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„Gender Mainstreaming“ : Der kleine Unterschied

Der Reimer-Fall und mit ihm Moneys Theorie wurde nun auch in die Lehrbücher zahlreicher wissenschaftlicher Fachgebiete aufgenommen. 1975 schilderte ihn Money in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Sexual Signatures“ abermals als „schlagenden Beweis“ für die offene Geschlechtsidentität des Menschen. Auch in der feministischen Literatur belegte der Fall Reimer die beliebige Formbarkeit geschlechtlicher Identität. Alice Schwarzer erwähnt ihn, worauf unlängst die Journalistin Bettina Röhl hingewiesen hat, in ihrem 1975 erstmals erschienenen Buch „Der kleine Unterschied“. Schwarzer lobt Money und Ehrhardt als Ausnahmewissenschaftler, die „nicht manipulieren, sondern dem aufklärenden Auftrag der Forschung gerecht werden“, und erzählt die Erfolgsgeschichte ihres Experimentes nach. Dank Hormonbehandlung und plastischen Operationen werde Brenda Reimer eine „normale“ Frau sein, die nur nicht gebären könne.

Nicht ganz folgerichtig heißt es dann weiter, daß die Gebärfähigkeit ohnehin der einzige Unterschied zwischen Männern und Frauen sei. „Alles andere ist künstlich aufgesetzt, ist eine Frage der geformten seelischen Identität.“ Bis in die aktuelle, im September 2004 erschienene zweite Auflage der Neuausgabe (2000) ihres in viele Sprachen übersetzten Buches präsentiert Alice Schwarzer in keinen Widerspruch duldendem Stil den lebenden Beweis für die Gendertheorie.

Der war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon tot. Bereits seit 26 Jahren hatte er unter dem Namen David wieder als Junge und Mann gelebt. Im Frühjahr 2004 erschoß sich David Reimer mit einer Schrotflinte. Die wissenschaftliche Kontrollgruppe des Zwillingsexperiments, sein Bruder Brian, hatte sich im Jahr zuvor mit Tabletten das Leben genommen.

Nicht in einer Million Jahren

Fast ihre ganze Kindheit lang waren die beiden von nahezu ihrer gesamten Umgebung, von Ärzten und Therapeuten, Verwandten und vor allem den eigenen Eltern, manipuliert und über Grundtatsachen ihres Lebens belogen worden. Wer nicht von vornherein Moneys Auffassungen teilt, kann sich kaum vorstellen, daß so eine Erfahrung Vertrauen und Lebensmut nicht schwer beschädigen sollte. Und wie soll es möglich sein, ein Kind von fast zwei Jahren, das bis dahin wie ein Junge behandelt und gekleidet wurde, nach einer Kastration von einem Tag auf den anderen als Mädchen aufzuziehen? „Brenda“ versuchte jedenfalls, das Kleidchen, das seine Mutter genäht und ihm nach der Rückkehr von der Operation in Baltimore angezogen hatte, wieder herunterzureißen. Doch seine Eltern setzten nun alles daran, ihm mädchenhaftes Verhalten beizubringen - sogar in besonderem Maße. Beispielsweise wurde es ihm im eisigen kanadischen Winter verwehrt, Hosen zu tragen, anders als gleichaltrigen Mädchen.

Die Reimer-Zwillinge hatten ausgesprochen zarte und niedliche Gesichter. „Brenda“ erscheint in Kleidchen und mit den langen Haaren auf Fotos ohne weiteres als Mädchen, wie John Colapinto schreibt, ein ehemaliger Reporter der Musikzeitschrift „Rolling Stone“. Colapinto hat über den Fall im Jahr 1998 eine lange, preisgekrönte Reportage und anschließend das Buch „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“ veröffentlicht. Jeder würde das kleine Kind auf dem Buchtitel für ein Mädchen halten. Doch im Verhalten war „Brenda“ jungenhaft: Er wollte mit dem Spielzeug seines Bruders spielen, tobte und raufte, interessierte sich für Autos und Waffen statt für Puppen, Schmuck und Kleider. Von Money, bei dem die Familie jährlich in Baltimore erschien, wurde das als „Tomboy“-(Wildfang-)Verhalten bewertet, wie es auch sonst bei Mädchen vorkommt.

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