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Genforschung : Nationaler Ethikrat in der Identitätskrise

  • -Aktualisiert am

Klonen erlaubt? Der Ethikrat erörtert das Für und Wider Bild: CLONAID

Der deutsche Ethikrat steht vor einem Dilemma: Die Mitglieder sind sich uneins in ihrer Position zum Klonen. Wird es deswegen ein Klon-Gutachten ohne konkrete Empfehlungen geben?

          Im Nationalen Ethikrat gibt es nach Angaben seines Vorsitzenden Spiros Simitis noch keine Mehrheit für oder gegen das therapeutische Klonen. Medienberichte vom Wochenende, denen zufolge der Rat das in Deutschland geltende Klonverbot abschaffen wolle, seien "an den Haaren herbeigezogen", sagte Simitis dieser Zeitung. Der Rat befinde sich vor seiner zweitägigen Sitzung zum Klonen, die am Mittwoch beginnt, mitten in der Vorbereitung. Derzeit gebe es bis zu fünf verschiedene Lager, die das therapeutische Klonen jeweils unterschiedlich beurteilten.

          Der Humangenetiker Jens Reich, der entschieden gegen die Nutzung natürlich gezeugter Embryonen für die Gewebezucht ist, aber beim therapeutischen Klonen "keine prinzipiellen Bedenken" hat, sagte dieser Zeitung, er sehe seine Meinung im Rat entgegen einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" in der Minderheit.

          Das Für und Wider

          Im Ethikrat herrscht vor den Beratungen zum Klonen große Uneinigkeit über das Selbstverständnis des Gremiums. Der Identitätsstreit dreht sich darum, ob der Rat den Anspruch haben soll, Politik und Gesellschaft den Weg zu weisen, oder ob er nur umfassende Erörterungen bioethischer Probleme erarbeiten soll. Mehrere Mitglieder, darunter Reich, die Tübinger Ethikerin Eve-Marie Engels und die Biologin Regine Kollek, verlangen, kontroverse Fragen nicht wie bisher mittels Abstimmung zu entscheiden.

          Das Für und Wider umstrittener Biotechnologien solle in den Stellungnahmen des Rates dargestellt werden, ohne aber der Politik mittels Mehrheitsfindung eine konkrete Empfehlung zu geben. "Ich warne davor, Urteile ex cathedra abzugeben und Politik oder Gesellschaft etwas vorschreiben zu wollen", sagte Reich. Das Gremium solle sich darauf beschränken, das Meinungsspektrum in einer pluralen Gesellschaft darzustellen. "Eigentlich ist der Name Ethikrat irreführend, denn wir sind kein Beratungsgremium im engeren Sinn", sagte Reich.

          Ein Verzicht auf Abstimmungen würde den Charakter des 2001 von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) berufenen Ethikrats, der 25 Mitglieder hat, einschneidend verändern. Das Gremium würde auf die Möglichkeit verzichten, als Wegweiser des Kanzlers und der Politik insgesamt tätig zu werden. Einige Mitglieder, darunter der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, bestehen dagegen darauf, eine solche Rolle auszuüben. Sie sagen, der Rat müsse bei kontroversen Themen wie dem Klonen mittels Abstimmung Mehrheiten herstellen und so klar Position beziehen.

          Unterschiedliche Ansichten

          Der Ethikrat will sich bei seiner Sitzung mit dem therapeutischen und dem reproduktiven Klonen befassen. Einigkeit herrscht nach Angaben von Simitis in der Ablehnung des reproduktiven Klonens zur Erzeugung von Kindern. Doch mindestens ein Mitglied, der Berliner Soziologe van den Daele, hält Darstellungen anderer Ratsmitglieder zufolge eine kategorische Verurteilung des Babyklonens für falsch. Bei der Beurteilung des Klonens zu Zwecken der Forschung und Therapie wird es mindestens drei Lager geben: eines, welches das "therapeutische Klonen" ganz ablehnt; eines, das dem Klon den Status eines schützenswerten Embryos abspricht, aber aus anderen Gründen gegen das therapeutische Klonen ist; und ein drittes Lager, das medizinische Anwendungen für "prinzipiell vertretbar" hält.

          Der Gruppe der strikten Gegner gehören der Freiburger Theologe Schockenhoff und Hans-Jochen Vogel an. Die stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, Kollek, führt die Gruppe jener an, die im therapeutischen Klonen Gefahren für die Ausbeutung von Frauen sehen, da große Mengen Eizellen benötigt werden. Kollek macht aber im ethischen Status einen Unterschied zwischen natürlich gezeugtem Embryo und dem Klonembryo. Zur Gruppe der Befürworter des therapeutischen Klonens gehören neben dem Genetiker Reich der Jurist Dreier, die Juristin Weber-Hassemer, der Soziologe van den Daele und der Theologe Schröder.

          Abstimmung bei kontroversen Fragen

          Eine Arbeitsgruppe unter Federführung von Jens Reich hat seit Herbst vergangenen Jahres die Stellungnahme des Rats zum Klonen vorbereitet. Bis spätestens Mitte September soll das Gutachten veröffentlicht sein, rechtzeitig zum erneuten Beginn von Verhandlungen bei den Vereinten Nationen über ein weltweites Klonverbot.

          Unklar ist nun, ob die Öffentlichkeit je erfahren wird, welchem Lager sich eine Mehrheit der Ratsmitglieder zurechnet. Kontroverse Fragen hat der Ethikrat bisher mit Abstimmungen entschieden. Im Dezember 2001, als es um den Import embryonaler Stammzellen ging, wurde zu vier "Optionen" die Zahl der jeweiligen Unterstützer genannt. In der Stellungnahme zur Gendiagnostik in der Schwangerschaft vom Januar 2003 waren unter den zwei gegenläufigen Positionen die Namen der Ratsmitglieder dokumentiert.

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