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Genua-Gipfel : Kampf ohne Gegner

  • -Aktualisiert am

Gipfelhafen Genua: Wenig Reibungsflächen Bild: dpa

Die Globalisierungsgegner haben es schwer, vor Genua gemeinsame Ziele zu formulieren. Eine „bessere Welt“ versprechen auch die Regierenden.

          „Nicht gegen die Globalisierung im Allgemeinen" sondern gegen eine „Globalisierung ohne Grenzen" kämpfen die Aktivisten und Sympathisanten rund um das "Genoa Social Forum" (GSF), dem „Gegengipfel“ zum G8-Treffen in Genua. Doch der Bewegung gehen die Gegner aus. Das GSF, das mehr als 750 verschieden Bewegungen repräsentiert, tut sich schwer damit, gemeinsame Forderungen zu formulieren. Der allgemeine Ruf nach einer Entmachtung der Mächtigsten und der Kampf für eine „bessere Welt" finden zwar breiten Zuspruch - bieten aber wenig Konkretes.

          Dass sie Gutes tun, sagen auch die Mächtigen: Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi erklärt, er wolle sich für einen Schuldenerlass der Dritte-Welt-Länder einsetzen, ihren Kampf gegen Aids unterstützen, die italienischen Handelbeziehungen zu den ärmsten Ländern ausbauen und die Entwicklungshilfe erhöhen. Außenminister Renato Ruggiero, ehemaliger Direktor der Welthandelsorganisation WTO will den G 8-Gipfel vom 20. bis 22. Juli in Genua zu einer „Etappe im Fortschritt der zivilisierten Menschheit" machen. „Unser Ziel ist es, Ungerechtigkeiten abzubauen, die Lebensweise der Völker zu verbessern und die großen Probleme im Bereich der Menschenrechte zu lösen", erklärte er.

          Keine Reibungsflächen

          Für den Sprecher des Genoa Social Forums (GSF), Vittorio Agnoletto, ist Ruggiero „einer der größten Verantwortlichen für das Desaster der existierenden Globalisierung" und „meilenweit von uns entfernt". Doch die Grenzen zwischen „Gut" und „Böse" verschwimmen: Das GSF kann den Politikern keine Reibungsflächen bieten.

          Der „Dachverband“ GSF wuchs rasant. Sprach man Ende Mai noch von etwa 330 vertretenen Nichtregierungsorganisationen und Interessenverbänden, sind es mittlerweile schon 750 Gruppen. Soziale Verbände, kommunistische Parteien, Ärzte und Anwälte beteiligen sich ebenso wie katholische Ordensschwestern. Doch je breitgefächerter die Ziele sind, um so schwieriger wird es, sie mediengerecht zu vertreten. Wer gleichzeitig für die Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen genmanipulierte Lebensmittel kämpft, hat es schwer, gemeinsame Ziele zu formulieren.

          Schuldenerlass und Klimaschutz

          Vertreter von mehr als fünfzig katholischen Organisationen legten am Wochenende in Genua ein „katholisches Anti-Globalisierungs-Manifest" vor. Sie fordern einen Schuldenerlass und eine Wirtschaftsordnung, die auch den ärmsten Ländern dieser Erde faire Preise garantiert. Die europäischen Maßstäbe für Arbeitnehmerschutz sollen in Dritt-Welt-Ländern ebenso gelten wie die EU-Umweltschutzbedingungen. Weiter fordern sie die Ratifizierung des Klimaschutzabkommens von Kyoto, erschwingliche Aids-Medikamente, die Abschaffung von Steuer- und Finanzparadiesen und eine stärkere Bekämpfung des internationalen Waffenhandels.

          Die Forderungen gleichen denen, die GSF-Sprecher Agnoletto stellt. „Die Welt ist voll von tiefgreifenden Ungerechtigkeiten. 20 Prozent der Weltbevölkerung - in den Ländern mit fortgeschrittenem Kapitalismus - verschwenden 83 Prozent der Ressourcen unseres Planeten, elf Millionen Kinder sterben jedes Jahr an Mangelernährung und 1,3 Milliarden Menschen müssen von weniger als einem Dollar pro Tag leben" erklärt das GSF auf seiner Internetseite www.genoa-g8.org. „Eine andere Welt ist möglich", lautet die Botschaft. So frommen Zielen applaudieren auch Politiker und Wirtschaftsvertreter. Antonio D`Amato, Präsident des italienischen Industrieverbandes Confindustia, erklärte: „Abgesehen von starken Idealisierungen und anti-industriellen Strömungen" vertrete das Volk von Seattle „berechtigte und begründete Sorgen".

          Angst vor Ausschreitungen

          Die größte Gefahr für die Anti-Globalisierungs-Bewegung ist ihr eventuell gewaltbereiter Flügel: Sollte es in Genua zu ähnlichen Ausschreitungen kommen wie in Göteborg, verliert das GSF, das immer wieder friedliche Demonstrationen forderte, an Glaubwürdigkeit. „Das GSF ist erwachsen geworden, es muss weiterbestehen", forderte Agnoletto kürzlich. Genua wird seine Reifeprüfung werden.

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