die Bewohner der thüringischen Kleinstadt nannten sie „Wohnscheibe“. Ralf durfte als Kind darin wohnen, weil sein Vater Offizier der Nationalen Volksarmee war. Und weil man Gleichgesinnte gern unter sich hielt.

          Von der Rolle der Eltern im System der DDR hing ab, wo die Familie wohnte, wo sie Urlaub machte, welche Ausbildung die Kinder erhielten. Die Vergangenheit der Eltern bestimmte die Zukunft der Kinder - und sie tut es bis heute, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Viele DDR-Privilegierte sehen sich heute auf der Verliererseite und mit ihnen ihre Kinder. Selbst jene Generation, die bloß ein paar Jahre zur „sozialistischen Schule“ ging, empfindet die DDR oft als verlorene Heimat.

          Nachbarskinder aus Kuba und Moçambique

          Ralf konnte schon als Kleinkind das Wort „Antifaschismus“ aussprechen. Als seine Eltern ins Heim der Privilegierten zogen, tauschten sie ihr altes Einfamilienhaus gegen einen neuen Lada Shiguli. Die symbolische Monatsmiete in der „Wohnscheibe“ betrug dreißig Mark. Dort spielte Ralf mit Nachbarskindern aus Kuba und Moçambique. Im Militärferienlager schlief er in Kasernen, hisste die Flagge zum Morgenappell und stampfte auf Nachtwanderungen im Gleichschritt durch den Wald.

          Die Realtiät:  Ralf Wipper packt die letzten Kisten für seinen Umzug nach Prag, weil: „Prag ist auch Osten”

          Ralf nahm auch die anderen Seiten des Sozialismus wahr: etwa die heimlichen Telefonate mit dem Großvater, der im Ruhrgebiet lebte, den der Vater aber nicht sehen durfte, weil er „Geheimnisträger“ war, als Offizier und später als Volkspolizist. Stärker aber blieben die schönen Erinnerungen haften. An den Urlaub in den Gewerkschafts-Bungalows im Vogtland und an die Spielzeuge, die seine Mutter beschaffte, die bei der staatlichen Handelsorganisation arbeitete.

          Im Studium den Dialekt abtrainiert

          Als die DDR aufhörte zu existieren, war Ralf zehn Jahre alt. Mit der Wende veränderte sich das Leben der Familie Wipper für immer. Der Vater hatte kaum noch Zeit für Ralf und seinen jüngeren Bruder. Abend für Abend ging er von Tür zu Tür und verkaufte Versicherungen. Er hätte sich auch in die Westpolizei eingliedern lassen können. „Aber das war jahrelang der Klassenfeind gewesen“, sagt Ralf, „dem konnte er sich nicht unterordnen.“

          Schließlich gründete die Familie einen Autohandel. Auch Ralf musste helfen. „Seit ich 15 bin, stehe ich jeden Samstag im Laden.“ Bald konnte er einen Wagen auf Dänisch, Italienisch, Holländisch und Litauisch verkaufen. Weg konnte er nicht, weil der Vater ihn im Geschäft brauchte. Also studierte Ralf im nahen Weimar Medienkultur, ein Fach mit einem Numerus Clausus von 1,2. Im Studium trainierte er sich den Thüringer Dialekt ab. Er lernte Kommilitonen aus dem Westen kennen, doch die Distanz blieb.

          Lukratives Jobangebot aus dem Westen

          Mit den „Luxusproblemchen der Chefarzttöchter“, wie er sie nennt, konnte er nichts anfangen. Seine Studienfreunde stammten meist aus einem Umkreis von fünfzig Kilometern. „Man findet automatisch immer wieder zu den eigenen Leuten, mit denen man eine gewisse Prägung teilt.“ Nach dem Diplom blieb Ralf in Thüringen. Er fühlte sich im Osten einfach wohler. Ein lukratives Jobangebot in Aachen lehnte er ab.

          Nicht alle in Ralfs Bekanntenkreis teilten die Skepsis gegenüber dem Westen. Ein Großteil seiner Jahrgangsstufe wanderte ab. Sömmerda verwaist, gebaut werden hier vor allem Altersheime. Im Bäckerei-Café in der Fußgängerzone trifft man die letzten Daheimgebliebenen. Vor dem Eingang stehen viele Kinderwägen. Wer hier bleibt, gründet meist früh eine Familie. Im Stadtrat von Sömmerda hat die Linkspartei mehr Stimmen als CDU und SPD zusammen.

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