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Generation-Erzählungen : Unsinn mit Y

Cafébesucher in Berlin Bild: Julia Zimmermann

Eine neue Generation geistert durch die virtuelle Welt. Sogar die SPD hat sie schon entdeckt. Aber existiert sie überhaupt – oder ist sie nicht eher nur eine kopfgeborene Anmaßung?

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          Kaum eine Woche vergeht derzeit, in der nicht irgendwer irgendwo über die „Generation Y“ räsoniert oder, der Einfachheit halber, gleich selbst behauptet, für sie sprechen zu können. Der Name dieser Generation, mit der die ab 1980 Geborenen bezeichnet werden sollen, wird englisch ausgesprochen. Er klingt dann schön vieldeutig: „Generation Why“ – „Generation Warum“. Was wird dieser Generation nicht alles zugeschrieben: Sie zeige einen so hohen Grad an Narzissmus, Materialismus und Technologiehörigkeit wie keine Generation vor ihr („Time Magazine“). Die SPD dagegen meint, für die „Generation Y“ gewännen „Freundschaften und Netzwerke“ an Bedeutung. Parteichef Gabriel sagte auf dem Parteitag in Leipzig, man müsse diese „Generation Y“ irgendwie ansprechen. Aber wie?

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Der Personalchef eines großen Autoherstellers meint festgestellt zu haben, „Generation Y“ missachte Autoritäten. In der „Zeit“ heißt es, „im Erwerbsleben wie im Privaten strebt diese Generation sehr nach Sicherheit und Beständigkeit“. Es gibt Soziologen, die behaupten, diese Generation zeichne sich dadurch aus, dass bei ihr an die Stelle von Status, Geld und Prestige Sinnsuche und Freude an der Arbeit getreten seien. Und die „Neue Zürcher Zeitung“ hat eine „lethargische, verunsicherte, von einer postideologischen Welt im Stich gelassene“ wirtschaftskrisengeschüttelte Generation entdeckt. Es ist ein einziges Durcheinander.

          Die Konstruktion dieser Generation wird von zwei Seiten betrieben. Die einen haben das Bedürfnis, die nach ihnen kommende Generation irgendwie einzuordnen und so oft auch gleich abzuwerten. Sie verwenden den Begriff zur organisierten Selbstverteidigung gegen die Jugend. So wie die Vorgänger der „Generation Y“ aus der „Generation X“ als Verweigerer abgestempelt wurden. Spiegelbildlich dienen derartige Schlagwörter einem Teil der Jugend zur Selbstvergewisserung. Leute, die sich über das für ihr Alter übliche Maß hinaus auf Sinnsuche befinden, mischen mit bei der Konstruktion einer Generation. Berufsjugendliche Publizisten verallgemeinern ihre Gefühle mit Hilfe eines übergriffigen „Wir“ und vereinnahmen andere für sich, nur weil die zufällig gleich alt sind. Voller Zweifel, aber mit Plänen, einige davon noch erfüllbar, andere leider nicht mehr. Wie man es halt so feststellt, wenn man um die Dreißig ist. Die Zeiten, unsicher. Altes gilt nicht mehr. Was ist daran schon neu?

          Oft sind die Gemeinsamkeiten mit dem eigenen Großvater größer als die mit den angemaßten Propheten der eigenen Generation. Generationenbegriffe wie „Y“ ergeben nur für jene Sinn, deren Daseinszweck darin besteht, Menschen einzuteilen und Kohorten Wesensmerkmale, Verhaltensweisen und Wunschvorstellungen unterzujubeln.

          Der Einzelne zählt nicht mehr viel, wenn andere schon dekretiert haben, was man von Autoritäten, Arbeit, Freizeit, Chatprogrammen oder Beziehungen hält. Es ist ein Antiindividualismus, der sich als sein Gegenteil ausgibt. Die Lebensphase der angeblich größten Selbstverwirklichung mit Ende zwanzig, Anfang dreißig wird so kollektiviert.

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