https://www.faz.net/-gpf-2g8t

Genforschung : „Lebenswissenschaft“ im Dialog

  • Aktualisiert am

Leben im Labor Bild: ZB - Fotoreport

Was bedeutet die Entschlüsselung des menschlichen Genoms? Im „Jahr der Lebenswissenschaft“, ausgerufen von Bundesforschungsministerin Bulmahn, soll die Forschung sich dem Dialog stellen.

          3 Min.

          Spätestens seit dem Klon-Schaf Dolly ist die Genforschung, die bis dahin überwiegend im Expertenkreis diskutiert wurde, in aller Munde. Die weitgehende Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes und die Zulassung des Klonens von Embryonen in Großbritannien waren weitere Schritte, die bei Genforschern Freude, bei vielen Menschen aber vor allem Ängste auslösten. Mit einer Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag in Berlin leitet Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) nun das „Jahr der Lebenswissenschaften“ ein, in dem die heftig umstrittene Gentechnik eine zentrale Rolle spielen soll. Erklärtes Ziel der geplanten Veranstaltungsreihe ist es, schwer Verständliches der Öffentlichkeit verständlich zu machen - wobei es nicht nur um die Gene, sondern auch die Erforschung des Lebens allgemein geht.

          "Der Gen-Dschungel“ ist von Donnerstag bis Samstag in Berlin erstes Glied der Veranstaltungskette im Rahmen der von Bundesforschungsministerium, Stifterverband und den großen Forschungsorganisationen getragenen Initiative „Wissenschaft im Dialog“. „Unter anderem geht es um eine kritische Hinterfragung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit - die Gefahren und das Potenzial der Genforschung für den Menschen und die Menschheit“, kündigen die Veranstalter an. Berücksichtigt werden sollen neben dem Blickwinkel der Forscher auch Standpunkte von Philosophie und Religion. Die Mittel sind durchaus auch unwissenschaftlich: Tanz, Performance und Mitspieltheater sollen Wissenschaft erlebbar machen.

          Parteien ringen um Positionen

          In den Hintergrund treten dabei zunächst einmal die politischen Parteien, die meist selbst noch angesichts rasanter wissenschaftlicher Fortschritte um ihre Position zur Gentechnik ringen. Zurückhaltend, etwa was das heikle Thema Präimplantationsdiagnostik angeht, sind besonders Grüne und CDU/CSU. Dabei geht es um die genetische Überprüfung eines im Reagenzglas gezeugten Embryos auf mögliche Erbkrankheiten - anhand der Ergebnisse kann dann über dessen künftiges Schicksal entschieden werden. Nicht weniger umstritten ist das Klonen von Embryonen gerade nicht zum Zweck der Fortpflanzung, sondern um die begehrten Stammzellen zur Behandlung von Krebs und anderen bislang nicht oder schwer heilbaren Krankheiten zu gewinnen - menschliches Rohmaterial als Ersatzteillager, sagen Kritiker.

          CDU-Chefin Angela Merkel warnte in diesem Zusammenhang davor, Dämme einzureißen, „die man nie wieder einziehen kann“. Sie reagierte damit auf relativ vage Äußerungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der sich in einem Grundsatzartikel im Dezember zwar ebenfalls gegen das Klonen von Embryonen wandte, zugleich aber vor „ideologischen Scheuklappen und grundsätzlichen Verboten“ warnte. Zusätzliche Brisanz erhielt die Diskussion durch die Entscheidung des britischen Parlaments, das Klonen von Embryonen zuzulassen. Als möglicher Ausweg in dieser einen Streitfrage gelten „adulte Stammzellen“, die in den Organen von Erwachsenen gefunden werden. Die Grundsatzdebatte über die Grenzen des Machbaren lässt sich damit jedoch nicht umgehen.

          Kurswechsel hin zur Biomedizin

          Als bedeutsam könnte sich der wegen der BSE-Krise und völlig unabhängig von der Gen-Diskussion erfolgte Wechsel an der Spitze des Gesundheitsministeriums von Andrea Fischer (Grüne) zu Ulla Schmidt (SPD) erweisen. Deren gleichfalls neue Parlamentarische Staatssekretärin Gudrun Schaich-Walch (SPD) stellte bereits klar, dass es die von Fischer geplante Gesetzesnovelle zur Verbesserung des Embryonenschutzes vorerst nicht geben werde. Darüber müsse zunächst noch einmal gründlich diskutiert werden. Von einem Kurswechsel hin zur Biomedizin ist seither die Rede, auch wenn Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) dies für die Bereiche Biopatentierung und Embryonenschutz zurückwies.

          Davon nicht berührt ist die Gentechnik in der Landwirtschaft, wofür nun die Grünen-Ministerin Renate Künast verantwortlich zeichnet. Sie hat für einen restriktiven Kurs vor dem Hintergrund der allgemeinen BSE-Verunsicherung offenbar auch die Rückendeckung des Kanzlers. Schröder hat erst vor wenigen Tagen eine geplante Vereinbarung mit der Industrie vorerst auf Eis gelegt.

          Im „Jahr der Lebenswissenschaften“ wird beides zur Sprache kommen, auch wenn der Mensch und sein Körper eher im Vordergrund stehen. Dies gilt besonders für die Veranstaltungen „Brennpunkt Körper“ im April in Leipzig, „Kosmos Gehirn“ im Juni in Göttingen und den „Gen-Dschungel“, auch wohl für „Grenzenlos forschen?“ im Juni wieder in Berlin. Die Genforschung im Agrarbereich dürfte dagegen etwa in „Leben ist Vielfalt“ Ende November in Frankfurt am Main eine Rolle spielen, sehen doch viele Umweltschützer die Artenvielfalt durch gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere bedroht.

          Weitere Themen

          Wie hält’s die SPD mit der Groko?

          Parteitags-Chat : Wie hält’s die SPD mit der Groko?

          Wohin steuern die designierten Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans? +++ Stehen sie zur Koalition mit CDU und CSU? +++ Können sie die Partei versöhnen? +++ Verfolgen Sie die Reden des neuen SPD-Führungsduos im Parteitags-Chat der F.A.Z.

          Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

          Topmeldungen

          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.