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„Gender Mainstreaming“ : Der kleine Unterschied

Bild: Anke Feuchtenberger

Die EU und Deutschland haben sich dem „Gender Mainstreaming“ verpflichtet. Dieser Politik liegt die Behauptung zugrunde, Geschlechtsrollen seien nur erlernt. Propagiert und durchgesetzt hat das der Feminismus, doch am Anfang steht ein Menschenversuch, schreibt Volker Zastrow.

          Am 22. August 1965 kamen im kanadischen Winnipeg, einer Stadt etwa so groß wie Frankfurt, Zwillinge zur Welt. Ein seltenes und freudiges Ereignis - auch für die Wissenschaft. Denn eineiige Zwillinge haben dasselbe Erbgut. Also kann man dessen Einfluß an ihnen erforschen, was im 20. Jahrhundert auch überreich geschah. Bruce und Brian Reimer dienten als Beweis dafür, daß die Erbanlagen das Geschlecht eines Menschen nicht bestimmen. Weiblichkeit und Männlichkeit sind keine biologischen Identitäten, sondern psychische: So lautet die Annahme, die heute als Grundlage des „Gender Mainstreaming“ in die Politik eingegangen ist. „Man kommt nicht als Frau auf die Welt“, hieß das bei Simone de Beauvoir, „man wird dazu gemacht.“

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bruce Reimer kam nicht als Frau auf die Welt, aber er sollte dazu gemacht werden. Sieben Monate nach der Geburt des Jungen wurde sein Penis bei einer Beschneidung vom Arzt mit einem elektrischen Instrument so stark verbrannt, daß das Glied sich schwärzte und bald vollständig abfiel. Keiner der hinzugezogenen Mediziner konnte den Eltern einen Weg aufzeigen, diesen Schaden wenigstens einigermaßen zu beheben. Die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie reichten nicht so weit. Im Februar 1967 sahen Ron und Janet Reimer dann in einer Fernsehrunde einen Doktor aus den Vereinigten Staaten, der ihnen wieder Hoffnung gab. Es war John Money, ein Psychiater vom Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore.

          Weitreichende seelische Konsequenzen

          Money behauptete in der Sendung, man könne aus Männern ohne weiteres Frauen machen. Er hatte eine Blondine mitgebracht, die in kurzem Rock und enger Jacke, mit Stöckelschuhen, langen Wimpern, schwarz umrandeten Augen, Lippenstift und Make-up einen betont femininen, ja aufreizenden Eindruck machte: einen Transsexuellen, der sagte, er fühle sich nach seiner operativen Geschlechtsumwandlung vollständig als Frau, „körperlich und geistig“. Die Eheleute Reimer erblickten darin die Lösung ihrer Probleme. Sie schrieben an Money, nicht ahnend, daß sie umgekehrt auch ihm etwas boten, was er dringend benötigte: die Chance, mit einem Experiment seine radikale Theorie zu beweisen.

          John Money kam 1921 in Neuseeland zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er in die Vereinigten Staaten und beendete dort seine Ausbildung zum Psychiater. Sein Lebensthema wurde die Sexualität, wobei er sich zunächst vorwiegend mit Inter- und Transsexuellen beschäftigte. Intersexuelle (oder Hermaphroditen) besitzen wegen vorgeburtlicher Entwicklungsstörungen keine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit. Ihre Genitalien stehen in mehr oder weniger starkem Widerspruch zu ihrem chromosomalen Geschlecht. Für die Betroffenen hat das natürlich auch weitreichende seelische Konsequenzen. Als transsexuell werden dagegen Personen bezeichnet, die trotz eindeutigen körperlichen Geschlechts den Wunsch verspüren, dem anderen Geschlecht anzugehören, sich entsprechend zu kleiden und oft auch umoperieren zu lassen.

          Der lebende Beweis

          John Moneys Arbeitsgebiet war also eher entlegen. Doch seine Schlußfolgerungen haben weite Kreise gezogen. Er hat die Begriffe „gender identity“ und „gender role“ geprägt, und er wurde zugleich der einflußreichste wissenschaftliche Wegbereiter der Gender-Theorie, der zufolge das soziale Geschlecht (gender) dem Menschen willkürlich zugewiesen wird und daher vom biologischen Geschlecht (sex) bis zur vollständigen „Diskordanz“ abweichen kann: daß man also erfolgreich einen Jungen zu einer Frau oder ein Mädchen zu einem Mann erziehen könne.

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